Wenn man an Bilder aus Venedig denkt, kommt man am Klischee kaum vorbei. Taubenfüttern am Markusplatz, Maskenumzüge im Carnevale, die Bootsregatta am Canal Grande, das Vaporetto als ungewohntes Transportmittel. All diese Bilder haben in der Regel eines gemeinsam: Die Motive werden umsäumt von Menschenmassen. Kaum eine Jahreszeit, in der es im größten historischen Freiluftmuseum Europas nicht eng und voll ist. Außer im Sommer. Da ist es etwas weniger voll, aber dafür unerträglich heiß.

Doch ausgerechnet im Jubiläumsjahr sehen wir plötzlich andere Bilder aus der Serenissima. Vor wenigen Tagen sorgte ein Delfinpärchen für digitale Furore, das gemütlich durch den Canal Grande schwamm. Die Natur holt sich ihren Raum zurück, spottete man im Netz. Doch so falsch ist das natürlich übertriebene Bild nicht, denn Venedig hat seit Menschengedenken nie so wenige Touristen gehaben wie im vergangenen Jahr. Und wenn man die Touristen weglässt, bleibt von Venedig plötzlich wenig über: alte Gebäude, leere Kanäle und eben Delfine unter der Rialto-Brücke.

- © Marco Secchi
© Marco Secchi

Der Pandemie (die auch den Veneto hart trifft) zum Trotz besteht Venedig auf seine Jubiläumsfeier, die am Donnerstag mit einer live übertragenen Messe beginnt. Mitten in der Wirtschaftskrise, unter dem völlig zusammengebrochenen Tourismus stöhnend hat Venedig nun Zeit, an sich selbst zu denken. Unmittelbarer Anlass der Feier ist, als wäre das nicht auch ein Klischee, eine Legende. Am 25. März des Jahres 421 um genau 12 Uhr mittags soll der Grundstein für die Kirche San Giacomo auf der Laguneninsel Rialto gelegt worden sein. Die Kirche wurde als Erfüllung eines Gelübdes zur Rettung vor einem Feuer errichtet. Heute sieht man dieses wohl eher symbolische denn faktische Datum als Beginn der venezianischen Staatswerdung und der Beginn der legendären Geschichte Venedigs.

Flucht vor den Goten

- © Ricardo Gomez Angel
© Ricardo Gomez Angel

Der Überlieferung nach befand sich die erste Siedlung Venedigs auf der Rialto-Insel, wo die auch heute noch bestehende Kirche mit dem Bleidach gebaut wurde. Die Insel hat strategische Bedeutung, liegt sie doch etwas höher als die anderen, weshalb sie Rivus Altus (Hohes Ufer) genannt wurde. Die Stadt entstand auf einer Gruppe von Inseln im Umkreis und in der Lagune, auf denen sich Flüchtlinge angesiedelt hatten, die sich dort im Jahr 408 vor den Westgoten Alarichs in Sicherheit brachten.

- © Dimitry Anikin
© Dimitry Anikin

Ihre Lage auf mehr als hundert Inseln in der mehrere tausend Jahre alten Lagune hat schon immer einen gewissen Schutz für Begehrlichkeiten anderer geboten. Musste man früher jedenfalls mit dem Schiff anreisen, gibt es heute eine mehrspurige schnurgerade Straße, die das Festland von Mestre mit dem historischen Stadtkern verbindet. An deren Ende passenderweise ein riesiges Parkhaus wartet. Denn befahrbar ist Venedig nur mit Wasserfahrzeugen. Die Lagunenstadt war aufgrund ihre Lage über Jahrhunderte ein bedeutender Player der europäischen Geschichte. Bis 1797 bestand die Republik Venedig, die mit über 180.000 Einwohnern eine der größten europäischen Städte beherbergte. Große Teile des Handels über das Mittelmeer wurden über Venedig abgewickelt, was der Stadt nicht nur Zugang, sondern quasi Monopol auf Luxusgüter wie Gewürze, Seide und andere Waren aus dem Orient brachte. Das machte die Elite unter Leitung der Dogen reich und sicher. Erst nach französischer und österreichischer Herrschaft zwischen 1798 und 1866 wurde Venedig ein Teil des vereinigten Italiens.

Eine Messe zum Start

Es ist wohl als Symbol zu verstehen, dass man sich zur Eröffnung der Feierlichkeiten eine religiöse Zeremonie ausgesucht hat. Immerhin geht es in der Legende um den Bau einer Kirche. Der Patriarch von Venedig, Francesco Moraglia, zelebriert am Donnerstag eine Messe, die vom Fernsehen sowie im Livestream übertragen wird. Um 16 Uhr werden alle Glocken der Stadt gleichzeitig läuten. Um 18.30 Uhr sendet RAI2 einen Dokumentarfilm über die 16 Jahrhunderte alte Geschichte der Lagunenstadt.

Ein ganzes Jahr hat man sich für die coronabedingt natürlich für Zuschauer streng limitierten Feierlichkeiten gegönnt. Bis zum März 2022 stehen verschiedene kulturelle und historische Initiativen auf dem Kalender. Sie sollen die Dimension Venedigs als Stadt am Wasser hervorheben.

Die Veranstaltungen sind auf www.1600.venezia.it aufgelistet. Zu den Events, die trotz Pandemie in Venedig abgehalten werden, zählen die Nautik-Messe im Arsenal vom 29. Mai bis zum 6. Juni, sowie (zumindest aus heutiger Sicht) die Architektur-Biennale ab dem 22. Mai. Einige Veranstaltungen sollen mit dem Gipfeltreffen der G20-Wirtschaftsminister vom 7. bis zum 11. Juli zusammenfallen. Beim Treffen im Arsenal, an dem auch die Notenbankchefs der G20 teilnehmen, soll über die Perspektiven globaler Entwicklung diskutiert werden.

All die Feierlichkeiten können natürlich nicht das Dilemma verdecken, das Venedig als Stadt des Tourismus hat. Ohne die Touristen ist ein Überleben nicht möglich und dennoch sind es gerade die Touristen, die der Stadt und ihrer fragilen Konstruktion Schaden zufügen. Man denke nur an die ewige Debatte über die Verbannung der Kreuzfahrtschiffe, die die Lagune ruinieren und mehr Kosten verursachen, als seine Insassen in der Stadt jemals ausgeben können.

Und so ist das Jubiläum auch ein Akt der Reflexion und Selbstfindung, wie Bürgermeister Luigi Brugnaro betont. "Das G20-Treffen wird eine Phase des symbolischen Neustarts für Venedig darstellen. Meine Hoffnung ist, dass das Gipfeltreffen und die Feierlichkeiten für das Gründungsjubiläum der Stadt die Basis für eine neue Ära darstellen." Eine neue Ära, in der Venedig wieder eine Protagonistenrolle in der Welt spielt. Und nicht nur eine hübsche, aber leicht verfallene Kulisse für die Weltbühne beisteuert.