Wie nennt man Leute, die sehr verspielt sind? Musiker. Und die Instrumente sind ihre "Spielsachen". In der Georg Kargl Box liegen die fröhlich bunt glasierten Tongefäße (Behälter aus Ton und für Töne – Ton mit Ton sozusagen, mit Sound) allerdings stumm herum und machen keinen Mucks. Schweigen sich aus. Na ja, das sind alles Blasinstrumente. Die erzeugen gefährliche Aerosole. Und schon einmal versucht, mit einer FFP2-Maske seine Geburtstagskerzen auszublasen? Auch nur eine einzige davon? Wie soll man dann damit Flöte spielen?

Sogar das Hörgerät für Selbstgespräche, damit man sich selber besser versteht (ein ringförmig gebogenes, rückbezügliches Hörrohr), verstärkt eher den Klang der Stille als den der eigenen Stimme. Denn wer traut sich heutzutage, beim einen Ende hineinzusprechen? (Selbst maskiert.) Schließlich kann man nicht wissen, wer das vor einem bereits getan hat und was nachher beim andern Ende herauskäme. (Abgesehen davon, dass sich im Moment noch zusätzlich zur Maske Schaufensterglas zwischen die Lippen und das Mundstück schiebt.)

Der Stoff, aus dem die Schwerkraft ist

Camila Sposatis Keramiken werden quasi durch Mund-zu-Mund-Beatmung aktiviert. Die Objekte aus dem Stoff, aus dem die Schwerkraft ist (Erde – oder lautet ein anderes Wort für Gravitation etwa NICHT "Erdanziehungskraft"?), sind Teil ihres viel komplexeren Projekts "Phonosophia". Und eigentlich handelt es sich um Koproduktionen der vier Elemente. Erde, mit Wasser geschmeidig gemacht, im Feuer gebrannt und mit Luft "inspiriert".

2014 hat die Brasilianerin (eine Tonkünstlerin im doppelten Sinn) ein Loch in den heimatlichen Boden gebuddelt (ihr Beitrag zur dritten Bahia Biennale), um ein Theater darin zu versenken: ihr "Earth Anatomical Theatre". Angelehnt an die anatomischen Theater aus früheren Jahrhunderten. Freilich ohne Seziershow auf der von Zuschauerreihen umzingelten Bühne. Mehr was für die Ohren als für die Schaulust. Ein "Hörsaal", in dem man den Stimmen der Erde lauschen konnte, ihren Innereien gewissermaßen, den "geerdeten" Instrumenten. So gesehen hat Sposati Klänge exhumiert. Dass sie ihre Spielstätte bald wieder abgebaut und die Wunde verarztet, zugeschüttet hat, war zugleich eine kritische Anmerkung zur umweltschädlichen, Regenwald zerstörenden Förderung von Bodenschätzen in Brasilien.

Ein Elefantenpinguin? Camila Sposati hat ihrer Schöpfung allerdings einen weniger schmeichelhaften Namen gegeben: "Guts" (Eingeweide). - © Camila Sposati und Georg Kargl Fine Arts / Georg Kargl Fine Arts / kunst-dokumentation.com
Ein Elefantenpinguin? Camila Sposati hat ihrer Schöpfung allerdings einen weniger schmeichelhaften Namen gegeben: "Guts" (Eingeweide). - © Camila Sposati und Georg Kargl Fine Arts / Georg Kargl Fine Arts / kunst-dokumentation.com

Die aktuellen Instrumente (mittlerweile die dritte Generation) haben mitunter organische Formen. Nicht von ungefähr heißen die dudelsackähnlichen "Guts" (englisch für "Eingeweide"). Ausgesprochen sympathische "Gedärme" aber. Liebenswürdige Geschöpfe mit Charakter. Phantastische Tierwesen. Tollpatschige Elefantenpinguine? Mit Rüssel? Vergleichsweise unpersönlich: "Solua." Solua? Was soll das sein, bitte? Eine Etölf. "Flöte", verkehrt herum geschrieben. Weil Sposati das Prinzip des antiken Aulos (mit der Doppelflöte kann einer allein zweistimmig spielen) kurzerhand umdreht. Bei ihr können bis zu drei Personen . . . ach, gemeinsam einstimmig spielen? Pusten im Teamwork.

In der Luft kommen die Noten eh alle zusammen

Mit den Flöten "Duck" (Ente) und "Rabbit" (Kaninchen oder Hase) ist das Social Distancing wiederum kein Problem. Das sind "Einzelstücke". Nichtsdestotrotz sollen sie im Duett geblasen werden. (Ob die eine Flöte schnattert und die andre fiepst, grunzt, knurrt, schnarcht, grummelt, mit den Zähnen knirscht und Schluckauf hat? Wegen ihres Aussehens, das mehr an einen Baseballschläger erinnert, der glaubt, er wäre ein Nudelwalker, haben sie ihre Namen jedenfalls definitiv nicht.)

Spielzeug für Musiker: Keramische Blasinstrumente aus Camila Sposatis "Phonosophia". - © Camila Sposati und Georg Kargl Fine Arts / Georg Kargl Fine Arts / kunst-dokumentation.com
Spielzeug für Musiker: Keramische Blasinstrumente aus Camila Sposatis "Phonosophia". - © Camila Sposati und Georg Kargl Fine Arts / Georg Kargl Fine Arts / kunst-dokumentation.com

Eine akustische Hommage an die Hase-Ente-Illusion? An dieses legendäre Kippbild, wo sich ein Entenschnabel nicht entscheiden kann, ob er nicht doch lieber bloß zuhören und zwei lange Hasenohren sein will, die das Entengeschnatter aus dem Äther löffeln? In Sposatis Orchester dürfen beide Geräusche machen. Gleichzeitig. Nach Lust und Laune Zwiesprache halten. Wie die lebhaft kommunizierenden Instrumente auf den Zeichnungen.

Und die Partitur? Visuelle Musik, die die Künstlerin direkt auf der Wand komponiert hat. Abstrakte Kunst, die intuitiv "gehört" werden kann. Farbtöne, die sich schwungvoll und dekorativ über die geraden Notenlinien schlängeln oder pointiert Akzente setzen. Für Noten-Analphabeten unbedingt geeignet. Die Ruhe ist hier also wenigstens melodisch.