Die scheinbar toten Frauen in "Crime Map", einem monumentalen Gemälde von Xenia Hausner aus dem Jahr 2010, erinnern uns sofort an die Frauenmorde der Gegenwart. Doch ist alles anders, auch wenn das große Gefühl des Mitleids sofort gedämpft auftritt: Diese Szene ist von Schauspielerinnen nachgestellt, wie die Künstlerin auch sogar Eisenbahnwaggons oder Bojen im Atelier rekonstruiert und sie mit einer Art Bühnentruppe besetzt.

Die Retrospektive "True Lies" füllt die ganze Basteihalle der Albertina mit aktuellen Themen der Menschheit, die, in den Atelieralltag geholt, als Fiktion erscheinen, aber auch unseren gewohnten Blick auf Fotografie, Werbung und Film mit einbeziehen. Hausner zitiert in ihren Bildtiteln Elfriede Jelineks "Sportstück", aber auch David Lynchs "Twin Peaks". Jelinek hat sie gemalt, und die Nobelpreisträgerin schreibt wohlwollend über ihr Porträt im Katalog.

Xenia Hausner thematisiert Gewalt gegen Frauen - aber nicht immer steht in ihren Bildern fest, wer die Gewalt ausübt: "Crime Map" (2010) - © Bildrecht Wien 2021
Xenia Hausner thematisiert Gewalt gegen Frauen - aber nicht immer steht in ihren Bildern fest, wer die Gewalt ausübt: "Crime Map" (2010) - © Bildrecht Wien 2021

Zeichen der Demokratisierung

Männer spielen seit etwa 20 Jahren nur noch eine Nebenrolle in diesen Bilderfamilien, so der schemenhaft auftauchende Kim Jong-un mit Fernglas in "Look Left - Look Right" 2011, der vom Gegenüber einer Frauengruppe zur Marionette marginalisiert wird.

In den 1990er Jahren, als die Künstlerin vom Bühnenbild in die freie Malerei wechselte, war es noch anders. Ihr damaliger Mann und der verstorbene Vater, der Maler Rudolf Hausner, sind da indirekt präsent, denn auch in "Liebestod" 1996 vertritt Peter Simonischek den Toten am Bett mit Schäferhund und trauerndem Alter Ego der Malerin. Es sind, neben den inhaltlichen Fragen der Gegenwart (wie der Fluchtbewegung in "Exiles", 2015 bis 2018) - die Frauen, die als Zeichen unserer Demokratisierung in der Realität die Hauptrollen übernommen haben. Sie scheinen wehrhaft, mit Baseballschläger und Hammer bewaffnet, aber sie halten auch das Messer im Rücken für andere Frauen bereit, etwa in "Pensée Sauvage" (2011).

Kuratorin Elsy Lahner weist auf die Stärke der Protagonistinnen in diesem weiblichen Kosmos hin, auch auf die surrealen Momente aus Filmen oder den Verlust an Eindeutigkeit, der sich seit der Kunst der 1980er Jahre und den freien Zitaten nach Jeff Koons, aber auch nach Caravaggio, bemerkbar machen. Doch steht Hausner weniger der amerikanischen Appropriation Art nahe, als einem Zitieren des Historienbildes selbst, wenn auch mittels Alltagsszenen, die gleichzeitig ihre ganz persönlichen Tableaux Vivants darstellen.

Persönlicher Kosmos

Es sind feministische Nachfahren der "Pathosformel", in denen Maria Magdalena zur leidenden Nachbarin im "Blind Date" geworden ist. Klaus Schröders These von Hausners Wiederbelebung des Historienbildes hat tatsächlich etwas für sich, denn gerade durch ihre Ablehnung des Anekdotischen, die Durchlöcherung des Realismus und die teils unangenehme wie rätselhafte Behauptung der Protagonistinnen in den Gemälden trägt sie - sehr europäisch trotz aller Reiseeindrücke auch aus Fernost - den Ballast kunsthistorischen Wissens mit sich.

Malerinnen wie Judith Leyster oder Lavina Fontana durften so lange keine Historienbilder malen, bis sich das angeblich höchste Genre mit Gustave Courbet selbst abschaffte. Doch nun taucht das Sublime trümmerhaft in der Nachmoderne wieder auf und damit die Frage, ob wir nach der "individuellen Mythologie" und dem "kulturellen Feminismus", der die Frau um 1970 zur Bewahrerin des Planeten hochstilisierte, Stereotype und Hierarchien wie Restmüll aus einem Berg von Post-Pop-Kitsch hervorholen, weil wir ihrem fatalen Charme noch immer erliegen. Hausner zwingt uns, die Höllen der Laura Palmer mit wildem Herzen noch einmal zu durchwandern im sehr persönlichen Kosmos einer Malerin: Ein ambivalentes, nicht nur angenehmes Unterfangen, denn wir ticken ja alle recht einseitig stur dahin.