Noch zeigt er sich zögerlich, der Frühling, rund um Schloss Prinzendorf. Hie und da blitzt zartes Grün auf. Die Hühner, Hunde, Katzen und die stolze Pfauenherde rührt das nicht. Hof und Garten gehören ganz ihnen an diesem kalten März-Nachmittag. Im Sommer wird es vorbei sein mit der Ruhe im kleinen Ort an der Zaya, wenn Hermann Nitsch sein Sechs-Tage-Spiel noch einmal aufführen lassen wird. Dann werden schwebende Orgelklänge die alten Gemäuer ebenso bis in den letzen Winkel durchdringen wie der Geruch nach in der Sonne erwärmtem Blut. Die jetzt einsame Allee, die hinunter ins Dorf führt, werden Prozessionen gekreuzigter und überschütteter Akteure beleben, der Hof wird von Schüttaktionen und Ausweidungen erfüllt sein. Die Tiere werden sich dann wohl verzogen haben. Hermann Nitsch, Schlossherr zu Prinzendorf, wird am Rande des Geschehens sitzen und sein Lebenswerk dirigieren.

Beim Interview sitzt er im Arbeitszimmer neben der Küche, in einem der wenigen geheizten Räume des Schlosses. Bücherwand, Plakate vergangener Aktionen, ein Klavier. Ein Großteil der übrigen Zimmer ist seinem Werk gewidmet, teils Museum, teils Atelier, teils beides zugleich. Die kleine barocke Kapelle ein paar Räume weiter ist mit prächtigen Messgewändern und chirurgischem Besteck ausgestattet, daneben ein Video-Kubus mit imposanter Nitsch-Klangwolke. Der große Schüttboden darüber zeigt, wie aktiv Nitsch nach wie vor ist, der Dachboden ist ein imposantes Depot großformatiger Schüttbilder in allen Farben und Intensitäten.

Als politisch sieht Hermann Nitsch seine Kunst nicht: "Die Presse und die Politik sind die Krankheit der Welt!" - © apa / dpa / Patrick Seeger
Als politisch sieht Hermann Nitsch seine Kunst nicht: "Die Presse und die Politik sind die Krankheit der Welt!" - © apa / dpa / Patrick Seeger

Bis zum sommerlichen Erblühen ist es nicht nur in der Natur noch ein weiter Weg. Dieser Tage feilt Hermann Nitsch an der umfangreichen Partitur für sein Sechs-Tage-Spiel. Die aktuell verordnete Zurückgezogenheit hat Nitsch dabei nicht behindert: "Ich konnte in Ruhe arbeiten, habe weiter gemacht, was ich für notwendig erachte. Ein paar Ausstellungen wurden abgesagt, aber ich habe darunter nicht gelitten. Ich arbeite an der großen Partitur, bin beinahe fertig."

Die 1998 erstmals in Prinzendorf durchgeführte mehrtägige Aktion bezeichnet Nitsch als sein Hauptwerk: "Es war immer mein Ziel, gegen Abschluss meines Lebens noch einmal ein Sechs-Tage-Spiel zu machen." Wird das Spiel 2021, derzeit für Ende August angesetzt, anders sein als 1998? "Für die, die sich nicht innigst auskennen mit meiner Arbeit, gar nicht. Für die wird es genauso ablaufen wie das andere. Die sich auskennen, die werden selber empfinden, was anders ist." Was wird für Nitsch anders sein? "Die Musik wird eine größere Rolle spielen und viel besser interpretiert werden. Das letzte Sechs-Tage-Spiel hat darunter gelitten, dass die Musiker sehr undiszipliniert waren, die Dirigenten sie nicht beherrschen konnten. Das wird diesmal anders."

Vor Hermann Nitsch auf seinem Schreibtisch liegen Auszüge dieser Partitur, große Blöcke prägen die Notationen auf Millimeterpapier. "Ich fand keinen Weg, meine Musik zu notieren, weil sie sich eher aus dem Schrei, aus dem Lärm heraus entwickelt hat." Folglich hat er selbst eine Form erfunden, die "diese exstatische Musik" notieren kann. "Mittlerweile wandelt sie sich immer mehr in Richtung Orgelklang", beschreibt Nitsch seine musikalische Entwicklung, "der immer mehr den Sphärenklang sucht, das kosmische Dröhnen übermitteln will. Keine Melodie, kein Rhythmus, lang gezogene Töne, die übereinander gelagert werden. Eine Fuge ohne Melodie."

