Passend zur aktuellen Stimmung (viele haben ja inzwischen den Corona-Blues – okay, andere sehen eher rot und gehen mehr oder weniger friedlich "spazieren") sind in der Galerie Gans alle "ziemlich blau". Alle EXPONATE, natürlich. Auch wenn die Situation durchaus Anlass gäbe, sich volllaufen zu lassen. Nur an vier Nachmittagen hat man die Gruppenausstellung über die globalste aller Farben (sonst hieße der Planet wohl nicht der blaue, oder?) für Besucher öffnen dürfen, bevor ein Lockdown wieder einmal mit seinem Generalschlüssel die Tür zugesperrt hat. Das Internet hat weiterhin auf (www.galerie-gans.at/ausstellungen/kind-of-blue/).

"Kind of Blue" – so heißt das meistverkaufte Jazz-Album aller Zeiten ebenfalls (von Miles Davis 1959 mit sechs weiteren Musikern im Studio aufgenommen), das es außerdem auf die Liste der "1001 Albums You Must Hear Before You Die" geschafft hat ("1001 Alben, die Sie hören müssen, bevor Sie sterben") und laut einem Musikkritiker noch dazu den "Klang der Isolation" verströmen soll. (He, der geeignete Lockdown- und Quarantäne-Soundtrack!) Wenn man auf Englisch "ziemlich blau" ist, ist man jedenfalls traurig, im Deutschen wäre man beduselt. "Corona-Blues" bedeutet also nicht: pandemiebedingter Alkoholismus. In der Galerie ist man aber sowieso bloß auf die SICHTBAREN Töne scharf. Marina Papanikolaou-Rodler (bescheiden): "Wir haben uns erlaubt, das Blue als Farbe zu entlehnen." Trotzdem hätte man vermutlich nichts dagegen, wenn zudem ein bissl was vom kommerziellen Erfolg auf die zwangspausierende Schau abfärben würde.

Der Horizont ist nicht seekrank

Bei all den vertretenen Blaunuancen: Rauschblau ist zumindest nicht darunter. (Dass kein Bild schief hängt, Schlagseite hat, ist vielleicht nicht unbedingt ein Beweis.) Wobei: Übersetzt man "Blue Noise" nicht mit "Blaues Rauschen"? Und der Michael Kos erzeugt welches (optisch, wohlgemerkt), indem er in seinem gleichnamigen Opus weißem Büttenpapier blaue "Bartstoppeln" einpflanzt. Und das in unmittelbarer Nähe zu einer Villa mit Meerblick. Akustisch soll andererseits ROSA Rauschen näher an den Klang des Meeres herankommen.

Sie hat den Blues (oder die Bluse?): Sissa Michelis "On Transient Phenomena". - © Galerie Gans
Sie hat den Blues (oder die Bluse?): Sissa Michelis "On Transient Phenomena". - © Galerie Gans

Das "House at the Sea" von Tobias Stutz, der in der Architektur daheim ist (gut, in Häusern wohnen wir andern aus, doch der Deutsche mit Atelier in Bonn ist in denen obendrein MALERISCH zu Hause, vor allem in der klassischen Moderne), das IST eigentlich überhaupt nicht menschenleer. Ja, wenn niemand hinsieht, dann schon. Ansonsten hält sich der Betrachter dort auf, träumt sich hinein und genießt aus der Perspektive des potenziellen Bewohners die sehnsuchtsblaue Aussicht. Oder lässt den Blick in den funkelnden Pool springen, in dieses domestizierte Gewässer, das man sich garantiert mit keinem Hai teilen muss. Online rund um die Uhr zu besichtigen (www.galerie-gans.at/portfolio-item/tobiasstutz/), wer freilich dauerhafter auf einen schnurgeraden Horizont starren will, der nicht seekrank ist und zwei mutmaßliche oder vermeintliche Unendlichkeiten trennt (das Ozean- und das Himmelblau): Der Quadratmeterpreis beläuft sich auf 4000 Euro. Na ja, das Gemälde, das Sachlichkeit und Romantik zur puren Schaulust vereint, kompositorische Klarheit und präzise Schilderung mit "Stimmung" abschmeckt, mit Gefühl, das ist eben zufällig einen Quadratmeter groß.

