"Leisure" (das englische Wort für Freizeit und Muße) – klingt doch gemütlich. Okay, da gibt’s noch ein Und im Titel: "& Tourism." Na ja, solange man es nicht mit diesem berüchtigten Overtourism zu tun bekommt. Was bei der derzeitigen "Pro Besucher mindestens 20 Quadratmeter"-Regel aber eh ausgeschlossen ist. Damit man es sich in seiner Schau freilich nicht ZU bequem macht (oder einfach aus purem Sadismus) hat Richie Culver das einzige Sofa weit und breit kurzerhand SENKRECHT aufgestellt.

Schwarz und mysteriös wie Stanley Kubricks Monolith aus dem Sci-Fi-Klassiker "2001: Odyssee im Weltraum" steht das Leder-Trumm nun als surrealer Fremdkörper (oder als Ätsch?) in der Galerie Kandlhofer herum. Nicht, dass es außerirdischer Herkunft wäre. Bloß ausländischer. Es stammt nämlich aus dem Atelier des Künstlers im portugiesischen Porto (in London hat er ebenfalls noch eins, ein Studio) und hat Einiges von Culvers Kreativität abgekriegt. Abstrakten Expressionismus (oder Vandalismus?) aus der Spraydose. Weiß. Und auf der Couch ist er wirklich draufgesessen? Eigengesäßig? "Yeah, yeah. Many times." Trotzdem keine narzisstische Ausstellung, eher eine autobiografische. Persönliche Notizen, Weisheiten, Poesie auf Leinwand oder Karton. Weil seine Bilder mehr Schriftstücke (und Collagen) als Gemälde sind.

Das Auto ist zu langsam für ein besseres Leben

Als Maler sieht er sich sowieso nicht. ("I’m not a painter.") Und ein Abstrakter ist er schon gar nicht. Außerdem hätte er sonst sein Selbstporträt wahrscheinlich, ja, eben GEMALT. Und es hätte ein Gesicht. SEIN Gesicht. Und einen Bart. SEINEN Bart. Stattdessen nennt er den Platzhalter für sein Zoom-Profilbild frech "Self Portrait". Obwohl: Eigentlich ist das ziemlich realistisch. Schließlich "sieht" und "trifft" man seine Freunde und Kollegen coronabedingt nach wie vor vorwiegend vom Sofa aus (auf Skype oder in Videokonferenzen).

Ein bissl Lesestoff von Richie Culver. 
- © Manuel Carreon Lopez, kunst-dokumentation.com

Ein bissl Lesestoff von Richie Culver.

- © Manuel Carreon Lopez, kunst-dokumentation.com

Ein komplettes Lebensgefühl konzentriert sich in einem pointierten Spruch, wenn man sich etwa in jemanden hineinversetzen soll, der Tracy Chapmans trauriger Ballade "Fast Car" lauscht, während er in seinem LAHMEN Auto durch das Kaff fährt, das er nie verlassen hat. Und "Fast Car" (aus dem Jahr 1988) ist bekanntlich keine Hommage an die überhöhte Geschwindigkeit, nicht der Soundrack für Raser, sondern handelt von enttäuschten Hoffnungen, von der Sehnsucht, mit einem schnellen Auto dem eigenen trostlosen Dasein davonzubrausen. Entsprechend werden die Wörter auf der Leinwand immer kleiner, kleinlauter, müssen sich mit der Enge arrangieren, weil sie es aus dem Bild nie rausschaffen werden.

Arme Leute sollten nicht abstrakt malen

Richie Culver HAT es allerdings geschafft. Raus aus seiner Geburtsstadt Hull in Nordengland, die irgendwen, aber definitiv nicht William Shakespeare, zu dem Reim "Hull is dull" inspiriert hat (Hull ist öde, langweilig, uninteressant), rein in die Kunst, von der er mittlerweile leben kann. Und was hat das alles mit "Freizeit und Tourismus" zu tun? So hat ein College-Kurs geheißen, den der Schulabbrecher, der später in einer Fabrik Wohnwägen zusammengebaut hat, einst absolviert hat (oder absolvieren WOLLTE) und an dem ihn speziell der Teil mit der Freizeit angesprochen hat.

Ist es schlecht für die Kunst, in einem Seidenpyjama aufzuwachen? Nicht für die von Richie Culver. - © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez
Ist es schlecht für die Kunst, in einem Seidenpyjama aufzuwachen? Nicht für die von Richie Culver.
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

"Hätte ich diesen Kurs beendet, wäre ich jetzt ohne Job", sagt der Brite (und das natürlich auf Englisch), der sich zu seinem Glück letztlich DOCH nicht für die Freizeit-und-Tourismus-Branche entschieden hat, die dank diesem Virus ja eineinhalb Jahre mehr oder weniger im Koma gelegen ist und grad vorsichtig wieder hochgefahren wird. Apropos Corona: Wenn den offenen Nachtlokalen und der Reisefreiheit nostalgisch nachgetrauert wird ("I miss French kissing American men in German nightclubs" – Ich vermisse amerikanische Männer, die sich in deutschen Nachtclubs französisch küssen), dann auf der passenden Unterlage: dem entfalteten Inbegriff der Globalisierung, einem Packl aus dem Versandhandel.

