Sie ist eindimensional, was sie freilich nicht davon abhält, fast so vielseitig zu sein wie "Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi. Quasi. Sie kann pedantisch und streng sein, geradeheraus, gefühlsbetont, exaltiert. Und sie ist gelenkiger als jeder Yogameister, nämlich dermaßen flexibel, dass sie sich sogar zu einem Pullover verstricken lässt, wie das Fastentuch (oder eben der Fasten-PULLOVER) von Erwin Wurm im Wiener Stephansdom eindrücklich bewiesen hat. Die Linie also. (Und was ist ein Wollfaden anderes als eine solche? Gewissermaßen.)

Für Paul Klee war sie "ein Punkt, der spazieren geht". So gesehen treibt sich hier die nullte Dimension in der dritten herum, zumal die Linie (1D) in dieser Gruppenausstellung eine Wanderin zwischen den Dimensionen ist: "Von der Linie zum Raum." Die zs art galerie ist derzeit jedenfalls sehr – "liniert". Keine Sorge, nach dem Lockdown bleibt noch genügend Zeit, um selber wie ein Punkt durch den Raum (beziehungsweise die Räume) zu flanieren.

Tonneke Sengers ist eine Illusionskünstlerin. Dem Alublech sieht man es jedenfalls nimmer an, dass es flach ist. - © zs art galerie, Stefan Seelig
Tonneke Sengers ist eine Illusionskünstlerin. Dem Alublech sieht man es jedenfalls nimmer an, dass es flach ist.
- © zs art galerie, Stefan Seelig

Den Raum tapezieren – außen

Selbst wenn sie eine Gefangene der Fläche ist, kann die Linie in die 3D-Welt ausbrechen, ohne das Blatt Papier oder das Alublech dabei zu verlassen. Mit einem Trick namens Perspektive, zum Beispiel. Tonneke Sengers aus den Niederlanden ist diesbezüglich eine wahre Meisterin der optischen Täuschung (Acryl auf lasergeschnittenem Alublech). Bringt komplexe geometrische Gebilde und japanische Räume vor der Wand zum Schweben, malt blickdichtes Metall in durchsichtiges Transparentpapier um. Eine Illusionskünstlerin. Und auch wenn man das Täuschungsmanöver natürlich durchschaut, den Bluff, lässt sich das Auge dankbar "betrügen".

Das "Selbstporträt ohne Haut" enthüllt, was im Kopf des verspielten Konstruktivisten Roland Goeschl so vorgegangen ist. Irgendwas mit den Primärfarben. 
 - © Copyright: zs art galerie, Foto: Stefan Seelig
Das "Selbstporträt ohne Haut" enthüllt, was im Kopf des verspielten Konstruktivisten Roland Goeschl so vorgegangen ist. Irgendwas mit den Primärfarben.

- © Copyright: zs art galerie, Foto: Stefan Seelig

Karl Kriebel (Wien) tapeziert die einfachste Form des Raumes (den Würfel) gleich direkt mit seinen skizzenhaften Konstruktionszeichnungen. Allerdings außen. Weil er nicht den legendären "WHITE Cube", den neutralen, weiß gestrichenen Ausstellungsraum, mit seinem architektonischen Liniengeflecht beklebt, sondern den BRAUNEN Kubus sozusagen. Einen handlicheren Holzwürfel. Und um es spannender zu machen: immer zwei Würferln, die noch dazu gegeneinander verschoben sind, auf einmal. (Technik: Schwarzgrau-Zeichnung auf weißem Papier auf braunen "siamesischen" Würfelzwillingen.) Geheimnisvolle Packerln, bei denen das "Geschenkpapier" das Interessante ist. Nicht, dass Kriebels Collagen und Mischtechniken nicht genauso an den WÄNDEN der – übrigens ausgeweißelten – Galerie angebracht worden wären. Gerahmt und gehängt, wohlgemerkt. Nicht angeleimt.

Eine Baumpflanzung von Guido Zehetbauer-Salzer: "Bruder Baum." Der Sockel ist eine Lärche. Und der Baum? Eine Nachtigall? 
 - © Copyright: zs art galerie, Foto: Stefan Seelig
Eine Baumpflanzung von Guido Zehetbauer-Salzer: "Bruder Baum." Der Sockel ist eine Lärche. Und der Baum? Eine Nachtigall?

- © Copyright: zs art galerie, Foto: Stefan Seelig

Einen "spielerischen Kubismus" könnte man Thomas Kochs "Relief mit verschiedenen Höhen" ja ebenfalls nennen. Da wird ein "gewürfeltes" schwarzes Quadrat zur Tafel, die eine unbeschwerte Kreidezeichnung unterschiedlich weit in den Raum hineinschiebt. Eine durchaus reizvolle Symbiose zwischen Mathematik (5 x 5 in die Höhe wachsende Quadrate ergeben 25) und Lebendigkeit.

Die Linie ist in den Spalt gefallen

Apropos "schwarzes Quadrat". Die beiden von Veronika Rodenberg (geboren, lebt und arbeitet im deutschen Hainzell) SIND überhaupt nicht schwarz wie die Ikone von Kasimir Malewitsch, wie der viereckige Nullpunkt der Malerei. In Wahrheit sind sie nachthimmelblau. Ist der Himmel in der Nacht nicht eh schwarz, also zwischen Sonnenunter- und -aufgang, wenn alle Katzen grau sind (außer den schwarzen, die notgedrungen schwarz bleiben)?

