Wer es nun erfunden hat, das Wort "Osterruhe", ob Angela Merkel oder Michael Ludwig, umging damit bewusst das Unwort Shutdown - ganz im Sinn der philosophischen Bildbetrachtung René Magrittes im Gemälde "Der Verrat der Bilder" mit einer Pfeife samt Unterschrift: "Das ist keine Pfeife". In unserer derzeitigen Alltagsrealität bleibt uns zum Glück, Sinnesfreuden durch die Künste anzustacheln. Welche Themenkreise der Ruhe stellen Malerei und Skulptur dar, da sie doch selber meist für ruhige Betrachtung an einer Wand fixiert oder in die Nische eines Raums gestellt werden?

Die erste Antwort, die man bei dieser Frage erhält, ist das christliche Thema der "Ruhe auf der Flucht nach Ägypten". Als Zweites taucht "Die Ruhe nach dem Sturm" auf, wahrscheinlich durch berühmte Nach-Gewitterbilder wie jenes von Giorgione in der Accademia Venedigs oder die bekannte, erst kürzlich restaurierte Tafel von Peter Paul Rubens im Kunsthistorischen Museum: "Gewitterlandschaft mit Philemon und Baucis", genauer gesehen auch mit Merkur und Jupiter, die das alte Ehepaar auf einen Hügel gerettet haben, während der Rest der Menschen in Phrygien von ihnen als Strafe für mangelnde Gastfreundlichkeit in einer Sintflut ertränkt wurden.

Das Zwiegespräch

Peter Paul Rubens’ "Gewitterlandschaft mit Philemon und Baucis". - © KHM-Museumsverband
Peter Paul Rubens’ "Gewitterlandschaft mit Philemon und Baucis". - © KHM-Museumsverband

Ruhe in der Wüste oder in Höhlen zeigen die beiden wichtigen katholischen Heiligen Hieronymus und Maria Magdalena als Paradebeispiele für das stille Zwiegespräch mit Gott. Am Kunstmarkt ist dabei die Erotik der halbnackt betenden Magdalenen durch die Widersprüchlichkeit von Entsagen und Sinnlichkeit heute das weitaus beliebtere Motiv als die Gelehrtenhaltung des Bibelübersetzers. Auch der Hieronymus begleitende ruhende Löwe hilft da wenig, die geistigen Taten stehen immer noch, fast im Sinn der Gegenreformation, unter jenen des gefühlsmäßigen festen Glaubens. So triumphiert die aller Kleider und Reichtümer entledigte Büßerin auch oft über Bücher und Instrumente der Wissenschaft. Magdalena blickt meist gebannt ins Licht einer Kerze in dunkler Umgebung, die nicht ablenkt von ihrer Kontemplation.

Komischerweise kommen die vielen Ruhedarstellungen, die mit der Heilsgeschichte der Passion Christi zur Osterzeit einhergehen, erst nach den anfangs genannten Bildmotiven ins Gedächtnis. Obwohl Kreuzwegstationen meist in 14 Bildern oder Reliefs, zuweilen auch verbunden mit einzelnen Kapellen einen Kalvarienberg hinauf, Momente der Ruhe am Leidensweg darstellen. Selbst das Hängen am Kreuz bis zum Tod, mit den Trauernden darunter, die Kreuzabnahme und Grablegung, sind Bildfindungen, die mit dem Innehalten begleitender Gebete verbunden sind. Mit der neuen Frömmigkeit des Spätmittelalters kam es zu einer enormen Erweiterung von Einzelbildern der Passions-Kapitel und zur Ausbildung neuer Andachtsbildtypen, die zeitlose Ruhe vermitteln: Ruhig ist bereits die Ölbergszene mit dem verzweifelt betenden Christus und den drei schlafenden Jüngern. Wieder eine Nachtszene, was die Stille noch steigert.

Domenico Theotokopolos' (El Greco) "Christus am Ölberg", 1585/90, Toledo (Ohio), Museum of Arts. - © H. Zens
Domenico Theotokopolos' (El Greco) "Christus am Ölberg", 1585/90, Toledo (Ohio), Museum of Arts. - © H. Zens

Interessanteste Ruhemotive sind aber die isolierten Szenen des "Christus in der Rast" oder "Christus im Elend", eines Sitzmotivs des Gegeißelten und Geschlagenen, und das Vesperbild der Pietà nach der Abnahme des Leichnams vom Kreuz. Aus Holz geschnitzt und bemalt sitzt Christus, seiner Kleider beraubt, fast nackt bis auf ein Tuch, kurz innehaltend nach dem Sturz unter dem Kreuz am Weg nach Golgatha auf einem Stein oder Baumstrunk. Damit verschmilzt ein zweites Motiv des sitzend Wartenden auf dem steinigen Golgotha-Hügel, kurz vor der Nagelung ans Kreuz. Neben der Lagerung des abgenommenen Leichnams im Schoß Mariens, ist dieses Sitzmotiv ein besonderer Andachtstypus, der den Betenden nicht nur Mitleid abverlangt - wie der "Schmerzensmann" mit den Marterwerkzeugen -, sondern auch als Denkfigur über christliche Inhalte hinausführt.

Stille Trauer

Der sitzende Christus mit vorgebeugtem Oberkörper und manchmal überkreuzten Beinen stützt seinen Kopf auf Hand und Arm wie der Melancholiker seit der Antike. Vor allem im süddeutschen Raum in Sachsen und Schlesien, aber auch bis Straßburg gibt es bis in die Barockzeit diese stille Trauer ausdrückenden Heilande, oft mit bemalten Wundmalen, einer Dornenkrone und Echthaarperücke.

Spätmittelalterlicher "Christus in der Rast" - aus dem Dommuseum Würzburg. - © Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Spätmittelalterlicher "Christus in der Rast" - aus dem Dommuseum Würzburg. - © Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Viele christliche Mystiker kamen aus diesem Bereich, Passionsspiele steigerten die Theatralik dieses Ruhemotivs. Die Verbindung mit dem antiken Melancholie-Typus verstärkt seine Ambivalenz: Die Meditation ist eine, die über das Leiden hinaus die Erkenntnis der Weisheit einschließt. Damit können in der Nachfolge Christi auch der leidende Wissenschafter und der Künstler gemeint sein, weshalb Albrecht Dürer eine Grafik von "Christus im Elend" zum Deckblatt seiner "Kleinen Passion" machte. Der unerschütterliche Gleichmut durch Philosophieren erzeugt hier die Seelenruhe, die Ataraxie, von der Aristoteles berichtet, die aber vor allem die antike Schule der Stoa als ideale Haltung gegenüber der Unruhe dieser Welt angepriesen hat. Entspannung durch solches Gegenüber, egal ob als Warnung oder als Trost, kann so manche Wortprägung unserer Tage schnell mit enormer Bilderfülle illustrieren.