Auf diesen Bildern schaut es ja fast so aus wie in meiner Wäscheschublade! Ein wildes Kuddelmuddel zwischen Orgie und Massengrab. Passenderweise heißt die Ausstellung in der Galerie Artecont "CHAOS". Noch dazu in empathischen Blockbuchstaben. Die Welt ist eben kein gepflegter französischer Garten. Bestenfalls ein englischer. (Mit seiner wildromantischen, künstlich angepflanzten "Natürlichkeit".) Aber wahrscheinlich nicht einmal ein solcher.

Adel Dauood ("a geborener Maler, der net anders kann" – so beschreibt Galerist Herwig Dunzendorfer ihn) ist offenbar nicht nur Maler und Zeichner, sondern ein genauso geschickter Verführungskünstler. Zu seinen Leinwänden, die einen mit ihren attraktiven, einnehmenden Farben anlocken, fühlt man sich jedenfalls auf Anhieb hingezogen. Die malerische Grundstimmung, ein pittoreskes "Hintergrundrauschen" quasi, verschmilzt da mit einer expressiven Zeichnung, verdichtet sich mit dieser zu einem unübersichtlichen Geschehen, zu einem gewissen Unbehagen.

"Touching": Zwischenmenschliches von Adel Dauood in warmblütigem Orange. - © Adel Dauood
"Touching": Zwischenmenschliches von Adel Dauood in warmblütigem Orange. - © Adel Dauood

Der Horror vacui hat einen Koffer dabei

Irgendwann exhumiert der konzentrierte Blick, der sich in dieser Konfusion zu orientieren versucht, dann aus dem Wirrwarr nackte Leiber, mit schwarzem, markigem Strich skizziert und von Schmerz und Panik deformiert, zur puren Kreatürlichkeit mutiert. Und man realisiert: In dieser Schönheit ertrinken Menschen. Im unwiderstehlichen Kolorit wird geflohen, geschrien, nach Luft und dem Leben geschnappt. Das Grauen ist nämlich nicht zwangsläufig – grau. Und wenn doch, ist es nicht hoffnungslos düster, höchstens neutral, gleichgültig gegenüber dem Leid.

"Bruchstücke": Anatomische Klumpen treiben ohne Schwimmwesten in der Verzweiflung, in einem geradezu epischen Horror. Auf einer Seitentafel des "Flood"-Triptychons (der Mittelteil hängt derzeit in der Landesgalerie Niederösterreich in Krems, in der Gruppenschau "Spuren und Masken der Flucht") verrenken sich Körper in Agonie, werden furchterregende zahnbewehrte Mäuler aufgerissen, ragt eine Hand aus der grauen Acrylflut, aus dem ekstatischen Schrecken. In "Escape" (Flucht) wird vom Horror vacui (der Angst vor der Leere, die die Ursache sein soll, weshalb manche ihre Bilder so vollstopfen) ein Koffer mitgeschleppt. Und überall starr geöffnete Augen, die einen fixieren.

Fernbeziehung mit einer Armlänge Abstand

Ja, Dauood, 1980 im syrischen Al-Hasaka geboren, ist ein Künstler "mit Fluchthintergrund". Aus Damaskus, wo er sein Kunststudium in dem Jahr abgeschlossen hat, in dem der Bürgerkrieg ausgebrochen ist (2011), ist er 2013 als Flüchtling nach Wien gekommen, und hier lebt und arbeitet er nun in seiner Zweizimmerwohnung, nutzt den einen Raum als Atelier, den andern zum Wohnen und Schlafen.

Adel Dauood lädt zum grausamen Letzten Abendmahl an den Futtertrog. - © Adel Dauood
Adel Dauood lädt zum grausamen Letzten Abendmahl an den Futtertrog. - © Adel Dauood

In Ersterem erzählt er mit seinem Pinsel, der keine Scheu vor Farbe hat, allerdings auch Liebesgeschichten, die freilich im Endeffekt Fernbeziehungen bleiben (mit einer Armlänge Abstand), malt sie in den warmblütigsten orangen und rosigen Tönen ("Touching"), weiß von Berührungen und Begegnungen, von Sehnsüchten, Begierden, oder bringt isolierte Figuren mit leidenschaftlichem Rot zum Glühen, geht überhaupt allgemeinmenschlich ins Existenzielle, weil sich sein eindrückliches Werk halt nicht auf Krieg (und was ist der anderes als der Inbegriff des Chaos?) und Vertreibung reduzieren lässt, genauso wenig wie seine "Flut" bloß plakativ das Sterben im Mittelmeer meint oder dieses gar "illustriert". Und was gibt’s zum Abendessen? Zum Letzten Abendmahl? Kadaver! In Futtertrögen! ("The Last Supper.")

Dass seine Kunst sehr psychologisch ist, beweist Dauood nicht zuletzt damit, dass er in seinen INTIMEREN Zeichnungen aus dem Unbewussten des Papiers und Kartons mit feinsinniger Brutalität Monster hervorkratzt, die sich als Tuscheschatten schemenhaft aus den subtilen Verletzungen erheben. Verdammt intensiv.