Culvers "Bildsprache" ist klarerweise Englisch (no na). Höchstens in Ausnahmefällen zweisprachig. Zum Beispiel, wenn er seine prägnanten Sätze, die von Träumen, Befindlichkeiten und sozioökonomischen Realitäten erzählen, mittels Google-Übersetzer eindeutschen lässt: "Paint like you are poor . . and if you are poor . . Paint figurative. – Malen Sie wie Sie arm sind . . und wenn Sie arm sind . . Malen Sie figurativ." Der Screenshot wird "nagelwürdig", wird an die Wand gehängt wie ein Rembrandt. Nein, Tschuldigung, ein Rembrandt hätte einen üppigen Goldrahmen. Willkommen in der DIGITALEN Realität!

Von der Arbeiterklasse in den Seidenpyjama

Wo man herkommt, wohin man fährt (mit einem schnellen oder gemächlicheren Vehikel) ist immer wieder Thema. Ob er deshalb einen Boxer zitiert (und nicht irgendeinen, sondern einen der besten Mittelgewichtsboxer aller Zeiten: den am 13. März verstorbenen Marvelous Marvin Hagler), weil man sich im Alltag oft durchboxen muss? Dessen Ausspruch, es wäre echt schwer, um fünf in der Früh aus dem Bett zu steigen und zu trainieren, wenn man in einem Seidenpyjama geschlafen hätte, wandelt er mit einem Augenzwinkern ab in: "It is hard to find the motivation to paint now that I am waking up in silk pyjamas." (Es ist hart, die Motivation zum Malen zu finden, jetzt wo ich im Seidenpyjama aufwache. – Von der Arbeiterklasse in den Seidenpyjama.)

Der Preis des Ruhms? Hat man, sobald man erfolgreich geworden ist und sich Produkte mit dem angebissenen Apfel drauf leisten kann, im Gegenzug selber weniger Biss? Das dürfte dennoch nicht der Grund sein, weshalb hier ein Pappendeckel mit einem inzwischen historischen Apple-Logo als Trägermedium dient. Als der Regenbogen-Apfel noch aktuell war, war der Inhalt der Schachtel ein praktisch unerschwingliches Luxusprodukt für Culver. Gleich daneben die eindringliche Warnung (mit nicht ganz ernst gemeinter Wendung), niemals seine Herkunft zu vergessen – selbst, wenn man grad nur auf dem Klo war.

Richie Culver mag zwar 1979 in die Arbeiterklasse hineingeboren worden sein, aber: "I was not born to work hard" (ich bin nicht dazu geboren, hart zu arbeiten), verkündet er selbstbewusst auf der Leinwand, der er sich obendrein mit geschlossenen Augen und einer Spraydose genähert hat (hat die aufgedruckte Bemerkung quasi in eine emotionale Performance eingebettet, in einen gestischen grauen Nebel). Seine Antwort auf einen legendären Sager von Floyd Mayweather, noch einem Ex-Boxer (Kampfname Money beziehungsweise TBE – The Best Ever): "It’s about working smarter, not harder." Aha, es geht also darum, schlauer, nicht härter zu arbeiten. Und Culver MACHT es g’scheit. Hackelt offenbar lieber effizient als rein. Kommt rasch zum Punkt.

Der Serienkiller braucht ein neues Hobby

"When your hobby becomes your job get a new hobby", ist da zu lesen. Punkt. Gut, etwas aufwändiger ist das Opus durchaus, zumal das Plakat des Horrorfilms "Freitag der 13." mitspielen darf. Und in Kombination mit dem blutigen Messer des Serienkillers Jason wird der Ratschlag, sich ein neues Hobby zu suchen, wenn das Hobby irgendwann zum Job wird, plötzlich zu tiefschwarzem Humor. (Welches Hobby für einen wahnsinnigen Mörder geeignet wäre, wird offengelassen. Hm. Malen?) Und wie ist das beim Richie, dessen BERUF es nunmehr ist, Kunst zu machen? "It’s still my hobby." Nachsatz nach einer gedankenstrichlangen Pause: "And my job."

Serienkiller: ein Hobby oder ein Job? Richie Culver machtsich Gedanken über Jason aus "Freitag der 13.". 
- © Manuel Carreon Lopez, kunst-dokumentation.com

Serienkiller: ein Hobby oder ein Job? Richie Culver machtsich Gedanken über Jason aus "Freitag der 13.".

- © Manuel Carreon Lopez, kunst-dokumentation.com

Sich selber könnte er auch ausstellen. Mit hochgekrempelten Ärmeln. Weil seine Tattoos sein Werk fortsetzen. (Oder umgekehrt? Seine Bilder die Tattoos?) Und warum hat er "BLUE EYES" auf seine Finger tätowiert? Weil der andere Spitzname von Frank Sinatra sich komisch über die beiden Hände verteilt hätte? ("THEV OICE.") Sein Stiefvater war zumindest, nein, nicht Ol‘ Blue Eyes, dafür hat er unter anderem dessen Lieder öffentlich gesungen. Und was bedeutet das HCFC auf dem linken Arm? Hull City Football Club. Der Verein, bei dem Culver früher gespielt hat. Ach, der Fußball mit dem Ei und wo alle so angezogen sind wie die Klonkrieger aus "Star Wars"? I wo. Eh der "richtige". Der mit der RUNDEN Wuchtel.

Ein bissl textlastig, die Ausstellung? Vielleicht. Doch in sich sehr stimmig und voller Witz. He, könnte die Botschaft des Sofas lauten: "Genug gesessen! Zurück ins Leben!"?