Und weil die vielstimmige Ausstellung (Malerei, Skulptur, Fotografie) auch sensibel gehängt worden ist und man dabei bemüht war, Beziehungen zwischen den Arbeiten herzustellen, die über die koloristische Verwandtschaft hinausgehen, hat man genau daneben wie ein konzeptuelles Echo (oder einen lapidaren Kommentar – oder nicht lapidar, sondern pointiert) ein "Schlichtbild" platziert. Geschlichtet und "schlicht" (sprich minimalistisch) und wieder von obigem Michael Kos. Bemalte Kartonstreifen, eingeordnet wie Bücher ins Regal oder Bildzeilen in einen Fernseher, fügen sich zu einer diffus vibrierenden Fläche, auf diese ist ein "Horizont" gedruckt (als Wort), der wiederum auf dieselbe Höhe einjustiert ist wie die benachbarte Horizont-LINIE. Herrlich. Sollte man als Diptychon verkaufen.

Beim Martin Pohl ist die Farbe Blau flexibel wie ein Darm (oder ein Yogameister). - © Galerie Gans
Beim Martin Pohl ist die Farbe Blau flexibel wie ein Darm (oder ein Yogameister). - © Galerie Gans

Die weibliche Form von Blues: die Bluse?

Den Blues haben die Models von Sissa Micheli sichtlich ebenso, nämlich auf surrealen Fotos fliegende blaue Kleidungsstücke vorm Gesicht. (Nein, die weibliche Form von "Blues, der" ist nicht "Bluse, die".) Action, zu einem skulpturalen Augenblick gefroren. Oder sie sind gleich komplett von pittoresken Textilgebilden verhüllt, von dramatischen Stoffwolken, aus denen unten lediglich die nackten Füße rausschauen. Und witzigerweise gesellt sich zu diesen ein komplexer Schaukasten von Norbert Brunner, wo Schuhe ihren Auftritt haben, in einem raffinierten, vielschichtigen fotografischen Pointillismus auftauchen, bei dem man sich das Bild erst "erschauen" muss, die einzelnen Ebenen (Acrylglasscheiben mit "Dots", Punkten) "zusammensehen" muss. Die Lamperln da drinnen werden übrigens von einem Bewegungssensor gesteuert, der sie anmacht, sobald sich wer nähert und versucht, den Sehtest zu bestehen. Denn inmitten der vielen Punkte sind zusätzlich drei Buchstaben versteckt: "now." Brunners Now war zwar streng genommen bereits 2019, allerdings ist es eh immer jetzt. Egal, wann man das Wort liest.

Das blauste Blau steuert aber Mario Dalpra bei. (Oder die Autoindustrie. Immerhin soll sich die Bronze, der man das klassische Material nimmer ansieht, mit poppigem AUTOLACK tarnen.) Die organischen Verschlingungen (Tentakel beim autoerotischen Gruppenkuscheln?) BETTELN regelrecht darum, begrapscht zu werden. Mit allen Mitteln. Nicht zuletzt eben mit diesem sexy Maximalblau. (Blauer und glänzender geht’s nicht.) Eva Wagners botanische "Verhalmungen" (Gouache und Acryl auf Leinwand) drücken sich mehr im hinteren Bereich der Galerie herum, ziehen sich mit ihren zarten Transparenzen, die wie flüchtige Erinnerungen feinsinnig miteinander verwachsen, in intimere Regionen zurück. Nicht, dass sie lichtscheu wären. Moment: Ist Chlorophyll, das Blattgrün, nicht normalerweise – grün? Na und? Ein Stück auf dem Album "Kind of Blue" ist doch ebenfalls "Blue in Green". Hier ist’s halt umgekehrt: "Green in Blue."

