Lolita macht mit Dr. Mabuse gemeinsame Sache? Ja, nämlich Kunst. Oder eigentlich IST das die Kunst. Jonathan Meese, größtester Fan des Hyperlativs (und zur Not quetscht er halt noch irgendwo ein "Erz" rein), hat das Girlie fatale und den Superspreader des Bösen zum neuen Traumpaar vereint. Zu einer Art multiplen Persönlichkeit. Und bei einer solchen besteht wenigstens kein Pädophilieverdacht, auch wenn der Altersunterschied natürlich trotzdem beträchtlich ist. Locker 33 Jahre! (1922 hat Fritz Lang den Überdrüber-Ganoven mit dem hypnotisierenden Blick auf die Kinoleinwand gebracht – in seinem Stummfilmklassiker –, und 1955 ist Vladimir Nabokovs bekanntester Roman erschienen.)

"DIE DR. MABUSENLOLITA (ZWISCHEN ABSTRAKTION UND WAHN)" – so heißt jedenfalls die Ausstellung in der Galerie Krinzinger, und die wird definitiv früher wieder zu sehen sein als Meeses "KAMPF-L.O.L.I.T.A."-Stück im Volkstheater ERSTMALS, das seit Wochen in den Startlöchern scharrt: "KAMPF-L.O.L.I.T.A. (EVOLUTION IST CHEF) oder L.O.L.I.T.A. D.Z.I.O. (ZARDOZ FLIEGT WIEDER!)." (He, durch das Meeseversum fliegt Zardoz, hallo? Da schwirren eben keine mickrigen Kleinbuchstaben herum.)

Im Pavillon mit vier L (Mitte) hat sich Dr. Mabuse als Jonathan Meeses Mutter verkleidet: "DER PAVILLLLON ,SELBST' OHNE BESCHEINIGUNG ABER MIT HOHLSAHNE!" - © Anna Lott Donadel
Im Pavillon mit vier L (Mitte) hat sich Dr. Mabuse als Jonathan Meeses Mutter verkleidet: "DER PAVILLLLON ,SELBST' OHNE BESCHEINIGUNG ABER MIT HOHLSAHNE!" - © Anna Lott Donadel

Prophet auf Red Bull

Während der Kindmann Meese die Kindfrau Lolita also schon ein bissl länger im Repertoire hat, ist der Erzschurke Mabuse, den sein kriminelles Genie schließlich in den Wahnsinn und die Anstalt treibt (und das ist nicht einmal das Ende, sondern vielmehr der Anfang der Fortsetzung als Tonfilm), ein Neuzugang in seinem Ensemble, seinem Pandämonium aus High und Low, Wagner und Pop und ungenierter Sprachblödelei bis hin zur barocken Logorrhoe ("DIE ROHE MABUSIMEESI ,STRADDIVARRIRRI‘ IM FULLEN DATTELIERZ ,M‘!", "UFOMABUSE" – oder ganz banal: "MEIN KLOSTEIN REDET MIT MIR/DIR!").

Gruppenbild mit allen Bösewichtern: "H'EXKUNST DE FULL!" von Jonathan Meese. - © Galerie Krinzinger und Jonathan Meese / Roman März
Gruppenbild mit allen Bösewichtern: "H'EXKUNST DE FULL!" von Jonathan Meese. - © Galerie Krinzinger und Jonathan Meese / Roman März

Dabei haben der M mit dem Doktortitel und der M mit der Adidasjacke (und der hybriden Ausstrahlung: eine Mischung aus Jesus und Rasputin), der sich unentwegt aus dem Stegreif selber spielt und dann drauflos plappert wie ein Prophet auf Red Bull, mindestens vier Dinge gemeinsam: drei Buchstaben und eine utopische Vision. Dem Kriminellen schwebt die Weltherrschaft des Verbrechens vor, dem Künstler die Diktatur SEINES Metiers: der Kunst. Und damit die endlich an die Macht kommt, schickt Letzterer, der gern dick aufträgt (mit der Farbe und verbal) seine Mabusenlolitas in die Materialschlacht. Dr. Mabuses Kriegerinnen. Meese: "Im ,Dr. Mabusenlolitastaat regiert nur die Kunst." Eine ideologiefreie Zone. Keine Religion und "No Politics!".

Ob Jonathan Meeses Dr. No-Rap bald aus dem "RADIO GAGA"dröhnt?

Courtesy: - © Galerie Krinzinger und Jonathan Meese / Anna Lott Donadel
Ob Jonathan Meeses Dr. No-Rap bald aus dem "RADIO GAGA"dröhnt?
Courtesy: - © Galerie Krinzinger und Jonathan Meese / Anna Lott Donadel

Nicht, dass die Gleichungen, die der 1970 in Tokio geborene, spieltriebgesteuerte Deutsche diesbezüglich aufstellt, für den nichtmeeseschen Verstand restlos lösbar wären (obwohl sie überhaupt keine Unbekannte enthalten, kein x): LOLITA = GESETZMÄSSIGKEIT. MABUSE = WILLE ZUR KUNST. MABUSENLOLITAS = MAGNETISMUS. Hm. Sehr anziehend sind sie tatsächlich, die Mabusenlolitas. Besonders die Anziehpuppen. Solche, wie man sie aus dem Schaufenster kennt. Bloß keine Modepupperln und noch dazu verstümmelt. Und mit Kriegsbemalung. Eine frühreife Walküre (blonde Zopferlperücke) spielt nach wie vor mit Puppen. Okay, mit Voodoo-Puppen.

