Tja, Ironie dieses ominösen Schicksals. (Oder einfach eine Realsatire.) Da wird also im Titel eine reale Ausstellung in einem realen Raum angekündigt ("A Real Exhibition in a Real Space from an Amazon Woman"), was heutzutage ja extra betont werden muss, weil es mittlerweile keine Selbstverständlichkeit mehr ist, dass etwas "wirklich" stattfindet, und dann kommt die "Osterruhe" und alles ist erneut zu. Folglich kann man auch bei den Untitled Projects im Moment nicht rein.

Wenn freilich nicht einmal die Amazone aus dem DC-Comics-Universum es bei uns derzeit ins Kino schafft, sondern nur ins Bezahlfernsehen (und Wonder Woman ist echt stark, g’scheit und schnell – und mit einem magischen Lasso bewaffnet), braucht sich eine normalsterbliche Amazone aus Wien, die 1985 in Prag geboren worden ist, Architektur und Transmediale Kunst studiert hat und ebenfalls starke Sachen macht, aber definitiv nicht zu genieren. Noch dazu war ihre One-Woman-Show (oder Amazon-Woman-Show), die in jeder Hinsicht fantastisch ist, eh zweieinhalb Wochen zugänglich (und wird es, so Ludwig und Anschober wollen, demnächst wieder sein).

Die Rache des Teebeutels

Anna Vasof ist eine Amazone? Na ja, jedenfalls bestellt sie viel bei Amazon. Als Hauptdarstellerin in ihrem Film "Amazon Woman", wo sie allerdings kein sexy Superheldinnen-Outfit trägt, keine halbnackte Kriegerin ist, keine Kämpferin für die Schwachen, ist ihre Waffe nämlich anscheinend statt des Goldenen Lassos, das die damit Eingefangen dazu zwingt, die Wahrheit auszuplaudern, eine (Goldene?) Kreditkarte, die andere dazu bringt, ihr was zu verkaufen, und mit dieser hilft sie – eher unfeministisch – einem Mann (Jeff Bezos), die Weltherrschaft an sich zu reißen oder halt der reichste Mensch auf Erden zu bleiben.

Woher hat Anna Vasof 2019 gewusst, dass wir irgendwann alle Maske tragen werden? ("Happy Birthday.") - © kunst-dokumentation.com
Woher hat Anna Vasof 2019 gewusst, dass wir irgendwann alle Maske tragen werden? ("Happy Birthday.") - © kunst-dokumentation.com

Die käuflichen Gegenstände des Alltags haben längst die Macht ergriffen, beherrschen die Gedanken der Protagonistin, sind nicht lediglich IN ihrem Kopf, nein, SIND ihr Kopf, kehren die Verhältnisse tragikomisch surreal um. Die Uhr schaut auf den Armbandmenschen, der stupide "tick-tack" sagt, die gemüsehäuptige Konsumentin hackt auf dem Schneidbrettl Haare klein (oder kurz?), Vasofs Schrumpfkopf muss die Luft anhalten und wird in eine Teetasse getunkt (die Rache des Teebeutels), und das Ende (Achtung: Spoileralarm!) ist unhappy, denn zum Schluss begeht die Amazon Woman Selbstmord, schreit das Köpfchen, das in ihrer Hand einen Revolver mimt: "Bumm!" Und aus. Konsumieren bis zum Umfallen.

Obwohl die verspielten Objekte und Videos, die sich zu einer bunten, unterhaltsamen, irritierenden Schau formieren, teils VOR Corona entstanden sind, könnten das theoretisch lauter kreative Früchte der "neuen Normalität" sein, wo den Leuten wegen dem Social Distancing unglaublich fad daheim ist, bis sie – puffendes Popcorn in einen Basketballkorb springen lassen. In ihrer Verzweiflung die verrücktesten Sachen mit den Dingen anstellen, die sie zu Hause haben (oder sich im Online-Shop besorgen), und das nachher auf Facebook oder Instagram posten. Okay, praktisch hat sich die Medien- und Expanded-Cinema-Künstlerin mit den sie umgebenden Dingen (und mit Raum und Zeit) sowieso stets ziemlich unorthodox auseinandergesetzt, erforscht alles gern in geradezu wissenschaftlichen Versuchsanordnungen, weil ihre Superkraft ihre Experimentierfreude ist. (Zusammen mit ihrer schier unerschöpflichen Fantasie.)

