Wie lange dauert ein Augenblick? Hm. Offenbar lange genug, dass man mit freiem Auge noch was erkennen kann. Sonst hieße er doch nicht Augenblick, oder? Andererseits bleibt die Zeit nicht stehen, bloß weil man die Augen schließt. Laut Online-Duden zumindest ist "Augenblick, der": ein "Zeitraum von sehr kurzer Dauer". Ja eh, aber wie lange IST "sehr kurz"? Die ephemeren Skulpturen von Sissa Micheli existieren jedenfalls definitiv kürzer als "sehr kurz", also wohl lediglich für BRUCHTEILE eines Augenblicks.

Und warum sind sie trotzdem nicht unsichtbar? Weil die in Wien lebende Südtirolerin sie fotografiert hat ("Das kann man halt nur mit einer Kamera, die wirklich drrrrrt", sprich: die verdammt g‘schwind ist) und weil ihre Fuji eben SCHNELLER schaut als sie. Die Fotografie erfüllt da nicht allein ihre ureigenste Aufgabe, Vergängliches festzuhalten, zu konservieren, sie zeigt uns quasi obendrein nachträglich etwas, das vorher nicht einmal die Künstlerin gesehen hat. Etwas Unfassbares, nicht Greifbares.

Kleider sind Wegwerfprodukte

Man kennt die interaktiven One Minute Sculptures von Erwin Wurm, die das Publikum selber realisieren muss, indem es Alltagsgegenstände den Anweisungen folgend zweckentfremdet und die jeweilige Pose eine Minute lang hält. Insofern handelt es sich bei Michelis Arbeiten um "One Twothousandth of a Second Sculptures", immerhin bannt die Fotografin und Medienkünstlerin jedes Mal eine 2000stel Sekunde auf ein Bild, das man nachher allerdings stundenlang betrachten kann. "On Transient Phenomena" lautet der Titel der (auch farblich) stimmigen, vorwiegend in Schwarz, Grau und "Hauttönen" gehaltenen Ausstellung in der Galerie Estermann + Messner entsprechend, was übersetzt so viel bedeutet wie: Über flüchtige Erscheinungen.

Das Gesichtsverhüllungsverbot ist seit Corona sowieso kein Thema mehr: Aus Sissa Michelis "Scenario of Existence". - © Sissa Micheli / Bildrecht Wien 2021
Das Gesichtsverhüllungsverbot ist seit Corona sowieso kein Thema mehr: Aus Sissa Michelis "Scenario of Existence". - © Sissa Micheli / Bildrecht Wien 2021

Und was SIND nun diese "Transient Phenomena"? Schwall und Rauch. Schwall? Mit w? Genau. Schwellende Gewänder, pittoreske Textilgebilde. Kleidung wird hier nämlich nicht passiv getragen, sondern von den Models aktiv geworfen (oder sollte ich vielmehr schreiben: Sie wird nicht ent-worfen, sie wird ge-worfen?), lernt fliegen, bevor sie notgedrungen wieder abstürzt. (Ist Mode nicht sowieso ein Wegwerfprodukt? Nach einer Saison bereits "out"?) Und am Ende kommen rätselhafte, surreale Aufnahmen heraus, wo lebendig gewordene Anziehsachen sich von der menschlichen Anatomie emanzipieren, diese zugleich ver- und sinnlich ent-hüllen und im Flug ihre EIGENEN, schier schwerelosen Körper formen. Oder in Michelis Worten: "Dieses Werfen ist so wie eine Idee, die Gestalt annimmt."

Ein Leiberl lodert vor einem Gesicht regelrecht auf, dunkle Stoffmassen bauschen sich dramatisch zu Gewitterwolken auf, aus denen dann irgendwo Füße, eine Hand, Lippen hervorblitzen. Die meist steife Haltung der ätherisch umwölkten, umflatterten Leiber irritiert zusätzlich. (Dabei werden manche gar innig umworben wie die Nymphe Io von Zeus, diesem Goldmedaillengewinner in der olympischen Disziplin des Seitensprungs, nur dass Heras untreuer Göttergatte sich seiner Gespielin nicht wie im Mythos und in Correggios duftig erotischem Gemälde als Wolke nähert, sondern sozusagen in Frauenkleidern. Äh, seit wann ist der Seitensprung eine olympische Disziplin? Na ja, seit der Titelverteidiger auf dem Olymp residiert.)