Kopflos beim "Sammeln und Sortieren": Christoph Rodes Klone. - © Galerie Gans
Kopflos beim "Sammeln und Sortieren": Christoph Rodes Klone. - © Galerie Gans

Der Darm der abstrakten Kunst

Beim Martin Pohl windet sich das Blau imposant und haptisch auf dem Leinen wie das Gedärm der abstrakten Kunst (was nicht heißt, dass bloß Internisten und Ernährungsberater darauf abfahren, schließlich bin ich weder das eine noch das andere), während es, das Blau, sich beim Christoph Rode in der GEGENSTÄNDLICHEN Kunst herumtreibt, bei den anderen Farben, oder gleich selber zu einem Gegenstand wird, einem Arbeitsmantel zum Beispiel, den kopflose Klone beim "Sammeln und Sortieren" von Undefinierbarem tragen. (Der Maler richtet seine Bilder gern bühnenhaft mit Requisiten aus der DDR ein, mit Treibgut aus der Vergangenheit, inszeniert ein enigmatisches, unergründliches Geschehen.)

Mit Köpfen könnte der Martin Praska dem Kollegen problemlos aushelfen. Im Revier der Alten Meister hat er ja genug davon gewildert. Für seine hybride Malerei, die alle Stückln und Stile spielt. Die erinnert frappant an diesen Hochzeitsbrauch, diese Etwas-Altes-etwas-Neues-etwas-Geborgtes-und-etwas-Blaues-Tradition. Die vier Dinge, die eine Braut beim Heiraten dabeihaben sollte. Der eingewienerte Deutsche malt All-in-Paintings sozusagen, weil er wie beim Poker alles setzt: die Kunstgeschichte, junge, fesche Frauen, den abstrakten Expressionismus ("A sehr, sehr mühsamer Arbeitsschritt, das Abstrakte, weil’s a irrsinnige Patzerei is."), den Fotorealismus, Nippes-Kitsch. (Eine postmoderne Pop-Art?)

Die Feministin (was Neues) neben dem Rubens (was Altes und Geklau-, Geborgtes) trägt Blue Jeans (was Blaues). Äh, und wodurch outet sie sich als Feministin? Mit ihrem "Resting Bitch Face"? (So nennt man dieses "permanente Zickengesicht", für das die Leute, die das haben, nix können, weil das in Wahrheit ihr neutralster Gesichtsausdruck ist.)

Zur Tierliebe passt super eine Rotweinsauce

Das Porzellanfigürchen mit dem Rehlein (ach was, Figürchen – eine sehr ERWACHSENE Figur hat die!) hat dagegen nichts an. Ist höchstens mit Glasur bekleidet. Eine "Venus Vegan", behauptet der Titel. Die Göttin der Fleischeslust eine Veganerin? Praska: "Ich hab das gepostet und jemand hat gefragt: ,Was macht sie zur Veganerin?‘ – Die Tierliebe." Als ob Fleischkonsumenten KEINE Viecher mögen würden. Die haben sie, im Gegenteil, sogar zum FRESSEN gern. Und so interessiert, wie sich die skizzierte Dame, die der Künstler vom Leonardo da Vinci geflaucht hat, übers Kitz beugt, denkt die weniger: "Mei, wie putzig", als dass eine Rotweinsauce super dazupassen würde (wenn es echt und nicht aus hartem Porzellan wäre).

Wer erkennt, warum dieses Bild von Martin Praska "Venus Vegan" heißt? - © Galerie Gans
Wer erkennt, warum dieses Bild von Martin Praska "Venus Vegan" heißt? - © Galerie Gans

Kaum zu glauben, dass der schwungvolle Strich, den der Praska direkt aus der Tube gepresst hat (er ist nämlich nicht allein "a Gschichtldrucker", wie er selbst sagt, manchmal drückt er auch auf die Tube), kaum zu glauben also, dass diese wie beiläufig rausgequetschte Geste, die über die mit allen sinnlichen Finessen gemalte Rehkeule drüberwischt, in Wirklichkeit gar nicht über die mit allen sinnlichen Finessen gemalte Rehkeule drüberwischt. Sie war ZUERST da. "Das spar ich aus und mal dann außen rum." Faszinierend. (Und selbstredend war der Kuli, mit dem ich mir während meines Aufenthalts in der Galerie Notizen gemacht habe, ein blauer.)