Happy Birthday to Me

Die "Help Machine" von Anna Vasof ist keine wirkliche Hilfe. - © kunst-dokumentation.com
Die "Help Machine" von Anna Vasof ist keine wirkliche Hilfe. - © kunst-dokumentation.com

"He, ich könnte mir doch eine Spiegelkugel aufsetzen und eine Zoom-Party feiern (wenn schon die WELT keine Discokugel ist und sämtliche Klubs zu haben)!", wird sie sich gedacht haben, aber natürlich ist die lebende Discokugel, die gelangweilt in ihrem Bürosessel hängt und sich mit diesem vor einem aufgeklappten Laptop dreht, nicht Anna Vasof höchstpersönlich, leibhaftig (außerdem: Wer wäre sonst die ZWEITE Anna Vasof gleich daneben?), vielmehr handelt es sich um ihren Klon. Zugegeben, der besteht aus Kunststoff und ist nicht im Labor aus ihren Genen gezüchtet worden. Na und? Vielleicht hat er nicht dasselbe Erbgut wie die Künstlerin, dafür dieselbe Konfektionsgröße.

Eine zweite erstaunlich realistische und lebensechte Doppelgängerin wünscht sich coronakonform selbst "Happy Birthday". Der Sternspritzer auf der Torte ist abgebrannt, ist ein trauriges verkohltes Staberl, im Visier des Schweißerhelms spiegelt sich eine Erinnerung an den vergangenen Spaß, "spritzt" das Stangerl in Endlosschleife, geht niemals aus (außer man zieht den Stecker für die Stromversorgung und das Video hat keinen Saft mehr). Schweißerhelm? Ja. Als hätte Vasof 2019 geahnt, dass wir ab 2020 Maske tragen und mit dieser unsere Geburtstagskerzen nimmer ausblasen werden können. Weshalb Wunderkerzen die ideale Alternative sind.

Was darf man noch, was nicht – kennt sich ja keiner mehr aus mit den Coronaregeln. Passend zur allgemeinen Verwirrung tickt ein penetrantes Metronom im Takt der Orientierungslosigkeit ("The Rhythm of Disorientation"), ist sogar multitaskingfähig, macht mit seiner Pendelstange nicht bloß einen Kompass völlig verrückt, sondern obendrein den Besucher, verfolgt diesen wie ein Tinnitus. Vor diesem nervigen Ohrgeräusch gibt’s kein Entrinnen. Selbst durch Weltflucht entkommt man ihm nicht, wenn man also ins All fliegt. Gut, eventuell hat Vasof kein Raumschiff gebastelt, aber zumindest einen Zero-Gravity-Simulator, eine analoge Personenwaage nämlich so manipuliert, dass diese einen schwerelos macht. Die Funktionsweise ist im Grunde ganz simpel: Alle Zahlen auf der Skala wurden durch null ersetzt. Eine Waage kann man immerhin leichter besteigen als ein Flugzeug. Und nach dem Absteigen muss man wenigstens nicht zehn Tage in Quarantäne. Man wird ja genügsam. Solange man draufsteht kann man übrigens empathisch mit dem Astronauten mitleiden, der auf dem Bildschirm vor einem genauso wenig vom Fleck kommt.

Nur König Artus kann ihr den Arm ausreißen

Wer jetzt dringend ein Erfolgserlebnis nötig hat und sich als Held fühlen will, der sollte die "Help Machine" – unbedingt meiden. Dieser Automat mit steuerbarem Greifer erzeugt nichts als Frust. (Und dafür hat man sich vorher die Hände desinfiziert?) Ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem man den Arm eines offensichtlich Verschütteten zu fassen kriegen soll und – ihn dann erst recht nicht herausbekommt. Ist wahrscheinlich wie bei diesem Schwert im Felsen. Der Arm ist wählerisch und wartet auf König Artus.

