Kennen Sie den? Oder eigentlich "die", denn das ist ja kein Witz, sondern eine Anekdote. Droht der berühmte Porträtist (der so berühmt allerdings auch wieder nicht sein dürfte, weil andernfalls sein Name überliefert wäre): "Haltens g‘fälligst still, sonst mal ich Sie ähnlicher, als Sie sind!" Elena Steiners bravourös gemalte Gesichter sind ebenfalls oft zu "ähnlich", um wahr zu sein. (Okay, das trifft auf die meisten Selfies gleichermaßen zu.)

Nicht, dass man heutzutage noch viel Sitzfleisch bräuchte, wenn man ein Bild von sich haben möchte. (Da posiert man kurz für die Kamera, und die Ausdauer benötigt dann höchstens der oder die mit dem Pinsel.) Oder es sich bei dem, was in der Galerie Lehner derzeit an den Wänden hängt, um klassische Porträts handeln würde, wo sich die Porträtierten in der Regel vorher hübsch machen. Oder nachher. Mittels Photoshop. Je nachdem.

Sie verwischt das Tüpferl auf dem vollkommenen i

Aus leibhaftigen Modellen (und die können sogar aus Porzellan sein), Fotos und "gefundenen" Körperteilen erschafft die mittlerweile in Wien lebende gebürtige Tschechin (Jahrgang 1975), die an der Angewandten studiert hat, mehr oder weniger fiktive Personen mit jeder Menge Persönlichkeit. Mit welcher Form von Realismus man es hier zu tun hat, ist also nicht ganz klar. Surrealismus? Fotorealismus? Mit einem surrealistischen Fotorealismus? Einem fotorealistischen Surrealismus?

Desillusionierend (und verstörend) ist Steiners Realismus aber definitiv. Weil sie nicht nur jede Pore, jedes Wimmerl, jedes Äderchen gewissenhaft aufzählt und jegliches Material sinnlichst schildert (die seidige Bluse, das feine Haar, das glatte Porzellan . . .), nein, außerdem die Wimperntusche wie ein trauriges Aquarell verrinnen lässt. Sie ist halt sichtlich so eine, die gern das Tüpferl auf dem perfekten i verwischt.

Perfekt verschmierter Lippenstift. Und die Strümpfe von Elena Steiner glauben, sie wären Kondome. 
- © Elena Steiner

Perfekt verschmierter Lippenstift. Und die Strümpfe von Elena Steiner glauben, sie wären Kondome.

- © Elena Steiner

Überall intensive Blicke. Selbst wenn diese schlaff herunterhängen wie benutzte Kondome. In Wahrheit sind das freilich eh keine Präservative (ätsch!), vielmehr Nylonstrümpfe. (Trotzdem irgendwie grauslich. Wenngleich durchaus passend. Oder ist im Märchen vom Aschenputtel der Fuß, der in den Schuh eindringt, NICHT sexuell konnotiert? Und wer Kondome sieht, hat nicht unbedingt was an den Augen. Lediglich ein funktionierendes Unbewusstes.) Die HANDFESTE Realität, die, die man sich zum Beispiel über die Beine ziehen kann, darf in diesen sehr körperlichen Bildnissen, die tief blicken lassen (bis in die Psyche), nämlich auch manchmal mitspielen. Als irritierendes Collage-Element. Dafür ist das Lächeln der leidenschaftlichen Dame entwaffnend ehrlich. Der clownesk verschmierte, offenbar nicht kussechte Lippenstift verrät, was sie vor der "Porträtsitzung" getrieben hat.

Das Bild kann über sich selbst lachen

Ein verlogenes, diesmal einwandfrei geschminktes Lächeln wie aus der Zahnpastareklame wird hingegen durch genau davor platzierte "falsche Zähne" (auf einem Metallständer) ironisch gebrochen. Zwei Bürsten, mit den Borsten zu einem grotesk breiten Grinsen ineinander verbissen ("Zahnbürsten" einmal anders), scheinen die unnatürliche Makellosigkeit, das übertrieben gepflegte Äußere hinter ihnen zu kommentieren, sich mit ihrer eigenen Banalität darüber lustig zu machen. Als böse Pointe. (Jenes Witzes, über den das Bild selber lacht? Dass die Beißerchen wirklich so weiß wären wie in der Werbung?)

Lust und Schmerz (und Scherz) – exhibitionistische Nippfiguren führen gleich alle drei Sachen auf einmal vor. Heben in barockem Überschwang ihre Leiberln und entblößen sich, quetschen ihre Brustwarzen, werden zu "Nippelfiguren". "Bruststück" (ein Porträt inklusive Oberkörper) wird da plötzlich ziemlich zweideutig. Oder genau genommen eindeutig. Das kühle, glasierte (und blasierte) Porzellan (bestimmt keine Unschuld vom Häkeldeckerl) geht schamlos in gut durchblutete Haut über, in Fleischeslust. Hybride aus kitschigem Staubfänger und Playmate, Zerbrechlichkeit und offensiver Erotik.

