Darf man sich die Bilder von Giulio Camagni nach Sonnenuntergang noch anschauen? Klar, warum NICHT? Bloß weil der Künstler eine Aversion gegen künstliches Licht hat und lieber bei natürlichem Licht malt (da wird es ihn freuen, dass die Tage endlich wieder länger werden), muss man seine Gemälde doch nicht verhängen, bevor man am Abend den Lichtschalter betätigt. Oder werden sie vom Kunstlicht etwa schlecht? (Das war eine rhetorische Frage. Die beantwortet sich von selbst mit Nein.) Außerdem ist in der artmark galerie ja ebenfalls die eine oder andere Lampe an.

1973 in Udine geboren, ist der Italiener in Mailand aufgewachsen, hat ein paar Jahre in der Wiege der Renaissance verbracht (in Florenz), war im Comic (als Zeichner) und irgendwann dann auch in der Malerei genauso daheim, wie er es seit 2003 in Wien ist, wo er nun quasi die Leere verputzt. Jedenfalls spachtelt er seine zurückhaltenden Farben (sein erdverbundenes rötliches Braun, das Blau, das überhaupt nicht unbunte oder eintönige Weiß – und er kennt sogar schon seine NÄCHSTE Lieblingsfarbe: Gelb!) in großzügiger Reduktion auf die Leinwand und bringt sie zum pittoresken Verwittern und Rosten. Abstrakte Flächen, in denen die Zeit zu vibrieren scheint, vernebeln zu suggestiver Unschärfe, zu Landschaften. Manchmal taucht ein geheimnisvolles Stück Geometrie in diesen Gefilden auf, konzentrierte Farbe und Form. Mutet seltsam fremd an, "außerirdisch", wie der ominöse Monolith auf dem Mond in Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum".

Eindeutig eine Landschaft. Giulio Camagni hat sie gespachtelt. Mit Farbe und Asche. - © artmark galerie, 2021
Eindeutig eine Landschaft. Giulio Camagni hat sie gespachtelt. Mit Farbe und Asche. - © artmark galerie, 2021

Ton ist ein brennbares Material

Aus dem Boden wachsen diese Dinger offenbar ebenso. Beziehungsweise formt Camagni sie aus Ton und brennt sie nachher im Garten. Vier stehen in der Galerie auf einem Sockel herum wie selbstgenügsame Scherben eines nicht mehr wichtigen größeren Ganzen. "Feurig" ist Camagnis ruhige, abgeklärte Malerei aber eh auch irgendwie. Weil er sie mit Asche "düngt". Und das domestizierte, häuslich gewordene Holz, dem man es ansieht, dass es lange mit Menschen zusammengelebt hat, und aus dem der Künstler schlichte Objekte zusammenzimmert (die handfesten Echos seiner Bilder gewissermaßen), ist immerhin ein brennbares Material. (Okay, ein etwas anderes als der Ton.) Die grünblaue Tür eines Kastls wird kurzerhand "entgegenständlicht" und als abstrakte, abgenutzte Farbfläche auf einen gefundenen Balken montiert, der jetzt vor einem – gemalten – erodierenden Weiß strammsteht und es mit archaischer Strenge bewacht. Und der Skorpion (ein Brett als Körper, Dachrinnenhalter als Beinchen) ist beinah so genial simpel wie Picassos legendärer Stierschädel, dieser Fahrradsattel, der von einer Lenkstange gehörnt wird.

Stimmig. Egal, bei welcher Beleuchtung. Und wer von Giulio Camagni noch nicht genug hat: Im italienischen Kulturinstitut in der Ungargasse 43 gibt’s bis zum 15. April mehr von ihm.