Fröhlich, aber auch ein wenig abgründig: eine Arbeit aus Beschorners Serie "Puppas". - © Wien Museum / Musa
Fröhlich, aber auch ein wenig abgründig: eine Arbeit aus Beschorners Serie "Puppas". - © Wien Museum / Musa

Lieselott Beschorners Serien von Objekten und Sammelgegenständen, die aus ihrem Haus in Gersthof für die Personale "Kunstbedürfnisanstalt" in die Landesgalerie verpflanzt wurden, lösen Assoziationen aus - an die Nouveaux Réalistes und Daniel Spoerri, aber auch an die Bilder der heute nahezu vergessenen Malerin und Performerin Ingrid Opitz aus der feministischen Avantgarde, und so manche Collage erinnert auch an die bissigen Montagen der Fotografin Elfriede Mejchar.

Doch Beschorner, Jahrgang 1927, besticht vor allem durch Eigenwilligkeit ohne viel Rundblick. Sie studierte ab 1945 bei Robin Christian Andersen an der Wiener Akademie, war damals unter den ersten Künstlerinnen, die in die Wiener Secession aufgenommen wurden und ging - wie nach dem Krieg üblich - 1955 bis 1986 als Zeichenlehrerin einem Brotberuf nach. Sie konnte und wollte sich nicht am Kunstmarkt etablieren; auch wenn sie in mancher Gruppenschau vertreten war, kam erst vor einem Jahrzehnt die verdiente Wiederentdeckung durch Berthold Ecker und eine Personale im Musa.

Vereinte verfeindete Tendenzen

Beschorner hat, nach Reisen und Stipendien in ihrer Akademiezeit mit befreundeten Kolleginnen wie Irene Pribil, Gertraud Taschek und Isolde Jurina, 1952 einen Kollegen geheiratet, Emil Thoman. Die Ehe hielt nur bis 1954 und kostete sie die Vergabe des Fügerpreises. Die Akademie hatte die Auszeichnung ihr zugesagt, verlieh die Ehrung aber dem Gatten, weil die Ehefrau damals schlicht als Anhang galt. Nach der Scheidung unterrichtete Beschorner an der Berufsschule für Friseure und Perückenmacher und widmete sich daneben allein ihren zahlreichen künstlerischen Inspirationen. Aus der zeitgleichen Avantgarde übernahm sie zwar die abstrakten Tendenzen, doch hing sie zudem, damals noch völlig ungewöhnlich, immer auch dem Fantastischen in Objekten und Collagen an. Die zwei verfeindeten österreichischen Tendenzen zu vereinen, ist nur Beschorner im Verborgenen gelungen. Daneben suchte und fand sie auf Streifzügen am Rand von Wien alte Werkzeuge, Schlüssel, Geschirr und wandelte die Fundobjekte in ein langsam entstehendes Gesamtkunstwerk in Haus und Garten um. Die "Erinnerungswand" im Museum gibt einen Eindruck davon. Solche Vielseitigkeit wurde den Künstlerinnen um 1970 noch als Fehler angelastet, als Entscheidungsschwäche gegenüber einem Personalstil, den der Markt verlangte oder der auch von den feministischen Avantgardegruppen thematisch vorgegeben war.

Auch weil sie sich nicht für Neue Medien entschied, blieb Beschorner Außenseiterin, das Mobbing in der Schule beantwortete die nach außen eher Schüchterne mit ihren "Groteskerien" und "Emotionalien". Aufgeklebte Augenpaare, auch Münder aus Magazinen paaren sich darin mit einer der Pop Art nahen Malerei und Filzstiftzeichnungen, daneben finden sich "Kritzeltiere" und abstrakte "Schichtenbilder".

Beschorner entdeckte die Schönheit des Hässlichen parallel zu den Realisten Adolf Frohner, Georg Eisler, Fritz Martinz und Hans Escher, verstärkte dies aber mit einem Hang zum Abgründigen in ihren Objekten. Franz Xaver Messerschmidt und Karikaturen des 19. Jahrhunderts scheinen in den Tonköpfen wiederzuerwachen, am skurrilsten sind ihre "Puppas" und aus Strümpfen, Kleiderständern und Schuhen gefertigte Monster wie die Arbeit "Gruppensex", die auch in der Schau "The Beginning" der Albertina Modern kürzlich zu sehen waren. Sie nehmen die frechen Figuren-Ensembles der bekannten britischen Künstlerin Sarah Lucas um Jahre vorweg.

Ungebrochener Impetus

Aus Wollresten, die sie ebenso wie geschenkte Kartons und andere Materialgaben mit einem Hang zum Magischen verarbeitete, ist von 1975 bis ’80 ihre Puppenfamilie entstanden. Diese Hauptwerke bilden eine ganze Wand in der Ausstellung. Beschorner lässt dabei Vorlieben für Tribal Art und Masken erkennen, hatte aber nie die Absicht, an Rituelles zu appellieren. Die Puppen wirken zwar wie böse Geister und Fetische, sind aber für die Künstlerin nur harmlose Mitbewohner des Gersthofer Hauses.

Vor einigen Jahren hat sich Beschorner entschieden, ihren Nachlass auf das Musa (heute Wien Museum) und die Sammlungen des Landes Niederösterreich zu verteilen. Dazu zählen auch die meditativen "Streifenbilder" und die abstrakte "Ursuppe" der "Reliefbilder", die aus Acrylfarbe, Nylonstrümpfen und Moltofil auf Hartfaser entstanden sind. Seit einem Jahr arbeitet sie nun an einer Serie zum Thema Corona. Ihre frühen Spontanzeichnungen und überarbeiteten Kalenderblätter hat sie mit Wachsölkreiden zu viralen Stachelobjekten verwandelt: Ironie in der Krise. Auch der institutionskritische Ausstellungstitel stammt von der 94-Jährigen selbst. Vor so viel ungebrochenem künstlerischem Impetus und Humor kann man nur den Hut ziehen.