Leiden für die Kunst (von Elena Steiner): In der eigenen Haut in Deckung gehen und modische Jesus-Stiefel. 
- © Elena Steiner

Leiden für die Kunst (von Elena Steiner): In der eigenen Haut in Deckung gehen und modische Jesus-Stiefel.

- © Elena Steiner

Und wer weniger auf Brust und mehr auf "Keule" steht (respektive auf Haxerln): Provokant stecken schlanke, miniberockte Beine in den angenagelten Porzellanfüßen des Gekreuzigten, verschmelzen mit dem Leid, bringen die Keramik zum Bluten. Das Leben trägt den Tod wie modische Stiefel. Ein Sakrileg? Andererseits: Sind Frauen nicht Märtyrerinnen der Schuhmode? Die großmütig Blasen, Hühneraugen und einen Hallux valgus erdulden?

In die Fruchtsäure köpfeln

Ein strahlender Teint wiederum wird förmlich geboren (oder wiedergeboren?), zwängt sich trotzig durch das Fruchtfleisch einer riesigen Pomelo. Trägt die auseinandergetriebenen Spalten der Zitrusfrucht als üppigen Kragen. Polierter und glänzender könnte das puppenhafte Gfrießerl nicht sein, das dem Jugendkult frönt, was den Titel des Werkes nicht davon abhält, "Glatte Haut wird überbewertet" zu lauten. Eine Glasur als Alternative zum Botox? He, falls ein Schönheitschirurg einen Werbeslogan braucht: "Botox – damit alles glattgeht." (Zur freien Entnahme.)

Dekorative Mundflora: Elena Steiners unheimliche "Toxic Love". 
- © Elena Steiner

Dekorative Mundflora: Elena Steiners unheimliche "Toxic Love".

- © Elena Steiner

Betrachter sind sowieso Voyeure. Und wenn einem ein Porzellangesicht mit unheimlich menschlichen Augen ein Guckloch anbietet, starrt man logischerweise interessiert hinein – in den erschrocken aufgerissenen Mund, aus dem die Mundflora als vermeintlich harmloses Blümchenmuster herauswuchert. Und leises Unbehagen beschleicht einen. Wie beim Anblick dieses hageren Kerls, der seine durchsichtige marmorierte Haut überdehnt und sich weit über den Kopf zieht. Sich gschamig drin versteckt, in seiner Nacktheit. Insgeheim ein Introvertierter. Wobei: Da dröhnt einem das Unbehagen bereits in den Ohren, bringt sie zum Klingeln. Und was hat der rätselhafte Titel in diesem Zusammenhang zu bedeuten? ("Ich bin bereit, wenn Sie es sind.") Wofür bereit? Sich aus der Deckung zu wagen? Aus sich herauszukommen?

Männer werden von Plüsch eingeschüchtert

Nix für schwache Nerven. Oder für den schnellen Durchlauf. Extreme Arbeiten für Genießer, für Langsamschauer, die sich diese starke und zugleich sensible Malerei, die sich immer wieder was aus der "realen" Welt einfängt (Strümpfe . . .), lustvoll auf der Netzhaut zergehen lassen. "Unendlich viele Schichten" (Steiner), die sich nichtsdestotrotz so lasierend leicht auf die Leinwand legen, dass die Struktur von Letzterer nach wie vor durchkommt.

Verborgene Wünsche, Leidenschaften, Ängste werden sichtbar, der Schein hinter dem Sein. Geschlechtergrenzen verschwimmen, Rollenklischees und äußere Zwänge werden mit hinterfotzigem Humor hinterfragt. Mit diesem eingeschüchterten Mann, der von flauschigen Fellbällchen bedrängt wird und panisch dreinschaut wie ein Katzenhaarallergiker, leidet man direkt mit. Einer, der sich im aktuellen Männerbild nimmer zurechtfindet? (Man beachte den etwas über die Ufer getretenen Lippenstift. Oder hat am Ende ER mit obiger Dame mit dem "Kondomblick" geschmust?)

Kalt lässt Elena Steiners "gesichtsträchtige" Kunst, die gekonnt Befremden und ambivalente Gefühle zwischen Faszination und Ekel auslöst, wohl niemanden. Hinter der FFP2-Maske entfleucht einem ab und zu ein spontanes "Iiiiih", oder ein Schmunzeln huscht über die Lippen. Meistens aber bellt man die geilen Bilder einfach bewundernd an: Wau!