Auf den ersten Blick haben die Informationen aus einer wissenschaftlichen Dokumentation der Untersuchungen des Gemäldes "Salvator Mundi" aus dem Leonardo-Kreis um etwa 1507 und die "Dame mit dem Fächer", ein Spätwerk von Gustav Klimt, das 1918 unvollendet auf seiner Staffelei zurückblieb, wenig miteinander zu tun. Doch das täuscht: Es handelt sich um zwei höchstkarätige "Aktien" am Kunstmarkt, zudem befinden sich beide Werke in Privatbesitz. Da sie nicht für die Allgemeinheit in einem Museum zugänglich sind, sind sie als belastete "Ikonen" einzustufen, von Malern, die gemeinhin als Genies bezeichnet werden. Dazu kommt eine teils geheimnisvolle Geschichte um ihren Verbleib, wie und an wen sie durch ein bekanntes Auktionshaus verkauft wurden.

Nicht genehmigter Verkauf

Im Fall von Klimts "Dame mit dem Fächer", einer schönen, unbekannten Wienerin, die wohl gegen die Tristesse des Kriegsalltags im Kimono mit Brisé-Fächer vor einer textilen Wand mit chinesischen Motiven ein wenig exotisch inszeniert wurde, geht es um einen vom Denkmalamt nicht genehmigten Verkauf ins Ausland durch den Sammler Rudolf Leopold in den 1980er Jahren. Das ereignete sich parallel zu den Verhandlungen der Republik Österreich über den Verkauf seiner Sammlung.

Wie viel Leonardo steckt in diesem "Salvator Mundi"? Sind nur die Hände echt? - © afp / 2011 / LLC
Wie viel Leonardo steckt in diesem "Salvator Mundi"? Sind nur die Hände echt? - © afp / 2011 / LLC

1994 versteigerte Sotheby’s New York das Gemälde um fast zehn Millionen Euro aus dem Nachlass eines dortigen Unternehmers. "Der Standard" berichtete vor kurzem, dass der damalige Nationalratsabgeordneter Rudolf Anschober eine parlamentarische Anfrage eingebracht hatte, die Ermittlungen verliefen aber im Sand, obwohl es sich um den Tatbestand des Verstoßes gegen das Ausfuhrverbot von Kulturgütern handelte.

Bis Februar 2022 im Belvedere: Klimts "Dame mit Fächer". - © Belvedere / Markus Guschelbauer
Bis Februar 2022 im Belvedere: Klimts "Dame mit Fächer". - © Belvedere / Markus Guschelbauer

Serge Sabarsky, der vor dem Privatverkauf in den USA in die Geschicke des Gemäldes involviert war, organisierte zuletzt als Kurator eine Leihgabe für eine Klimt-Ausstellung in Tokio im Jahr 1981. In Wien hat man es seit der Kunstschau 1920, also über 100 Jahre, nicht mehr gesehen. Der anonym bleibende Leihgeber muss keine Verfolgung mehr befürchten, er bekam nach neuer Gesetzesnovelle Immunität zugesichert und borgt das Gemälde nun für eine Sonderausstellung ans Belvedere. Dort sind die beiden letzten Gemälde Klimts, wie auf einem Foto 1918 im Hietzinger Atelier zu sehen, bis Februar 2022 wieder zusammengeführt: die fast fertige "Dame mit dem Fächer" von 1917 und das unvollendete Großformat "Die Braut". Danach wird die unbekannte Schöne, die bereits Einflüsse der jungen Expressiven hierzulande sowie von Matisse und Gauguin auf Klimt zeigt, wieder im Nebel der Privatheit verschwinden - in einem Zollfreilager, Banksafe oder einer amerikanischen Villa. Wie viele der letzten Klimt-Gemälde, auch das Porträt der Amalie Zuckerkandl, ist das Nichtvollenden durch einen Meister auch Thema im Fall des "Salvator Mundi" aus der Werkstatt Leonardos. 1525 existierten offenbar Varianten des "Christus als Welterlöser"-Themas, von denen alle sechs heute nicht Leonardo zugeschrieben wurden, sondern seinen Schülern; man geht davon aus, dass ein Karton oder eine gemalte Studie von ihm dazu existierte, die wie in den Werkstätten seinerzeit üblich nachgemalt wurde.

