Benedikt Fred Dolbin (1883-1971), der "Hexer des Zeichenstifts", gezeichnet von Carl-Leopold Hollitzer. - © akg-images / picturedesk.com
Benedikt Fred Dolbin (1883-1971), der "Hexer des Zeichenstifts", gezeichnet von Carl-Leopold Hollitzer. - © akg-images / picturedesk.com

"Dieser Wiener war als einziger Zentraleuropäer seinen großen westlichen Kollegen durchaus ebenbürtig und viel mehr als ein Porträtist oder Karikaturist. Seine ‚tierische Fähigkeit zu treffen‘ (Karl Kraus) visiert die ganze menschlich-künstlerische Persönlichkeit - an einem Dolbin-Kopf erkennt man nicht nur das Gesicht, sondern auch den Charakter, die Persönlichkeit, die spezifisch künstlerische Artung des Dargestellten, man meint ihn reden zu hören, Theater spielen zu sehen, zu lesen, was er schreibt."

Begeistert kommentierte der Kritiker Hans Weigel 1959 das Erscheinen des Bandes "Benedikt Fred Dolbin - Österreichische Profile", für den der Herausgeber Oskar Maurus Fontana sechzig gezeichnete Porträts von Protagonisten ausgewählt hatte, die das kulturelle Leben Wiens im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts prägten. Der Schöpfer der Zeichnungen, Benedikt Fred Dolbin, der als Kabarettist, Sänger, Zeichner und Kaffeehaus-Bohémien einst zu dieser leuchtenden Wiener Kulturszene gehörte, lebte da schon über zwei Jahrzehnte in New York, wo er vor 50 Jahren, am 31. März 1971, auch gestorben ist.

Obwohl es gelegentlich Versuche der Erinnerung durch Ausstellungen und Publikationen gab, ist Dolbin heute in seiner Geburtsstadt Wien ebenso weitgehend vergessen wie in Berlin, wo er mit seinen Porträts die Zeitungslandschaft der Weimarer Republik maßgeblich mitgeprägt hat.

Mann vieler Talente

Im Herbst 1924 packte Dolbin mit einundvierzig Jahren eine Mappe mit mehreren hundert seiner Porträtzeichnungen bekannter Zeitgenossen zusammen, um sie in der pulsierenden Zeitungsstadt Berlin verschiedenen Redaktionen anzubieten. "Versuchsweise" wollte er an die Spree fahren, doch nach einer Woche hatte er - so erinnerte er sich später - "seltsamerweise je neunzehn" an die Zeitschriften "Literarische Welt", "Tage-Buch" und "Querschnitt" verkauft, was ihm die damals stattliche Summe von 1.710 Mark einbrachte. Nach diesem Erfolg ließ er sich bald ganz in Berlin nieder und wurde der erfolgreichste Pressezeichner der Metropole. Bis ihn die Nazis vertrieben.

Benedikt Fred Dolbin war ein Mann vieler Talente und Interessen. Geboren am 1. August 1883 in Wien als Sohn eines jüdischen Kaufmanns, studierte er an der Technischen Hochschule, machte als Konstrukteur Karriere und war am Bau der Tauernbahn beteiligt. Nebenbei nahm er Kompositionsunterricht bei Arnold Schönberg, sang und trat im legendären Wiener Kabarett "Nachtlicht" im Kreis um Peter Altenberg und Egon Friedell auf. Seine besondere Leidenschaft jedoch galt der Zeichnung, genauer der Skizze des menschlichen Gesichtes.

Die Kaffeehäuser - besonders das Café Museum, in dem er an den Literaten- und Künstlerstammtischen verkehrte - boten ihm die Möglichkeit, die kulturellen Größen Wiens unbemerkt aufs Papier zu bannen. Als dort ein Redakteur den Amateurzeichner eine Skizze des "Charakterkopfes" von Joachim Ringelnatz abkaufte und sie in der Zeitung "Der Tag" veröffentlichte, setzte sich eine Kettenreaktion in Gang: Binnen kürzester Zeit erschienen Dolbins Porträts in einem Dutzend Zeitungen und Zeitschriften Wiens.

