He, sein Nachname reimt sich ja auf seinen Vornamen! Okay, nicht hinten, aber vorn. Ein sogenannter Stabreim. Wie beim Heinrich Heine, Hermann Hesse, beim Günter Grass oder beim Donald Duck. Der Walter Weer ist trotzdem kein Dichter (oder eine Ente mit einer Sprechblase). Was nicht heißt, dass die Sprache bei ihm keine Rolle spielen würde. Im Gegenteil. Ob an prominenterer Stelle oder versteckt als Randnotiz: In seinen Wandobjekten hat sie praktisch immer irgendwo ihren Auftritt, auf diesen regelrechten Schaubühnen für Voyeure, wo das Material der eigentliche Hauptdarsteller ist, mit feinsinniger Grobheit inszeniert wird, sich mitteilt (auch verbal).

"Das Material ist das, was zählt", sagt er, der Weer (das hat sich jetzt sogar HINTEN gereimt: er – Weer), der aus Karton, mitunter Holz, doch vor allem aus Papier, aus Schnüren, Leim, Spachtelmasse und Farbe (Weiß, Schwarz und Rot – "Andere Farben liegen mir nicht") seinen handfesten Konstruktivismus zusammenzimmert (oder de-konstruiert?), seine gebaute Malerei zwischen geometrischer Abstraktion und kreativem Chaos (oder kreativer ORDNUNG). Oder sind das Skulpturen mit malerischem Tarnanstrich? Oder schlichtweg Symbiosen?

Sanduhr ohne Ausgang

Wurscht (nein: Karton, Papier, Schnüre und so weiter): "Das Material ist der Inhalt." Basta. Und davon hat der Künstler mit dem alliterierenden Namen jede Menge daheim. Im Keller. "Ich hab a Schnursammlung, a Kartonsammlung . . ." Zeitungen sammelt er sowieso. In- und ausländische. Weltliteratur gewissermaßen. Bringt von auswärts gern welche mit nach Hause. Entsprechend groß war die Enttäuschung in Armenien. "Ich konnte keine armenische Zeitung bekommen. Nur eine russische." (Nicht, dass er dorthin lediglich wegen der ZEITUNGS-Landschaft gereist wäre.)

  
Gut verschnürt: Die Kunst von Walter Weer fällt bestimmt nicht auseinander. 
  
- © Annemarie Weninger

 

Gut verschnürt: Die Kunst von Walter Weer fällt bestimmt nicht auseinander.

 

- © Annemarie Weninger

Seine Kunst ist jedenfalls polyglott. Spricht Deutsch, Englisch, Italienisch, Russisch . . . – und der Titel seiner Geburtstagsausstellung zum 80er in der Galerie Hrobsky ist gar auf Lateinisch: "In Tempus Praesens." (Hm. Müsste das nicht lauten "In Tempore Praesente"? In der gegenwärtigen Zeit?) Nach dem Violinkonzert der tatarisch-russischen Komponistin Sofia Gubaidulina, das diese 2007 der Geigen-Virtuosin Anne-Sophie Mutter gewidmet hat. In Papierstreifen gestanzt und aufgerollt, drängt sich die "gegenwärtige Zeit" beim Walter Weer nun, der erst nach einem naturwissenschaftlichen Studium auf Kunst umgesattelt hat, in einem auf die Spitze gestellten dreieckigen Rahmen wie die Körner in einer Sanduhr ohne Ausgang. Oder wie die Noten, die in der Stille darauf warten, gespielt zu werden. Als würde die Zeit innehalten, stocken, Verstopfung haben. Ach, hat er, der äußerst musikalisch ist und sich alles Mögliche reinzieht, von Bach bis Tom Waits, womöglich während der Entstehung von besagtem Werk just Anne-Sophie Mutters Interpretation von jenem Violinkonzert gelauscht, von dem er sich den Titel "ausgeborgt" hat? "Das ist schon anspruchsvoll. Das kann i ned daneben anhören."

Gefangen im Jetzt: "In Tempus Praesens" von Walter Weer. 
  
- © Annemarie Weninger

Gefangen im Jetzt: "In Tempus Praesens" von Walter Weer.

 

- © Annemarie Weninger

Das größte Problem steht im Kleingedruckten

Die totale Gegenwart. Aktuell sind Weers gezeigte Arbeiten ja zweifellos. Abgesehen davon, dass sie noch ganz frisch sind, aus den letzten beiden Jahren stammen. 80 bedeutet schließlich nicht inaktiv. (Weer: "Ich kann Leut‘ nicht verstehen, die sich vor den Fernseher haun." Aber er HAT einen Fernseher, oder? "Ja, natürlich.") Außerdem hat mir ein sehr weises T-Shirt einmal mitgeteilt: "80 ist wie 18 – nur mit 62 Jahren Erfahrung."

  
Walter Weers Säule hat es nicht schwer. Sie muss nur die Farbe Schwarz tragen. 
  
- © Annemarie Weninger

 

Walter Weers Säule hat es nicht schwer. Sie muss nur die Farbe Schwarz tragen.