In der Salvator-Variante, die Sotheby’s als Leonardos Werk am 15. November 2017 als bislang teuerstes Gemälde der Welt versteigerte, gilt eigentlich nur die eigenhändige Rötel-Vorzeichnung für die Segenshand als gesichert. Was bis heute mit der besonderen Behandlung der am Rand beschatteten Fingernägel dazu führt, die perfektionistisch gemalten Hände - auch die mit der gläsernen Weltkugel - als authentisch zu bezeichnen, nicht aber Gesicht und Gewand. Wie "echt" ist dieser Leonardo mit den als "magisch" bezeichneten Händen? Sicher nicht mehr als 20 Prozent. Neu ist an den Forschungen kaum was, jedoch war es zielführend, alle bekannten Fakten zusammenzuführen. 1958 wurde das Bild billig als Leonardo-Schule verkauft. Durch den Ankauf des arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman um 373 Millionen Euro heißt es nun Abu-Dhabi-Salvator, auch wenn unklar ist, ob er es nicht im Umfeld der Ölstaaten-Prinzen weiterverkauft hat, denn die für 2018 versprochene Hängung als Sensation des Louvre Abu Dhabi fand nicht statt. Auf der großen Leonardo-Ausstellung zum 500. Todestag 2019 war es auch nicht zu sehen. Der Verbleib in einem Schweizer Zollfreilager nach den Untersuchungen kann nur mit der Echtheitsfrage zu tun haben.

Wie viel Prozent Leonardo?

Das letzte Mal war es in der Londoner National Gallery 2011/12 Teil der großen Leonardo-Retrospektive. Matthew Landrus, Professor in Oxford, sprach damals von fünf bis 20 Prozent Leonardo und 80 Prozent (Kopf und Gewand) Bernardino Luini, dem es bereits vor 120 Jahren zugeschrieben wurde. Die verschwommenen Konturen der Figuren und Porträts, die als "rauchiges Konzept", Sfumato, typisch für Leonardos Stil sind, hat genau dieser Nachfolger übertrieben zu einer verwaschenen Manier mit Braunschleier. Zum Konzept Luinis kommt höchstwahrscheinlich eine Menge einfühlsames Talent der Restauratorin Dianne Dwyer Modestini, die das Gemälde 2008 bis 2011 aus schlechtem Erhaltungszustand (eine abblätternde Malschicht ist auf einer Walnusstafel nicht ungewöhnlich) mit Hilfe der Radierung Wenzel Hollars von 1650 zu einem Schulbild Leonardos gewandelt hat.

Schätze der Menschheit

Die Dokumentation meint, der Besitzer wollte es 2019 nur leihen, wenn es im Louvre neben der "Mona Lisa" mit der Bezeichnung Leonardo (ohne Fragezeichen oder Zusatz Schule) gehängt würde. Das mag stimmen und für einen autoritär regierenden Fürsten passend sein, aber es war wohl nicht Emmanuel Macrons Verbot, sondern die Entscheidung der Experten, vor allem der Kuratoren, die sich weder von Geld noch durch Drohung leiten lassen dürfen. Dass der "Salvator Mundi" bis heute nicht im Louvre Abu Dhabi zu sehen ist, kann nur diese Entscheidung zu Grunde liegen.

So bleibt der Leonardo-Salvator schon wieder unsichtbar für die interessierte Allgemeinheit und das ist so genauso bedauerlich wie das Verschwinden von Klimts Fächerdame im Februar 2022.

Für den Kunstmarkt sollte ein Gesetz beschlossen werden, dass es untersagt, das Kulturerbe der Menschheit auf lange Zeit vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Besitzer sollten zumindest zeitweise Museen ihre Schätze zur Verfügung stellen müssen, natürlich mit allen Maßnahmen von Restaurierung und Versicherung.