Sie hat die Sissi zum Weinen gebracht

Ursprünglich hat Micheli, die 1975 in Bruneck geboren wurde und an der Wiener Kunstakademie studiert hat, mit ihren fliegenden Kleidungsstücken die Auslagerung der Textilindustrie in Billiglohnländer kommentiert. Hat die Klamotten vor einer ehemaligen Textilfabrik in London abheben, sie "vor dem leerstehenden Gebäude noch einmal aufleben lassen" (wie sie selbst sagt). Ihr Rückzug ins Innere neuerdings, die Hinwendung zur Studiofotografie, ist übrigens "eine Frucht des Lockdowns". ("Man ist ja zu Hause eingesperrt.") Blitzlicht kommt aber dennoch keines zum Einsatz. Ein Ventilator genauso wenig.

Textile Gewitterwolke mit Füßen: Wie genau die Sissa Micheli das macht, bleibt ihr Geheimnis. - © Sissa Micheli / Bildrecht Wien 2021
Textile Gewitterwolke mit Füßen: Wie genau die Sissa Micheli das macht, bleibt ihr Geheimnis. - © Sissa Micheli / Bildrecht Wien 2021

Okay, drinnen war sie VOR Corona ebenfalls, als sie sich 2019 im Stadtmuseum Meran mit der Sammlung auseinandergesetzt und diese dabei ein bissl durcheinandergebracht hat. In ihren originellen temporären Assemblagen hat sie ganz neue, ungeahnte Bezüge zwischen den Abteilungen und Epochen hergestellt, hat fantastische Geschichten imaginiert. (Temporär, wohlgemerkt, denn später hat sie ja alles wieder zurückräumen müssen.) Die Sissi zum Beispiel (oder eigentlich ihren abgeschlagenen Kopf) hat sie zum Weinen gebracht, der zum Denkmal versteinerten Kaiserin "Tränen" aus der Mineraliensammlung ("Tears of the Past") aufs Aug gedrückt: Milchquarzkristalle. Und an Man Ray gedacht, an die kullernden Glastropfen auf den Wangen seiner Geliebten Kiki.

Ach, und die vom Museum haben ihr die Exponate einfach so zum "Spielen" überlassen und es hat sie nicht gestört, dass da jemand einen glatzerten Totenschädel mit einem Haarkamm aus dem 18. Jahrhundert und einem Pelzchen aus der Neandertalerausstellung aufputzt? (Der fotografische Beweis für letzteres Opus befindet sich in einem Katalog in der Galerie.) Micheli: "So einfach war’s nicht." Die Totenmaske von Napoleon haben sie nämlich NICHT herausgerückt. ("Beim Napoleon ham sie gesagt, sie kriegen die Vitrine nicht auf." – Ja, ja, klar. Das Türl hat geklemmt.)

Bis die Schuhe wie ein Vulkan qualmen

Und der Rauch? Den hat die Künstlerin unter anderem in einen Teppich einweben lassen, der sich einem jetzt devot vor die Füße wirft. Ein malerisches Gewebe aus Rauch und Zeit, Theatralik und Beschaulichkeit. Konkret hat sie das fotogene Gewölk, das der STROMBOLI ausgespuckt hat, flachgelegt. Da läuft man zwar nicht über glühende Kohlen, aber heiß ist das Motiv auf dem Teppich auch. Gut, die gespannte Kette davor, eine Stolperfalle, soll den Besucher vermutlich davon abhalten, tatsächlich draufzutreten.

Für tolle Fotos kraxelt Micheli jedoch nicht bloß auf einem aktiven Vulkan herum, für die Kunst treibt sie sich außerdem in den Südtiroler Bergen herum, bis ihre SCHUHE wie ein Vulkan qualmen. Nein, natürlich sind das in Wahrheit Rauchkerzen, machen die Schuhe grad eine Rauchpause, bei der man schon vom Hinsehen einen Raucherhusten kriegt. Micheli: "Das kann ich nicht einfach in der Stadt machen, da muss ich auf den Berg." Nachsatz zur Erklärung: "Wo ned glei a Polizei oder a Feuerwehr kommt." (Aha, verstehe.) Witzige Vorstellung, der Rauch könnte plötzlich losmarschieren, nun, wo er Schuhe anhat.

