Mit einem der Lieblingssprüche von Joseph Heinrich Beuys haben wir heute Probleme: "Demokratie ist lustig!" Es ging dem am 12. Mai 1921 geborenen Künstler um die direkte, vom Volk ausgehende Demokratie. Zu seinen Dauerdiskussionen auf der documenta 5 im Jahr 1972, die er als Kunstaktion verstand, da für ihn ja Denken bereits im Kopf plastische Ideen erzeugte, ließ er den Spruch auf Tragtaschen drucken. Mit Postkarten, Stempeln, einer Holzschachtel namens "Intuitionsbox" (es gab davon 12.000 signierte Exemplare) und anderen Multiples forderte er den bereits etablierten Kunstmarkt bewusst durch Preisunterbietung heraus, damit sich nicht nur finanzstarke Sammler, sondern auch Studierende seine Werke leisten konnten. So sozial er auf der einen Seite agierte, so elitär war er auf der anderen darauf bedacht, dass seine Installationen in die großen Kunstmuseen der Welt kamen und 1979 eine Retrospektive im New Yorker Guggenheim Museum stattfand.

Zu seinem 100. Geburtstag haben sich zwölf deutsche Städte von Aachen bis Wuppertal, in denen er ehedem mit Aktionen auftrat, gelehrt oder ausgestellt hat, die Mühe gemacht, Jubiläumsausstellungen zu organisieren; in Wien ist nur das Belvedere 21 dabei, wo Kurator Harald Krejci Beuys’ Bezüge zu Monsignore Otto Mauer oder Bruno Kreisky aufleben lässt. Werner Hofmann, Gründungsdirektor des modernen Museums in Wien, hat Beuys immer als sehr deutschen Künstler eingestuft, allerdings mit dem ihm eigenen Bruch eines großen Kunsthistorikers, für den selbst Caspar David Friedrich als schwedischer Staatsbürger ohne nationale Zuschreibung blieb.

Die Staatsgalerie in Stuttgart widmet Joseph Beuys eine umfangreiche Ausstellung. - © APA /dpa / Christoph Schmidt
Die Staatsgalerie in Stuttgart widmet Joseph Beuys eine umfangreiche Ausstellung. - © APA /dpa / Christoph Schmidt

Brüche machen auch Beuys aus als Schwellenkünstler zwischen klassischer Moderne und Nach- oder Postmoderne. Das Schicksal seiner Generation, als junger Mensch, trotz katholischer Eltern, durch den Nationalsozialismus beeinflusst zu werden, gleichzeitig aber auch darunter gelitten zu haben, teilte Beuys mit Günter Grass und anderen. Aber seine eigenwillige Entwicklung als anfangs wenig erfolgreicher Schüler Ewald Matarés nach 1945 bleibt rätselhaft. Er stieg als europäisches Pendant zu Andy Warhol zum großen Star der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf, der alle Biennalen und richtungsweisenden documenta-Ausstellungen beherrschte.

Problematische Positionen

Die beste Erklärung durch Sandro Bocola (1994) ist kein kunsthistorisches Fährtenlesen, sondern die psychologische Deutung, Beuys hätte als Wiedergutmachung seines Reinfalls auf den falschen politischen Führer, die gute Führerfigur in der Kunst abgegeben wollen. Dafür spricht seine Anhängerschaft an sozialen Reformideen und der Glaube, die Menschheit retten zu können; diese modernen Utopien kamen aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts und eine davon, die anthroposophische Reformidee Rudolf Steiners, überzeugte Beuys.

Das Wiener Belvedere eröffnet demnächst eine große Joseph-Beuys-Schau. - © APA / THOMAS RIEDER
Das Wiener Belvedere eröffnet demnächst eine große Joseph-Beuys-Schau. - © APA / THOMAS RIEDER

Wenn eine heute junge Kunstkritik versucht, Beuys in die Nazi-Schmuddelecke zu drängen, aus dem Missverständnis einer glücklichen späten Geburt und auch fehlgeleiteter politischer Korrektheit, ist Steiner, auch wenn man seine Esoterik-Lehre ablehnt, der Zeitzeuge für solche Irrtümer. Seine Lehren waren unter Hitler verboten, Beuys hat sie aber während seiner Stationierung als Kampfflieger auf der Krim offen vertreten - für alle beteiligten Soldaten zum Vorteil, denn er konnte aus wildwachsenden Früchten und Kräutern Nahrung "zaubern". Zudem hatte er schon bei der Bücherverbrennung Werke Thomas Manns, Carl von Linnés und einen Kunstkatalog mit Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck aus dem Feuer gezogen.

