Katharina Grosses stimmungsaufhellendes Farbendickicht in der Galerie nächst St. Stephan. 
- © Markus Woergoetter, Copyright: Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn, 2021, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien

Katharina Grosses stimmungsaufhellendes Farbendickicht in der Galerie nächst St. Stephan.

- © Markus Woergoetter, Copyright: Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn, 2021, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien

Seit dem 10. April befindet sich die Ausstellung im Stand-by-Modus, im Dornröschenschlaf, und wartet – auf den Prinzen, der sie wachküsst? Na ja, zumindest darauf, sich dem Publikum zeigen zu dürfen. Schließlich ist sie wirklich sehenswert. Acht farbstarke Variationen zu einem Thema, die sich in der Galerie nächst St. Stephan zu so etwas wie einem Familientreffen eingefunden haben. Und diese Woche ist es nun endlich so weit. Da sind die potenziellen Besucher nimmer ganztags ausgangsbeschränkt.

Katharina Grosse – das ist doch die, die alles vollsprayt, was nicht rechtzeitig zur Seite springt, oder? Egal, ob drinnen oder draußen. (Böden, Wände, ein "Strandhaus" des US-Militärs . . .) Tatsächlich erregt die 1961 in Freiburg im Breisgau geborene Deutsche immer wieder Aufsehen mit ihren imposanten In-situ-Projekten, ihren begehbaren Monumentalgemälden mit Ablaufdatum. Was nämlich 1998, vor über 20 Jahren, mit einer vergleichsweise bescheidenen grünen Ecke in einem Project Space in der Schweiz begonnen hat (ein bissl wie Kasimir Malewitschs "Schwarzes Quadrat", nur in Grün und direkt auf der Wand und dem Plafond), hat längst das stille Kämmerlein verlassen.

Mit der Spritzpistole das Gras "an-pink-eln"

2016 hat die Künstlerin in ihrem weißen Schutzanzug und mit ihrer industriellen Spritzpistole eine Abbruchhütte der Army am Rockaway Beach von New York "überarbeitet". In Weiß, Magenta (dieser Farbe außerhalb des Regenbogens) und Knallrot. Komplett. Außen und innen. Hat die Ruine markiert und quasi "zivilisiert". 2017 hat sie sogar das Gras in einem dänischen Park gestisch "ange-pink-elt" (rosa gemacht). Mit ihrem Purple Rain. Eine originelle, sehr unmittelbare Form der Landschaftsmalerei. Und zuletzt ist ihr expandierendes buntes Aerosol-Universum im Hamburger Bahnhof in Berlin angekommen (mittlerweile das Museum für Gegenwart), hat sich in der Halle riesige gestrandete Styropor-Trümmer einverleibt, bildhauerisch bearbeitete Brocken, bevor die theatralisch inszenierte, actionreiche Buntheit über die Schwelle getreten und verschwenderisch ins Freie ausgeufert ist, um die nähere Umgebung zu erkunden und sich den Spaziergängern vor die Füße zu werfen. Eine spektakuläre Oase des Pittoresken.

Unscheinbares "Treibholz" aus Neuseeland, perfekt in die bunte Malerei von Katharina Grosse hineingetarnt. 
- © Jens Ziehe, Copyright: Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn, 2021, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien

Unscheinbares "Treibholz" aus Neuseeland, perfekt in die bunte Malerei von Katharina Grosse hineingetarnt.

- © Jens Ziehe, Copyright: Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn, 2021, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien

Und in Wien? Müssen die Wände später wenigstens nicht frisch geweißelt werden. Sind die Arbeiten immerhin sauber abnehm- und wiederverwendbar. Und vor allem: transportabel. Kommen von weit her. Aus Neuseeland (dort sind sie 2020 entstanden). Mit einem Zwischenstopp in Berlin. Klassische Tafelbilder (flach) sind das trotzdem keine. Die Technik: Acryl auf Leinwand und Holz. Oder Acryl und Holz auf Leinwand? Beides. Und "Acryl auf Leinwand auf Leinwand" ist genauso richtig, zumal Grosse der aufgespannten Leinwand eine zweite Haut transplantiert hat. Textile Fleckerln.

Bruder Parkettboden

"Treibholz" hat sich in der g‘schmackigen Malerei verfangen, chamäleonartig hineingetarnt (in die verführerischen Töne, in den Dschungel aus leuchtendem Orange, Grün, Blau, Rot, Gelb). Bzw. sind die fein verzweigten Äste (und die Latten) schlichtweg integraler Bestandteil des Malgrunds, sind mit dem gesprühten Dickicht verwachsen, in dem alles rinnt und tropft. Im letzten Raum rutscht der Baum (oder ein Detail davon) dann regelrecht aus dem Bild und küsst seinen Bruder Parkettboden, kontaktiert der Bewohner aus der Wildnis das domestizierte, glattgehobelte und zu einem geometrischen Muster verlegte Holz.

Und weil's so schön ist: noch eins (aus der neuen Werkserie von Katharina Grosse). 
- © Jens Ziehe, Copyright: Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn, 2021, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien

Und weil's so schön ist: noch eins (aus der neuen Werkserie von Katharina Grosse).

- © Jens Ziehe, Copyright: Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn, 2021, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien

Mischtechniken? Obendrein kreuzt Katharina Grosse hier ja ihre Malerei aus dem Studio mit jener, die untrennbar mit dem Raum verschmilzt. Und sie holt die NATUR von draußen rein. Rein in ihre HÄUSLICHEN Bilder. Sind das jetzt also Landschaften? Oder doch abstrakte Gefilde, in denen sich die Natur der Farbe über die ROHE Natur hermacht? Der recht poetische Titel der antidepressiv wirkenden, stimmungsaufhellenden Schau liefert jedenfalls den Himmel dazu. Oder den philosophischen Überbau. Denn "Wolke in Form eines Schwertes", das bezieht sich auf einen Text von Antonio Negri fürs Theater. Irgendwas mit Schwarmintelligenz. (Ob die Farbe auch über eine solche verfügt?)