 

- © Annemarie Weninger

Gut, manche Neuigkeiten, die man auf dem aufgeklebten Zeitungspapier lesen kann (oft bloßes Hintergrundrauschen unter einer Malschicht), sind mittlerweile veraltet, sind längst Geschichte ("Donald J. Trump had been elected . . ."), anderes wiederum könnte zeitgemäßer nicht sein (Stichwort Klimawandel), wenn etwa das größte Problem des Planeten als Kleingedrucktes in eine Ecke gepickt wird, als unscheinbare Bemerkung, ein Übrigens am Rande: "Earth’s Enemy Is Human." (Übrigens: Der Mensch ist der Feind der Erde.)

Walter Weer stellt die fünf W-Fragen: Why, Who, When, Where und Weer? 
- © Annemarie Weninger

Walter Weer stellt die fünf W-Fragen: Why, Who, When, Where und Weer?

- © Annemarie Weninger

Vieles von dem, was der gebürtige Wiener, der jetzt gleich alt ist wie Fay Dunaway, Vivienne Westwood, Martin Lüpertz oder Joan Baez, irgendwo aufgeschnappt und HANDSCHRIFTLICH auf seine hybriden Gebilde gekritzelt hat und das der Betrachter/Leser selber nicht immer auf Anhieb mitkriegt, stimmt. Nämlich nachdenklich. "Europe is lost", zum Beispiel. Ziemlich apokalyptisch. Oder die zwei Wörter hinter Gittern (bzw. in Schutzhaft genommen, gefangen in einem Netz aus versteiften Schnüren), zwei Gesetzestäfelchen mit dem obersten Gebot: "Lifes Matter", weil JEDES Leben von Bedeutung ist. Egal welcher Hautfarbe. Geradezu poetisch: "Ohne mich – in sich verschollen." Und die W-Wörter, falsch: W-Words, die der Künstler in seine fragile Ordnung hineingeschlichtet hat, werden plötzlich zu existenziellen Fragen: "Why? Weer? (Tschuldigung: Where?) Who? When?"

Das Rechteck hat jetzt eine Taille

Überall gibt es was zu entdecken. Ein Wort, eine witzige Pointe, die vom Humor ihres Schöpfers zeugt. (Oh, da steht "skurril". Mittendrin. Diese Selbstbeschreibung trifft’s genau. Das Ding, das "eher ein Zufallsprodukt" ist, IST skurril. Weer: "Der Zufall ist ein wichtiger Verbündeter der Kunst.") Und ständig wird einem die Sicht verbrettert, MUSS man förmlich durch die Ritzen spechteln, in die Intimsphäre der Kunst, auf die – weiße Wand. Der Weer macht es eben spannend. ("Das Schrecklichste ist, wenn alles so offenkundig ist. Es braucht das Geheimnis.") Ein Master of Suspense.

Ein Bondage-Meister ist er obendrein. Sozusagen. Ein leidenschaftlicher Fesselungskünstler. Legendär seine Phantompackln. Leimgetränkte Paketschnüre können sich deutlich an eine Schachtel erinnern, die (fast) nimmer da ist. Umgekehrt vergisst ein Rechteck, dem er eine weibliche Figur gemacht, eine Taille geschnürt hat, die abgenommenen Fesseln nicht. Geht nicht wieder in die Breite, wird nicht eckig. Wird vielmehr zu einer Bühne für ein ambivalentes Schauspiel, ein prekäres Gleichgewicht zwischen Beschaulichkeit und Dynamik, Statik und Zusammenbruch ("Halbleere Bühne"). Zu einer gerahmten Lebenseinstellung. (Weer: "Es gibt ka Endprodukt. Wir leben alle in einem Zwischenzustand.")

"Des is ma eigentlich passiert"

Und was hat es mit dem rätselhaften "Zylinder des Sanherib" auf sich, einem der FREI in der Galerie herumstehenden und –liegenden Objekte? Das ist definitiv nix für den Kopf, schon allein weil dieser Sanherib kein Magier war, der Kaninchen aus einem Hut gezaubert hat, sondern ein assyrischer König. Und der Zylinder ist in Wahrheit ein Prisma mit sechseckiger Grundfläche und bezieht sich auf Tonprismen mit historischen Aufzeichnungen in Keilschrift. Auf dem "KARTON-Prisma des Weer", den auch ALTE Schriften faszinieren, rühmt sich allerdings kein Herrscher seiner Taten, dafür tauchen aus dem pittoresk erodierenden Weiß Begriffe wie "Geldwäsche" und "Euro" auf. (Und regiert nicht eh das Geld die Welt?)

Tiefsinn unter der abgenutzten, leicht schäbigen Oberfläche. "Arme" Materialien, die sich mit roher Poesie der Realität stellen, ob als sympathisch irdisches, erschlafftes Klümpchen an der Wand ("Des is ma eigentlich passiert."), als kosmisches Modell einer Sternenbahn oder als standhafte Säule, die im Grunde nichts zu tun hat, bloß reine Luft trägt, gleichsam die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (IHRES Seins) aushalten muss. Walter Weers hintergründiger "Materialismus" hat auf seine unaufdringliche Art also Einiges zu bieten. Und das archaische Boot ("Letzte Fahrt") im Schaufenster? Das nimmt anscheinend wie dieser Satz Kurs auf das Ende.