Arthur Schnitzler in einer Zeichnung von Dolbin, 1925. - © akg-images / picturedesk.com
Arthur Schnitzler in einer Zeichnung von Dolbin, 1925. - © akg-images / picturedesk.com

Der Erfolg gab Dolbin, der sich bisher als "Quartalszeichner" begriffen hatte, den periodisch der "Zeichenrausch" überkam, die Möglichkeit, seine Zeichnerei zum Beruf zu machen. Trotz des großen Erfolges wurde ihm Wien bald zu eng, sein erfolgreiches Debüt in der deutschen Hauptstadt tat ein Übriges.

Er hatte für seine Übersiedlung den richtigen Zeitpunkt gewählt, denn Mitte der 1920er Jahre, nach den entbehrungsreichen Jahren der Inflation, entwickelte sich Berlin zu jener Metropole, mit der man heute die "Goldenen Zwanzigerjahre" verbindet. Die Presse der Stadt wirkte wie ein gewaltiger Magnet, der gierig Talente und Könner anzog. Mosse, Ullstein und Scherl, die drei großen Zeitungskonzerne Berlins, standen in fruchtbarem Wettbewerb.

Hatten die Zeitungen während der Inflation aus Geldmangel weitgehend auf Illustrationen verzichtet, drängten jetzt die bildlichen Elemente in die Blätter. Da die technischen Möglichkeiten der photographischen Reproduktion noch sehr beschränkt waren, bot sich Pressezeichnern bei den 45 Morgen-, 2 Mittags-, 14 Abendzeitungen und zahlreichen Illustrierten ein weites Betätigungsfeld und entwickelte sich diese Kunstform zu einem typischen Produkt der Zwanzigerjahre.

Hinter das Antlitz

Emil Orlik hatte schon während des Krieges Porträt-Skizze und -Karikatur zu neuer Blüte gebracht, es folgten Künstler wie Rudolf Grossmann, Emil Stumpp, Max Oppenheimer und Benedikt Fred Dolbin. Was ihn aus der Masse der Pressezeichner heraushob, war sein außergewöhnlicher, hochindividueller Stil, der auch Alfred Polgar faszinierte: "Die Karikaturen Dolbins geben: was dahinter steckt. Er läßt sich kein Gesicht für eine Fratze vormachen. Er kümmert sich gar nicht um die optische Pose, die ein Antlitz stellt, er kratzt die Übermalung herunter, die Wunsch, Wille und Erleben daraufgetan haben. Es erscheint: das Original in seiner Pracht."

F. H. Staerk beobachtete seinen Kollegen Dolbin, der an hektischen Tagen 500 Porträts zeichnete, bei der Arbeit: "Dort am Tisch sitzt ein Mann mit einer Cyranonase und interessant durchfurchtem Gesicht, der unentwegt zeichnet. Es ist Dolbin, der Hexer des Zeichenstifts, jede Minute fast eine Zeichnung von undiskutierbarer Treffsicherheit, er malt so rasch, wie andere photographieren, ihm entgeht nichts ... Es hat beinahe etwas Unheimliches, wie Dolbin die Gesichter enträtselt, mit einem Hui von Bleistiftstrich, jeder Strich eine Entschleierung, jeder Strich ein Dokument der Menschenkunde. Bist Du über jemand im Zweifel, laß ihn von Dolbin zeichnen und du weißt, wie er ist."

Das Zeitungshaus Mosse im September 1923, damals das höchste Haus in Berlin. - © Bundesarchiv, Bild 102-00182 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons
Das Zeitungshaus Mosse im September 1923, damals das höchste Haus in Berlin. - © Bundesarchiv, Bild 102-00182 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons

Dolbin, der in Berlin von einer scheinbar unbändigen Produktivität getrieben wurde, war bald in aller Munde. An seine in Wien lebende Frau Ninon, die nach der Trennung von ihm Hermann Hesse heiraten sollte, schrieb er: "Dieses Berlin ist ein außerordentliches Arbeitsfeld für einen, der im Schwung ist. Und das bin ich." Seine Zeichnungen erschienen etwa in Alfred Flechtheims "Querschnitt", in Willy Haas’ Zeitschrift "Literarische Welt" und im unter der Leitung des großen Chefredakteurs Theodor Wolff legendär gewordenen "Berliner Tageblatt", in dem Dolbin die von den Lesern verschlungene Rubrik "In Berlin traf ein" schuf, in der er in Bild und Wort prominente Gäste der Hauptstadt porträtierte.

