Statt Munch und die Folgen ist nun binnen weniger Monate aus dem eigenen Sammlungsbestand der Albertina ein Überblick zum Thema Landschaft, Seestück und Vedute über fünf Jahrhunderte von Kuratorin Eva Michel zusammengestellt worden. Für das inländische Publikum eine gute Gelegenheit, die bekannten Meisterwerke der Grafik wiederzusehen. Es sind aber unter den 170 Blättern nicht nur Highlights wie Albrecht Dürers "Großes Rasenstück" oder Jakob von Alts "Blick auf Wien von der Spinnerin am Kreuz" zu finden, diese wurden kombiniert mit Neuentdeckungen, sogar im Bereich der Topografie und Kartografie. Kunstgeschichte trifft auf andere Wissenschaften - auch die Philosophie - und so birgt gerade das Landschaftsthema einen spannenden Wechsel von naturalistischen über idealistische Auffassungen. Viele davon sind angeregt durch Reisen der Künstler, die bereits im ersten Raum mit jenen von Dürer und Pieter Bruegel d. Ä. nach Italien um 1500 und danach starten.

Neuer Realismus

Die Innsbrucker Burg, aber auch die ganze Stadt im kleinen Aquarell wurden von Dürer noch als Vorlagen für seine Werkstatt und nicht als autonome Kunstwerke konzipiert. Nichtsdestotrotz ist auch seine Federstudie eines Felsens mit Turm und Wanderer Beispiel für einen neuen Realismus, der auch Albrecht Altdorfers kolorierte Radierungen leitet. Dazu kommt dessen Bruder Erhard - allerdings mit einer arrangierten Komposition wie auch Tizians (Tiziano Vecellio) Seenlandschaft mit Hirten nach arkadischen Dichtungen, die sich an der Antike orientierten. Die Niederländer im zweiten Raum waren vor allem im 17. Jahrhundert zum Teil wie Rembrandt van Rijn mit Skizzenblock vor Ort unterwegs, komponierten aber auch im Atelier Walddarstellungen, typische flache Landschaften am Meer mit Dünen und Windmühlen. Dazu kommen die bei den bürgerlichen Auftraggebern beliebten Seestücke eines Ludolf Bakhuizen und Winterszenen von Abraham Rutgers mit Schlittschuhläufern auf den zugefrorenen Grachten.

Claude Lorrain: "Baumgruppe mit ruhendem Hirten" aus den späten 1630er Jahren. - © Albertina
Claude Lorrain: "Baumgruppe mit ruhendem Hirten" aus den späten 1630er Jahren. - © Albertina

Räumlich und chronologisch folgen die italienischen Vedutenmaler des 18. Jahrhunderts mit Antonio Canaletto oder Giovanni Paolo Pannini und der weniger bekannte Francesco Tironi, neben den in Italien lebenden Nicolas Poussin und Claude Lorrain sowie Hubert Robert, der nicht venezianische Paläste am Wasser konstruierte, sondern römische Ruinen ins Erhabene steigerte. Der Zeichenlehrer der Habsburger-Frauen, Jean-Baptiste Pillement, paraphrasierte bereits frühere niederländische Veduten neben seinen Schäferszenen und Chinoiserien. Jean-Honoré Fragonard lavierte duftiges Blattwerk in Parkanlagen und nahm vor den utopischen Idyllen der Klassizisten - dabei der Dresdner Jacob Wilhelm Mechau - die Stimmungen des 19. Jahrhunderts vorweg. Caspar David Friedrich, Carl Blechen oder Peter Birmann als Romantiker folgen die Mappenwerke mit Überblicken ganzer Länder und Städte, die ganz speziell den Kunstsammler Albert von Sachsen-Teschen interessierten. Adrain Zingg stellt in seinen Motiven seine alte Heimat dar, aus dem Habsburger Reich Carl Schütz oder eben Jakob und Rudolf van Alt, dazu Joseph von Rebell mit sonnendurchflutetem Blick auf die oberitalienischen Seen.

Luftige Farbgewebe

August Mackes "Frau mit Krug unter Bäumen" aus dem Jahr 1912. - © Albertina / Sammlung Forberg
August Mackes "Frau mit Krug unter Bäumen" aus dem Jahr 1912. - © Albertina / Sammlung Forberg

Der Sammler mochte die bildhaft ausgeführten, großformatigen Blätter. Neben grüner Landschaft hielten Alt, Adolph Menzel und später Vincent van Gogh aber auch die Verwerfungen durch Eingriffe des Menschen im industriellen Zeitalter fest, während die Impressionisten Flusslandschaften und Berge wiederum in luftige Farbgewebe auflösten wie im Fall von Auguste Renoir oder Paul Cézanne. Beim Aufbruch in die Moderne mit Egon Schiele, Ludwig Heinrich Jungnickel oder Carl Moll, ist auch ein Unbekannter mit nebeligen Nachtstücken zu finden: Ludwig Rösch.

Seiner heimeligen Stimmung folgt im letzten Raum die negative Dunkelheit, psychisch aufgeladen, mit Alfred Kubin, aber auch dem frühen Lyonel Feininger. Doch bilden bunte Gegenstücke von Emil Nolde und Lovis Corinth den Abschluss, zudem die hellen Aquarelle der Nordafrika-Fahrer August Macke und Paul Klee, der Landschaft bereits in abstrakt-geometrische Kompositionen voll Poesie auflöste.