Eine Entscheidungshilfe von Anna Vasof für Hamlet - oder auch nicht. Schreibhand in "Existential Turbulences". - © kunst-dokumentation.com
Eine Entscheidungshilfe von Anna Vasof für Hamlet - oder auch nicht. Schreibhand in "Existential Turbulences". - © kunst-dokumentation.com

Mit dem Essen spielt man nicht? Und was ist, wenn es SELBER mit sich spielt? Wobei: Streng genommen tut es das nicht freiwillig. Die Physik ist schuld. Und eine Künstlerin, die die entsprechenden Vorrichtungen ersonnen und das Geschehen mitgefilmt hat. Popcorn wirft Körbe (Action-Pop-Art sozusagen, nein: Pop-CORN-Art!), eine Gabel ist bei einer wilden Verfolgungsjagd hinter einer Farfalla-Nudel her (die Strömung im Kochtopf treibt Jäger und Beute an), und in einer romantischen Szene zwischen zwei alkoholisierten, sprich gefüllten Weingläsern, die auf motorbetriebenen Bällen taumelnd hin- und herschwanken, als wären sie WIRKLICH beschwipst, fiebert man regelrecht mit, feuert die Gläser an, auf dass sie zusammenkommen mögen, und nach dem erlösenden Klang des Anstoßens – beginnt das nervenaufreibende Werben wieder von vorne.

Die Dinge vergnügen sich mit sich selbst. Sogar der Fußball ist "unbemannt" ("Unmanned Football"). Andererseits befindet sich der Ball UNTER dem Spielfeld, das daraufhin unruhig schaukelt und einen Coronaschnelltest zwischen den Toren herumrutschen lässt. Keine Ahnung, was das zu bedeuten hat, dafür wird das Match live ausgetragen (auf dem Galerieboden) und nicht in einer Aufzeichnung (auf einem Monitor an der Wand). Und wer braucht noch einen Hamlet, wenn eine künstliche Schreibhand, die von einem Ventilator in "Existential Turbulences" gebracht wird, dessen berühmten Monolog viel pointierter hinkriegt, ohne langatmig herumschwafeln zu müssen mit komplizierten Satzkonstruktionen, bei denen jeder aus der Generation Twitter oder SMS ohnedies nach spätestens 140 Zeichen aussteigt? Die Unentschlossenheit des Prinzen von Dänemark bringt der Bleistift, der bei einem Kreuzltest entscheidungsschwach zwischen "to be" und "or not to be" umhermanövriert, auf jeden Fall knackig auf den Punkt. Eine mit Windkraft betriebene Entscheidungshilfe, die keine ist. (Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. The answer, my friend, is blowin‘ in the wind.)

Wie der Händetrockner Mundharmonika spielt

Warnung: Wer sich in den nächsten Raum hineinwagt, dem gelingt es erst nach einer Stunde, ihn wieder zu verlassen. Ich wollte ursprünglich ebenfalls "nur einmal kurz reinschauen". Nicht, dass man sich das One-Hour-Screening bis zum Ende ansehen MUSS, man kann sich freilich schwer loseisen von diesen 54 fesselnden Filmchen (banal skurril bis schlichtweg genial) mit rätselhafter Handlung und meist originellem Schlussgag. Ein Händetrockner von Dyson spielt Mundharmonika (alle Töne auf einmal), ein suizidaler Schneemann bläst sich mit einem Haarföhn die Birne weg, oder Vasof verwandelt in "Anachronism" eine Digitaluhr in eine analoge, indem sie sie mühsamst zu Staub zerfeilt und die Brösel anschließend in eine Sanduhr füllt (geil). Soooo viele Ideen, was man mit seinen Gegenständen alles aufführen und wie man die nach Letzteren benannte gegenständliche Kunst auffrischen und immer wieder neu erfinden kann. (Auf der Homepage gibt’s eine kleine Auswahl zum Gustieren: https://annavasof.net.)

Durch die Stadt bummeln, bis der Schädel brummt: Anna Vasof landet einen "Hit". - © kunst-dokumentation.com
Durch die Stadt bummeln, bis der Schädel brummt: Anna Vasof landet einen "Hit". - © kunst-dokumentation.com

Vasofs zweideutige "Hits" (Schlager im schmerzhaftesten Sinne des Wortes) hat man zwar nie in der Hit-PARADE hören können, die Musikvideos dazu suchen allerdings ihresgleichen. Andere Touristen mögen fremde Städte per Selfie erkunden, Vasof klopft mit der Stirn auf Laternenpfähle, Mauern, Telefonzellen, Briefkästen und komponiert aus den Geräuschen, die das Richtmikrofon auf ihrem Kopf aufgenommen hat, ein rhythmisches Klangkunstwerk. ("London Hit", "Bangkok Hit", "Vienna Hit" . . .) Die Lage ist ernst, hat aber trotzdem nicht ihren Humor verloren. Großartig.