Diese Schuhe von Sissa Micheli sind echt starke Raucher. Wie der Stromboli. - © Sissa Micheli / Bildrecht Wien 2021
Diese Schuhe von Sissa Micheli sind echt starke Raucher. Wie der Stromboli. - © Sissa Micheli / Bildrecht Wien 2021

Meine erste Assoziation war ja weniger lustig. Irgendwas mit zwei Katzen, die im Duett drauflos gejammert haben, während mir ein paar Verse aus dem "Struwwelpeter" in den Sinn gekommen sind, aus diesem Kinderbuchschocker, in dem Buben die Daumen abgeschnitten werden und sich Mädchen selber einäschern, weil ihre Eltern die Streichhölzer nicht kindersicher verwahrt haben und noch dazu ihre Aufsichtspflicht verletzen: "Verbrannt ist alles ganz und gar, / Das arme Kind mit Haut und Haar; / Ein Häuflein Asche bleibt allein / Und beide Schuh‘, so hübsch und fein." Schuhe sind halt die bleibenden Werte. Nicht einmal dezent angekohlt sind sie in der Illustration.

Was haben eigentlich der Stromboli und Kommissar Maigret gemeinsam? Beide sind leidenschaftliche Raucher. Die Pfeife in der Auslage ist nichtsdestotrotz die von Magritte und nicht die von Maigret. Pardon: Ceci n’est pas Magritte. Das ist DOCH kein Magritte, das ist eine Micheli. Dafür weist das Objekt eine frappante Ähnlichkeit auf mit jener Pfeife, von der der belgische Surrealist beharrlich behauptet hat, sie wäre keine. ("Ceci n’est pas une pipe" – Das ist keine Pfeife.) Seine war eben nur gemalt und nicht echt. Diese hier IST aber zweifellos "une pipe", der Rauch dagegen ist eine (eher plumpe) Fälschung, ist eine Imitation wie der, der aus dem schwarzen Globus gleich daneben emporsteigt und sich dort zu Polyurethan verfestigt hat.

Ein kleiner Weltuntergang für den Schreibtisch

Mit dem Abdrücken hat sie sich diesmal Zeit lassen können, die Micheli. Besonders weil sie den Finger ausnahmsweise auf dem Sprühknopf einer Spraydose gehabt hat und der Rauch, den sie authentisch grau eingefärbt hat, ohnedies brav stillgehalten hat. ("Für mich ist das die Weiterführung des Drückens auf den Auslöser. Ich bin ja keine Malerin mit dem Pinsel.") Der Blaue Planet wird durch eine gigantische Eruption zum toten Schwarzen Planeten. Ist der Stromboli (könnte von der Position sogar hinkommen) etwa größenwahnsinnig geworden? Oder der Supervulkan unterm Yellowstone-Park ist der Übeltäter. Eine apokalyptische Weltuntergangsvision in der handlichen Version für den Schreibtisch. Zur ständigen Mahnung, dass nichts ewig währt, auch der Boden unter den Füßen nicht?

Schaut aus wie die Pfeife von René Magritte und man kann sie auch nicht rauchen. Weil Sissa Micheli sie bereits mit zu viel Rauch verstopft hat. - © Sissa Micheli / Bildrecht Wien 2021
Schaut aus wie die Pfeife von René Magritte und man kann sie auch nicht rauchen. Weil Sissa Micheli sie bereits mit zu viel Rauch verstopft hat. - © Sissa Micheli / Bildrecht Wien 2021

Sissa Micheli kann in puncto Weltzerstörung vielleicht nicht dem Roland Emmerich Konkurrenz machen, denn kaum einer hat "the third rock from the sun" so oft und so spektakulär kaputt gemacht wie er, auf wenigstens ein Mal kommt sie freilich ebenso. Sicher, ihr Katastrophenfilm ist mit einem deutlich geringeren Budget gedreht worden als Emmerichs "2012 – Das Ende der Welt". Alles was sie zur Verfügung hatte, war ein Schulglobus mit einem Loch und mit einer Rauchkerze drin. Egal, zum Schluss ist die Erde explodiert. Ungeplanterweise. Bei Estermann + Messner ist die Zeit aber vor dem endgültigen Wumm gewissermaßen eingefroren, sind die bewegten Bilder zu einer reglosen Skulptur erstarrt.

Existenzielles und Menschliches zwischen Kalkül und Zufall, Aktualität und Kunstgeschichte. Hochästhetisch und mysteriös visualisiert Sissa Micheli die Vergänglichkeit, kitzelt die schönsten Momente aus einem Augenblick heraus.