Die postkoloniale und postfeministische Kunsttheorie bezichtigt Beuys heute, er habe mit seinen Amazonen- und Schamanenmotiven aus dem Osten traditionelle Motive des Anderen konstruiert, also neue Mythen im alten Gewande in aktuelle Ästhetik transferiert. Doch trotz starken Macho-Zügen und Schuldverstrickung in der Wehrmacht hat sich Beuys nie rassischer, antifeministischer oder anderer Stereotypen bedient.

Mag die Rettungsgeschichte nach dem Absturz vielleicht auf ein Tataren-Märchen ausgeweitet worden sein: Mogelpackungen sind seine Fett- und Filzobjekte nicht. Die Erweiterung der Kunst wirkte tatsächlich auf die Gesellschaft. Zudem ist Beuys in unsere Zeit katapultiert mit seinem größten Projekt "7000 Eichen für Kassel" (1982-1987), denn es nimmt die Ökologiebewegung in der Kunst vorweg. Mit der Stilisierung seiner Person als keltischer Nomade, der aus der Steppe des Ostens kam, über die Beringstraße nach Amerika wanderte, um mit dem Kojoten-Gott der amerikanischen Ureinwohner zu sprechen und schließlich den heiligen Baum der Germanen neu zu pflanzen, wurde er kulturelles Gedächtnis.

Das Bild von Beuys als Wächter auf der Schwelle zwischen den Welten ist in der Gegenwartskunst noch relevant. Begleitet wird es von Filmen und Fotos seiner Aktionen und Vorträge. Einen von diesen hat die Autorin 1979 an der damaligen Hochschule für angewandte Kunst unter Rektor Oswald Oberhuber miterlebt. Im Jahrzehnt der feministischen Aktionistinnen umgab Beuys der Mief des altmodischen, männlichen Kultkünstlers, der abzulehnen war. Seine Sympathien für Karl Marx, Rudolf Steiner und Otto Muehls Kommune zeigen eine Rückwärtsgewandtheit seiner Gesellschaftsmodelle. All das stand seinem ahnungsvollen Blick in die Zukunft im Wege.

Meister der Ambiguität

Erst durch intensive Auseinandersetzung mit seinem Werk nach seinem Tod am 23. Jänner 1986 kam neben Klärung seiner Hoffnung, jeden Menschen zum Künstler zu machen, auch über Sprüche wie: "Man soll nie zu weit in die Geschichte hineinschauen, nie mehr als 500 Jahre in die Zukunft" (1980) oder "Ich bin ein Höhlenzeichner..." reiche Erkenntnis.

Regression ist für Beuys immer auch Progression gewesen, er bleibt Meister der Ambiguität, die in der nachmodernen Kunst wesentliche Methode geblieben ist. Für ihn spricht seine Tierpartei und damit die Blicke auf Biene, Kojote, Hase und Hirsch zu lenken. Dazu passt, dass er Mitbegründer der deutschen "Grünen" war, die ihn natürlich mangels Teamfähigkeit bald ausschlossen. Sein enorm politischer, ironischer Vorschlag von 1964, die Berliner Mauer um fünf Zentimeter wegen besserer Proportion zu erhöhen und auch Hasenrampen über sie zu bauen, war so hellsichtig wie sein Multiple "Cosmas und Damian" von 1974 mit den Türmen des New Yorker World Trade Center. Thomas Zaunschirm hat nach dem 9/11-Terroranschlag darauf hingewiesen, dass Beuys die beiden Stahltürme zur gedruckten Edition machte: Wegen ihrer kapitalistischen Kälte überzog er sie mit Fett, um sie zu wärmen, und beschriftete sie mit den Namen der Märtyrer. Solche schockartigen, aber auch ironische Überraschungen hält Beuys jedenfalls weiter für uns bereit.