Ob in der Galerie Frey Bilder an den Wänden hängen, das kann man eigentlich gar nicht mit Bestimmtheit sagen. Das mit dem Hängen schon, ja. Aber sind das noch Bilder? Oder sind die Dinger, die unter dem Titel "Beyond" (jenseits) gezeigt werden, dafür bereits zu dick (zu "jenseitig")? Immerhin besitzen sie gleich DREI Maße, nämlich neben der Höhe und Breite auch eine Tiefe. Und die kann locker zwölf Zentimeter betragen. (Die optische nicht mitgerechnet.)

Um Malerei dürfte es sich allerdings sehr wohl handeln. Jedenfalls trägt der Dirk Salz (eindeutig kein Flachmaler) Farbe auf einen Malgrund auf. Freilich nicht IRGENDEINE Farbe, sondern pigmentiertes Epoxidharz. Und nicht auf IRGENDEINEN Malgrund, sondern auf eine (vorzugsweise schwarz grundierte) Multiplex-Platte. Auf Sperrholz mit jeder Menge Furnierlagen. Hat ein bissl was von Manner-Schnitten. Sogar hinten sind die Gemälde also vielschichtig. Vorne sowieso. Tja, nicht nur stille WASSER sind tief. Tief genug für einen Tauchgang, bei dem man nicht nass wird. (Schließlich ist erstens das Harz längst trocken und zweitens ist das so eine Redensart: In ein Bild eintauchen.)

Die Fotobombe ist man selber

Bunt wie eine Zuckerstange: Die Antwort von Dirk Salz aufConstantin Brancusis "endlose Säule". 
- © Galerie Frey

Bunt wie eine Zuckerstange: Die Antwort von Dirk Salz aufConstantin Brancusis "endlose Säule".

- © Galerie Frey

Harz mit Einschlüssen: Wie beim Bernstein womöglich, der bekanntlich nix anderes ist als FOSSILES Harz? So ähnlich. Bloß dass hier im Extremglanz statt einer Gelse oder dergleichen die geometrische Abstraktion konserviert worden ist. Streifen, Raster, schwebende Rechtecke, die sich komplex zu einer nuancierten Monochromie überlagern. Und dauernd spielt die Komposition mit einem Verstecken, geht hinter irritierenden Reflexionen in Deckung, macht es einem wahrlich nicht leicht, sie sich anzusehen. Auf der Suche nach ihr muss man in einer Tour herumturnen. Denn die Umgebung malt mit. Live.

Bewegende Kunst sozusagen. Fitnessgeräte für die Augen. Im Grunde unfotografierbar. Weil sich ständig jemand ins Bild drängt, eine Fotobombe macht: man selbst. Das eigene Spiegelbild. Andererseits gehört das so. Wäre die Oberfläche sonst dermaßen übertrieben glatt und glossig? Der Betrachter verändert das Betrachtete, wird ein integraler Bestandteil davon.

Die Bilder bitte trotzdem nicht ablecken

Nicht, dass es keine MATTEN Exemplare gäbe. (Den weißen "Zuckerguss" mit scheuem, unterschwelligem Rosa und Blau, der auf der Seite appetitliche Tropfen ausbildet, möchte man regelrecht abschlecken.) Oder kreisrunde, die einen förmlich anstarren (einäugig) und wo die Farbe merkwürdig unfassbar bleibt, sich unscharf aushaucht oder konzentriert. Konzentriert? Worauf? Auf den Galeriebesucher natürlich. Um ihn zu hypnotisieren, ihn willenlos zu machen. Doch egal ob glänzend oder matt, intensives Rot, Grün, Blau oder blassere Töne, unglaublich sinnlich und schier unwiderstehlich sind die Exponate alle.

Ein Blau mit Innenleben. Von Dirk Salz. 
- © Galerie Frey

Ein Blau mit Innenleben. Von Dirk Salz.

- © Galerie Frey

Und die bunte "Zuckerstange", die freistehende? ("My endless column 4" aus Harz und Stahl.) Was Phallisches? Gibt der 1962 geborene Deutsche da etwa mit seiner künstlerischen Potenz an? I wo. Keine Erektion, eine Referenz. Auf Constantin Brancusis messingverkleidete "endlose Säule", bei der sich "geköpfte" Doppelpyramiden babylonisch auftürmen und der Unendlichkeit entgegenstreben, dem Transzendentalen (und erst nach knapp 30 Metern aufgeben). Die Version von Dirk Salz ist viel menschlicher. (1,96 Meter!) Und man kriegt beim Anschauen keine Genickstarre. Ein Könner.