Dr. Mabuse schaut nun aus wie Meeses Mutter

Wobei aber ohnedies jeder eine Lolita sein kann. Das ist hier keine Frage des Alters. Oder des Geschlechts. (Oder der Spezies.) Meeses 91-jährige Mutter ist angeblich eine, Richard Wagner sowieso, der Gott von Bayreuth, von dessen Festspielhügel Meese kurz vor dem Gipfelsieg, bevor er den "Parsifal" inszenieren hat können, bekanntlich wieder runter musste. (Bayreuth hat’s 2017 plötzlich bereut und ihn wieder ausgeladen.) Und Klaus Kinski, Michael Jackson, sämtliche Tiere. Wahrscheinlich ist Meese also genauso eine Lolita. Immerhin IST er ein Tier. Ist er die Ameise Jonathan. Wie die Möwe, nur anscheinend mehr ein Krabbler als ein Überflieger. Eine "Ameise der Kunst" ist er (laut Selbstbeschreibung).

Mabuse hingegen ist die Mutter. Oder hat sich der Verkleidungskünstler nicht als Mutter, als Meeses "Superhero", maskiert, sondern als "Mutterz"? Ein rotes Z wird zumindest auf dem Rücken des Superhero-Umhangs nachgereicht, den der kackbraun angepatzte Sockel anhat in diesem "PAVILLLLON" mit Doppel-Doppel-L, der sich wiederum mit Knoblauch und Kreuz gegen die Außenwelt schützt. Gegen Nosferatu, damit der Vampir brav den Zwei-Meter-Mindestabstand einhält? Oh, hoppala: Das Kreuz ist in Wahrheit ein Voodoo-Püppchen! Und die leeren Klopapierrollen im Kartoffelnetz? Messen die Zeit, wie lange die Pandemie inzwischen bereits gedauert hat?

Moment: Oder Z wie "Zardoz was here"? Dieser Fake-Gott, der sich im gleichnamigen Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1974 dem unterdrückten Volk als fliegender Steinschädel zeigt? Und Z wie Zed, sein postapokalyptischer Reiter mit rotem Lendenschurz und Overknees, den Jean Connery mit vollem Körper- und Brusthaareinsatz dargestellt hat und der hinter das Geheimnis kommt? Realisiert, dass "Zardoz" seinen Namen mehr oder weniger aus einem Kinderbuch geklaut hat? Nämlich vom Zauberer von Oz (englisch: "WiZARD of OZ" – Zardoz), der ebenfalls kein "richtiger" Magier ist, sondern das Trugbild eines Illusionisten, des "Mannes hinter dem Vorhang"? Dieser Zed taucht in Meeses anarchischem Chaos, seinen Farb- und Parolen-Orgien, für die er die bunte Seite der Macht anzapft, ja auch immer wieder auf. Und da wird zwar nicht hinter den Vorhang geblickt, hinter einem Paravent steht allerdings James Bond. Beziehungsweise steht auf der Rückseite halt "007" drauf.

Dr. No sagt "jawoll"

Totalste Kunst und vollste Bilder (Öl, Acryl und die Namen aller Gegenspieler des Doppelnullagenten auf Leinwand). Fratzen, Glatzen, animalische Kreaturen, Aliens, bannende Augen, hypnotisierende Spiralen, das Eiserne Kreuz, Teddybären mit Narben, Eisstanitzel, Dr. No, Ernst Stavro Blofeld, Scaramanga, Goldfinger, der Beißer . . . – und mittendrin weht die Fahne der Diktatur der Kunst und buchstabiert Kunst und Liebe ("K.U.N.S.T", "L.I.E.B.E."). Die volle Dröhnung. Ein brutales Gemetzel mit viel Farbvergießen, naturgewaltiger Hässlichkeit und Selbstironie. Auf jeden Fall ein Erlebnis.

Dr. No ist übrigens unlängst wiederauferstanden (und das, nachdem ihn Bond, James Bond, vor fast 60 Jahren im Kühlwasser eines Kernreaktors gekocht hat). Als Jonathan M. Er ergreift nämlich auf dessen Techno-Album mit DJ Hell ("Hab keine Angst, hab keine Angst, ich bin deine Angst") von Meese Besitz, als dieser dem rhythmischen Sound den Odem des Redens einbläst: "I’m Dr. No, jawoll . . . I am back." (Schluck.)

Theoretisch könnte der Song sogar dereinst aus diesem Radio schallen, auf das Meese wohl nicht zufällig "Dr. No" gekritzelt hat. Wie ein Menetekel. Gut, das ist ein uralter Röhrenempfänger, der vielleicht höchstens noch als Hocker für ein männliches Plastik-Sixpack-Model was taugt. Für den "DR. ANONYMUS". Ein moderner Apparat könnte das freilich NICHT. Und der hätte außerdem kein "magisches Auge", das einen in Trance zu versetzen versucht wie Dr. Mabuse.