Und eigentlich ist jedes der Quadrate (Acryllack auf Alu-Dibond) ein Diptychon. Hat die Deutsche, die vor ihrem Kunststudium als Zeichnerin im Architekturbüro ausgebildet worden ist und sich mit der Präzision sichtlich auskennt, doch mit einem Schneidwerkzeug eine sauber gebogene Trennlinie mittendurch gezogen und die zwei Puzzleteile dann aber nicht nach rechts und links auseinandergerückt, sondern nach vorne und hinten. Und wo befindet sich jetzt die LINIE? Irgendwo im Spalt? In der Lücke zwischen dem matten, introvertierten Nachthimmelbau und dem spiegelglatten glänzenden, das sich geradezu neugierig nach vorn reckt, um die flüchtigen Eindrücke aus der Umgebung aufzusaugen? Oder sind es plötzlich ZWEI Linien? An jeder Seite des Schnitts eine? Die jeweilige Kante, die eine sanfte Biegung hat wie das Lächeln der Mona Lisa? Und während Leonardos Renaissancedame bloß ein Mal lächelt, lächelt das an sich ernste Quadrat gleich zwei Mal? Ein überraschend sinnlicher Minimalismus mit diskreten Finessen.

Merke: Eine Kurve kann gerade sein (sofern ihre Krümmung null beträgt), eine Gerade dagegen niemals wild herumkurven. Na ja, außer sie besteht aus biegsamem – Rundstahl. Wie bei Judith P. Fischer, wo sich die Linie als Skulptur materialisiert, selber dreidimensional wird. Und wo die Kreise (diese Dinger ohne Anfang und Ende) gleich ZWEI Enden haben statt keinem. (Oder zwei Anfänge?) Wobei das eine "Ende" sehnsüchtig abhebt, als wäre das der Anfang der Unendlichkeit, einer potenziell endlosen Schraubenfeder. Oder kurzerhand ein paar Runden dreht und sich sexy in den Raum hineinschraubt, "federleicht" wird, wie der Untertitel behauptet. Der Sockel ist schließlich keine Waage und die Schwere sieht man den Arbeiten nicht unbedingt an. Und wenn er offen ist, weiß man halt nicht, wie er ausgehen wird, der Kreis. Hm. Untertitel. Und der Obertitel? Lautet "ohne Titel". (Originell.) Drei noch viel kurvigere Linien voller Aufs und Abs schiebt die gebürtigen Linzerin zu einem optisch unzertrennlichen Gewirr zusammen, einer Dreieinigkeit, wenn man so will. Zu einem flotten Dreier ("Loup3"). Denn was die Künstlerin zusammengefügt hat, das soll der Betrachter nicht scheiden.

Yoga auf dem Whiteboard

Wie ein schwarzer Edding-Strich, der sich auf einem Whiteboard ausprobiert und zwei, drei Freuden-Schwünge in der Luft macht: "ohne Titel (Raumlinie)" demonstriert die Übung "Von der Linie zum Raum" mustergültig. (Ein aufgeweckter, schwarz beschichteter Rundstahl macht auf einer weiß lackierten Stahlplatte Gymnastik. Yoga? Und der Blick trainiert aufgegeilt mit.) Während die Gummischnüre regelrecht menschlich wirken. Wie ein Porträt von hinten. Jemand, der in die Wand hineinmeditiert. Oder eine Langhaarperücke. Weckt nostalgische Gefühle. An einen Ort mit Shampoo, Scheren und Haarspray. Nur mit Müh und Not hab ich meine Finger zurückhalten können.

Gesicht hat Roland Goeschls "Selbstporträt ohne Haut" auch keins. Und wo vorne und hinten ist, vermag man genauso wenig zu eruieren. Auf Äußerlichkeiten kommt’s bei diesem bunten Drahtknäuel am Stiel aber offenbar sowieso nicht an. Vielmehr zeigt es anschaulich, was der 2016 verstorbene Bildhauer und Freund des Konkreten, der nicht auf dem BLAUEN Planeten gelebt hat, sondern auf dem ROT-GELB-blauen, im Kopf hatte: Gedanken in den Primärfarben. Und einige davon hat er sich darüber gemacht, wie er die Zeichnung ins Dreidimensionale befördern kann. Eine zentrale Frage, wenn ich das Bild korrekt deute, aus dessen Mittelpunkt kunststoffisolierte Kupferdrähte quellen. Ebensolche hat der verspielte Konstruktivist (von ihm ist die aus "Bauklötzen" in der Bauhaus-Farbtrias aufgetürmte Säule oben auf dem Gebäude der TU) in klassische Plexi-Zylinder und -Quader gestopft. Hat das Chaos, in Form gebracht.

Bäume sind Chaoten (und trotzdem unsre Brüder)

Aus dem Chaos erwächst bei Guido Zehetbauer-Salzer wiederum der "Bruder Baum". Der Wiener übersetzt das gestische Geschehen auf seinen Blättern (die Linie als emotionale Spur, als Fährte der Hand, die energisch den Ölstift führt) in zarte "Kritzeleien" aus Draht, die aus kleinen Lärchenholz-Sockeln sprießen, aus dem Stoff, aus dem die GROSSEN Bäume sind. (Und ist das Papier seiner Zeichnungen nicht ebenso aus Baum gemacht?) Die Draht-Bonsais spenden sogar Schatten. Den gibt’s gratis dazu und der wandelt die Raumzeichnung wieder in 2D um. Weil 3D eben doch nicht dem 2D sein Tod ist. Subtil: die zunächst unscheinbaren Collagen und Schichtungen von Alex Klein, die "scheinbar" werden, wenn man sie länger auf die Netzhaut einwirken lässt.

Eine stimmige Schau (materialreich, sprich nicht knausrig, bei gleichzeitigem Faible fürs Reduzierte), die die Ähnlichkeiten und die Unterschiede zwischen den einzelnen Positionen durch kluge Platzierung herausarbeitet. Am Ende steht nun trotzdem ein Punkt (und der geht nirgends mehr hin). Der Schlusspunkt:.