Harmoniebedürftig scheint Cäcilia Brown ja nicht zu sein. Was ihre Kunst betrifft zumindest. Da laufen die Begegnungen nämlich nicht gerade friktionsfrei ab. Ihre Objekte in roher (oder verrohter?) Materialästhetik LEBEN sogar von der Reibung. Ob sie sich deshalb den Imi Knoebel gewünscht hat? Quasi als Reibebaum? Schon allein das gegensätzliche Kolorit: ihre unaufdringlichen "Naturfarben" gegen seine ziemlich künstlichen. "Als spannende Herausforderung" hat die 1983 Geborene es jedenfalls gesehen, mit dem Kollegen aus Deutschland und aus einer anderen Generation (der Beuys-Schüler ist Jahrgang 1940) gemeinsam auszustellen, dessen Arbeiten sie vor allem aus Katalogen kennt und nicht als Live-Erlebnis.

Den intimen Wienbezug geben Browns mitunter sperrige Skulpturen mit ihrem grobschlächtigen Charme (derb mit unterschwelliger Eleganz) vielleicht nicht so ohne Weiteres preis. Dass die wuchtigen Holzbalken "Erfahrung" haben, geschichtsträchtig sind, ist einem freilich auf Anhieb klar. Die Dinger hat die Künstlerin immerhin von alten Dachböden, aus Abbruchhäusern. Hat sie sozusagen von den Bau- oder eher Abrissstellen weggeschleift und in ihre Serie "Der verklemmte Haufen" verschleppt, wo sie wieder eine tragende Rolle spielen dürfen. Bei so etwas wie Stehtischen.

Vielsagende Titel. Vorne: Imi Knoebels "Der Deutsche", hinten: Cäcilia Browns "Obdachlos und trotzdem sexy II" sowie "Eingeengt durch Bäume".
 - © Courtesy: Gabriele Senn Galerie, Foto: kunst-dokumentation.com
Vielsagende Titel. Vorne: Imi Knoebels "Der Deutsche", hinten: Cäcilia Browns "Obdachlos und trotzdem sexy II" sowie "Eingeengt durch Bäume".

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Das fünfte Bein am Tisch

Beziehungsweise stützen sich die "Tischbeine" und die Betonplatte, die sie durchstoßen, gegenseitig. Die Platte hält sie zusammen und halbwegs aufrecht. Klingt nach einer Vernunftehe. Nach beiderseitigem Abhängigkeitsverhältnis. Und die delogierten Balken haben endlich wieder ein Dach überm Holz. Oder einen Plafond. (Den der Gabriele Senn Galerie.) "Obdachlos und trotzdem sexy II" heißt das eine ausdrucksstarke Opus von robuster Urtümlichkeit keck, "Eingeengt durch Bäume" das andere, das fünfbeinige. (Tische sind eben nicht durch die Bank Vierbeiner.)

Heißt Imi Knoebels "Russisch Brot" nur so, weil das gleichnamige Gebäck so braun ist wie der "Kasten" links? 

 - © Courtesy: Gabriele Senn Galerie, Foto: kunst-dokumentation.com
Heißt Imi Knoebels "Russisch Brot" nur so, weil das gleichnamige Gebäck so braun ist wie der "Kasten" links?


- © Courtesy: Gabriele Senn Galerie, Foto: kunst-dokumentation.com

Brown hat die Stämme der vor langer Zeit gefällten Bäume, dieser bodenständigen Pflanzen, gewissermaßen wieder aufgerichtet. Und hier stehen die hölzernen Zeitzeugen nun und führen stumme Tischgespräche. Scheinen sich still über Immobilienspekulanten zu unterhalten und über deren Abrissgeilheit, über den Verlust der historischen Bausubstanz und über hässliche Dachausbauten. Und die Betonplatten? Hat die Bildhauerin selbst gegossen. Die eine, die "durch Bäume eingeengt" wird, ist ihre "Musterfliese Currymayonnaise", die andre im Terrazzo-Stil gefertigt (geschliffen, poliert, mit Marmorkiesel-Einschlüssen). Terrazzo: Zur Gründerzeit ein beliebter Bodenbelag.

Matzleinsdorfer Keramik ist nix für die Küche

Musterfliese Currymayonnaise? Nach diesem Dip mit der exotischen Würze, der super zu Süßkartoffel-Pommes-frites passt? Brown: "Eine mögliche Bezeichnung in einem Baustoffkatalog, und bezieht sich auf die Farbgebung." Ein gschmackiges Pastellgelb, das einem schmerzlich bewusst macht, dass die letzten Vernissagen mit Bewirtung (mit "Beweinung", also Weinausschank, und Brötchen oder Knabberzeugs) bereits eine Ewigkeit her sind und auch nicht so bald wieder erlaubt sein werden. Es stecken halt nicht bloß Balken (aus der Vergangenheit exhumiert) im Beton, sondern außerdem diverse Erinnerungen und Geschichten da drin.

Für ihre "Tunnelfragmente" (Nummer 1 und 2) hat die Künstlerin übrigens in Wien Bodenproben genommen. Sich aus U-Bahntunneln heimlich ein Souvenir rausgebrochen? Blödsinn. Bei den leicht gebogenen und in Stahlhalterungen geklemmten Tontafeln mit der Aura von archäologischen Ausgrabungsstücken handelt es sich vielmehr um "Matzleinsdorfer Keramik". So bekannt wie die GMUNDNER Keramik ist die aber nicht, oder? Geschweige denn wie das Augarten Porzellan. Eh nicht. Cäcilia Brown hat den Namen kurzerhand erfunden.

Allerdings hat sie wirklich Bodenschätze von der U-Bahnbaugrube am Matzleinsdorfer Platz verarbeitet: Lehm. Respektive Ton. "Das finde ich besonders interessant in Hinblick auf die Geschichte Wiens, die Ziegelwerke, die in der Gegend vom zehnten Bezirk angesiedelt waren und so viel Material zur Erbauung der Stadt geliefert haben." Für die malerische Oberfläche sorgt unter anderem die nicht ganz unkomplizierte Beziehung zwischen Ton und Wachs. Während Ersterer in der Hitze härter wird, schmilzt Letzteres. Doch Gegensätze ziehen sich ja angeblich an.

Die deutsche Unergründlichkeit

Erzählerisch ist Imi Knoebels aus bemalten Platten und Latten (Holzfaser und Alu) bunt zusammengezimmerte Minimal Art insgeheim gleichfalls. "Der Deutsche" (2010): Ein Porträt der deutschen Gründlichkeit? Oder der deutschen Unergründlichkeit? Ein bissl windschief, eine Spur verzogen. Eine "menschliche" Geometrie eben. Ohne Winkelmesser und Wasserwaage.

Und warum nennt sich die imposante Installation aus konstruktivistischen Farbklängen, die entfernt an eine Garderobe erinnert, "Russisch Brot" (1999)? (Russisch Brot: Eine Art Buchstabensuppe ohne Suppe. Keksige Lettern auf dem Trockenen.) Vermutlich weil der schlanke "Kasten" (ein nackter Hartfaser-Quader) genauso braun ist wie das gebackene Alphabet. Eine allerletzte Frage hätte ich noch: Wenn man Russisch Brot in Currymayonnaise tunkt, kann man das dann noch essen?

Ein Dialog der sprechenden Materialien, der nicht ohne Reiz ist.