Hier geht’s zu wie – in harmlosen Stillleben. Obst halt. Völlig unverfänglich. Und den Computer sieht man den Zeichnungen von Melonen, Kürbissen, Zitronen und Kiwis (und den braven Insektenstudien im nächsten Raum) erst recht nicht an. Dass dieser der Assistent des Künstlers ist. Denn herausgekommen sind lauter Blätter, die man traditionell einrahmen und sich an die Wand hängen kann. Der betont nüchterne Titel der Ausstellung bei Suppan Fine Arts gibt einem dann freilich zu denken: "Repräsentative Freiheit." Hm. So wie die repräsentative Demokratie? Einer (oder einige wenige) für alle? Eine INDIREKTE Freiheit?

Markus Huemer beschneidet seine künstlerische Freiheit jedenfalls offenbar freiwillig, indem er nicht sämtliche Entscheidungen selbst trifft, sondern sie diversen Algorithmen und Programmen überlässt. Und er war so frei, das kreuchende und fleuchende Getier nicht SELBER in der Wildnis vom Raupenstadium bis zum Flüggewerden zu begleiten (hätte er eh nicht tun können, zumal ein paar von den Viecherln längst ausgestorben sind). Vielmehr hat er sich in Nachbars Garten bedient, Tschuldigung: in der Nachbar-in Garten. Hat auf Kupferstiche zurückgegriffen, die über 300 Jahre alt sind (aha, ein Schreibtischtäter), nämlich das Opus magnum einer Pionierin der Insektenkunde konsultiert: "Metamorphosis insectorum Surinamensium oder Verwandlung der surinamischen Insekten" von Maria Sibylla Merian, die um 1700 durch den Dschungel der damals niederländischen Kolonie Surinam in Südamerika gestreift ist und dabei unbekannte Fauna und Flora entdeckt und dokumentiert hat. (Carl von Linné hat übrigens später eine Motte nach ihr benannt.)

Pflanze oder Malware? "Roter Virus ,Brain'" vonMarkus Huemer. 
- © Simon Vogel

Pflanze oder Malware? "Roter Virus ,Brain'" vonMarkus Huemer.

- © Simon Vogel

Nicht nur analog wird ausgestorben

Die prächtig kolorierten Drucke hat der in Berlin lebende gebürtige Linzer nun seinerseits digital "erforscht" (bearbeitet) und schließlich mit Grafitstift, Kohle und einem diskreten Hauch von Farbe ins Analoge rückübersetzt. Und jedem seiner "Rebellen gegen das Aussterben" ("Extinction Rebel" in Anlehnung an die aktionistische Klimaschutzbewegung "Extinction Rebellion") hat er den Namen einer veralteten Grafikkarte verpasst. Ausgestorben wird ja nicht bloß in der Natur. Und wie so oft überlebt die Kunst ihr Motiv.

Die Futterpflanzen der exotischen Schmetterlinge wiederum werden bis zur dekorativen Abstraktion manipuliert, werden zu unheimlichen Wesen aus einer fremden Umwelt. Und geben sich als Computerviren und –würmer aus. Als "Blauer Virus ,Tuareg‘", als "Hundertblättriger Virus ,Mydoom‘", und das Virus "Swen" ist "dem Wahnsinn nahe". In den unendlichen Weiten des Internets herrscht eben ein Gewurl wie im tropischen Regenwald. Ein ständiges Kommen und Gehen. Nur dass die neuen Spezies üblicherweise nicht von Biologen gefunden werden, sondern meistens von einer Antivirus-Software.

Dass man die – oft irritierenden, kryptischen oder urlangen – Bildtitel liest, ist von entscheidender Bedeutung. Ohne sie wäre man zwar weniger verwirrt und müsste nix googeln (Wer, bitte, ist "Rage 128 Pro"? Der Nickname eines zornigen Users? Weil das englische "rage" auf Deutsch "Wut" bedeutet? I wo, ein Grafikchip!), aber man hätte auch weniger Spaß und die schlichten, dezent gefärbten Zeichnungen wären einfach . . . schlichte, dezent gefärbte Zeichnungen.

Im Action-Painting gehen die Kleckse zu Fuß

Beim Markus Huemer gewinnt der Dickere: "Auf derZeichnung ist kein Platz für die Kiwi." 
- © Simon Vogel

Beim Markus Huemer gewinnt der Dickere: "Auf derZeichnung ist kein Platz für die Kiwi."

- © Simon Vogel

Gut, die tanzenden Piperln, die nicht stillhalten können und beinah schon aus dem Bild draußen sind, bevor der Bleistift sie einfangen kann, sind sogar OHNE Worte witzig. Selbst wenn man NICHT weiß, dass diese teils rechnergenerierten, eigenwilligen Action-Paintings, in denen die Kleckse quasi zu Fuß gehen (Flecken gewordene Bildpunkte mit Haxerln – trotzdem kein wandelnder Vogeldreck), "Augurs in Action" heißen. Auguren: so etwas wie esoterische Ornithologen, priesterliche Vogelbeobachter. Die haben in der Antike aus dem Flug der gefiederten Eierleger den Willen der Götter herauszulesen versucht, deren Zustimmung oder Ablehnung. Ja oder nein: ein binärer Code. Und die unruhigen Hendln? Kennen den Willen des Großen Rechners?

Die skizzenhaften Früchtestillleben wären OHNE Titel allerdings eindeutig ärmer dran. MIT Titel hingegen handelt es sich auf einmal um gruppendynamische Beziehungsgeschichten, erzählen sie von Außenseitern und Gfrastern, von Mobbing, Animositäten, Eifersüchteleien und anderen Menschlichkeiten. Da sind die Kiwis "sauer, weil die Kürbisse größer gezeichnet sind" als sie, "Die Zitronen mögen die Kiwi nicht in der Zeichnung" und "Die Melone will allein in der Zeichnung sein".

Sichtlich mit Humor spinnt Markus Huemer sein Netz aus komplexen Bezügen. Und schließt Kompromisse. Zwischen dem Digitalen und Analogen, der Wirklichkeit und ihrem – medial gefilterten – Bild. Räumt mit dem Vorurteil auf, ein analoges Bild könne nicht lügen. Es analügt, analog, hat alle angelogen.