Seine "Opfer" fand der "Kopfjäger", wie man ihn bald bezeichnete, in den Kaffeehäusern, etwa im "Romanischen Café", dem Treffpunkt der Bohème - und besonders in der Weinstube des ehemaligen Schauspielers Viktor Schwannecke. "Eine Mischung aus Wartesaal, Obdachlosenasyl und Boudoir" nannte Hermann Kesten den Ort, wo sich Politik, Theater, Film, Kunst, Literatur und Sport, Talente und Untalente die Klinke in die Hand gaben.

"Ich brauchte nur zwischen ein und zwei Uhr morgens in ein gewisses Lokal zu gehen und da hatte ich meine Skizzen für die Zeitungen des nächsten Tages", berichtete Dolbin über das "Schwannecke". Auch die Begegnung mit dem Berliner "Altmeister" der Zeichnung, Heinrich Zille - dessen Protektion Dolbin fortan genoss -, trug sich im Schwannecke zu. Als Zille sein Porträt, das Dolbin in Sekundenschnelle angefertigt hatte, sah, rief er aus: "Heinrich, det biste!"

Dolbin war binnen kurzer Zeit "Mode geworden". Man überhäufte ihn mit Aufträgen: Porträtserien für Zeitschriften, die Illustration von Parteitagen, Kultur- und Sportereignissen, Buchillustrationen - etwa für Axel Eggebrechts "Katzenbuch" oder Eugen Szatmaris "Buch von Berlin" -, Ausstellungen in Wien, Berlin und anderen Orten. Es entstand die Dolbin-Legende des rastlosen Zeichners, von dem gezeichnet zu werden als Signum der Prominenz angesehen wurde.

Dolbins unglaublichen Arbeitsfanatismus erreichte keiner seiner Kollegen auch nur annähernd. Er brachte es, wie Hans Tasiemka im "Berliner Börsen-Courier" berichtete, auf ein exakt geordnetes Archiv von 45.000 Zeichnungen. Seine Stellung in diesen Jahren unterstreicht eine Antwort Kurt Tucholskys, der auf die Frage "Wie soll Ihr Nekrolog aussehen?" in der "Literarischen Welt" antwortete: "Wie mein Nachruf aussehen soll, weiß ich nicht. Ich weiß nur, wie er aussehen wird. Er wird aus einer Silbe bestehen. Papa und Mama sitzen am Abendbrottisch und vertreiben sich ihre Ehe mit Zeitungslektüre. Da hebt Er plötzlich, durch ein Bild von Dolbin erschreckt, den Kopf und sagt: ‚Denk mal, der Theobald Tiger ist gestorben!‘ Und dann wird Sie meinen Nachruf sprechen. Sie sagt: ‚Ach-!‘"

In der Emigration

Die Wirtschaftskrise, die Deutschland Anfang der Dreißigerjahre erfasste und den Aufstieg der Nazis vorantrieb, traf Dolbin hart und stürzte ihn in einen zermürbenden Existenzkampf. Die Redaktionen sparten zuerst bei den Illustrationen, seine Zeichnungen fanden kaum mehr Abnehmer. Den erstarkenden Nationalsozialismus nahm der eher unpolitische Dolbin kaum wahr, auch in der Entlassung und Vertreibung seiner "nichtarischen" Kollegen aus den Redaktionen, die nach dem Machtantritt der Hitler-Partei einsetzte, sah er, selbst jüdischer Herkunft, keinen Anlass zur Beunruhigung. Er dachte, durch einige Kompromisse könne man auch unter den neuen Herren weiterarbeiten. Aber auch er wurde im Jänner 1934 aus dem Reichsverband der deutschen Presse ausgeschlossen und mit Arbeitsverbot belegt.

Dolbin und seine dritte Frau Ellen entschlossen sich im Herbst 1935 zur Emigration in die USA. Finanziell einigermaßen abgesichert durch den Immobilienbesitz der in New York lebenden Schwiegermutter, erfuhr er, dass sein Zeichenstil hier nicht gefragt war, und die Produktion von Comic Strips und Cartoons war nicht seine Sache. Einzig im "Aufbau", der Zeitung der deutschsprachigen Emigranten, brachte er regelmäßig seine Zeichnungen und Artikel unter. Erst im Nachkriegs-Amerika verbesserte sich seine berufliche Situation.

Dolbin starb 1971 in New York. Er ist nach dem Krieg weder in seine Geburtsstadt Wien noch nach Berlin, dem Ort seiner großen Erfolge, zurückgekehrt.