Nicht mit seiner eigenen Musik, sondern der Richard Wagners wird Nitsch in Bayreuth arbeiten, ab 29. Juli 2021 sind dort drei Malaktionen zu "Walküre" angesetzt. An sich wollte Nitsch "überhaupt keine Inszenierung machen, sie haben mich überrumpelt!" Doch als "begeisterter Wagner-Konsument" hat er sich überzeugen lassen: "Was mich geködert hat, war der Satz: ,Du kannst auf der Bühne machen, was du willst‘. Da hab ich sofort an Malaktion gedacht, dass auf senkrechten Wänden Farbe herunter rinnt, in allen Regenbogenfarben."

Seelenverwandtschaft zwischen Bayreuth und Prinzendorf

"Prinzendorf ist mein Bayreuth", hat Nitsch zu seinem 80er vor knapp drei Jahren gesagt, wird jetzt Bayreuth ein bisschen Prinzendorf? "Eine Verwandtschaft wird entstehen", ist Nitsch sicher. Sein Verhältnis zu Wagner ist von Bewunderung geprägt: "Wagner war ein großer Musiker, ein großer Dramatiker. Und dann durchaus ein großer Philosoph, war von Schopenhauer geprägt, mit Nietzsche befreundet. Der war kein Trottel, das kann man nicht sagen." Vor allem "Parsifal" und "Tristan und Isolde" bringen Nitsch ins Schwärmen: "Diese Musik ist gigantisch!" Was beide Künstler verbindet, ist die Idee des Gesamtkunstwerkes: "Ich hab sehr viel davon gelernt. Leitmotive und dergleichen, das wird bei mir ähnlich durchgezogen."

Hermann Nitschs Verhältnis zur Gattung Oper hört sich da anders an: "Eigentlich kann ich sie überhaupt nicht leiden. Bin kein Verdi-Fan, obwohl es schöne Musik ist. Aber Donizetti oder Bellini, das halte ich nicht aus. Rossini gefällt mir, der ist ein Musikant. Aber die Narren alle! Puccini ist ein ausg’lutschter Wagner, wie aus’m Teeseicherl ’druckt."

Für seine Kunst wurde Nitsch seit den 1960ern immer wieder angefeindet, dreimal verhaftet. Hat ihn das beeinflusst? "Kokoschka, Bruckner, es sind viele angefeindet worden. Wir waren eher stolz darauf." Mit Kunst zu provozieren, das gelingt heute kaum noch: Sind wir toleranter geworden oder ignoranter? Nitsch: "Die Gegner sind müde geworden. Aber ich denke schon, dass wir die Leute ein kleines bisschen erzogen haben; dass man Künstler nicht mehr so leicht ins Gefängnis stecken kann."

Menschliche Kollektivträume ohne Patent auf Erfüllung

Seine Kunst will Nitsch jedoch keinesfalls als Gesellschaftskritik sehen: "Mich interessiert die Gesellschaft überhaupt nicht! Wer zu mir kommen will, soll kommen. Die Gesellschaftsstrukturen sind derart ruiniert, damit will ich nichts zu tun haben." Auch als Provokateur hat er sich nie verstanden. Was ihn selbst provoziert? "Die Dummheit der Journalisten! Die Presse und die Politik sind die Krankheit der Welt!"

Mit Religionen, mit sakralen Symbolen geht der Künstler nicht so hart ins Gericht: "Mich faszinieren alle Religionen, ich gehöre aber keiner an. Auch nicht der katholischen, die ist lediglich meine bewusstseinsgeschichtliche Heimat." Nitsch schätzt ihre "Symbole, die Verheißung, die Botschaft", nicht aber "die Lebensfeindlichkeit". Religionen sind für Nitsch "Kollektivträume, Wünsche der Menschheit nach Erlösung und Verwirklichung". Ob diese Kollektivträume heute noch funktionieren? Da entkommt Hermann Nitsch nach all dem Erklären und Poltern doch ein Schmunzeln: "Von meinem Traum letzte Nacht kann ich Ihnen sagen, dass er als Traum wunderbar funktioniert hat. Träume haben kein Patent auf Verwirklichung."