Bekannt sind einem Nobuyoshi Arakis Fotos aus der Fetisch-Ecke der Kunstbuchregale. Dort findet man seine berühmten gefesselten nackten Frauen, die auch kontrovers gesehen wurden. Dass der japanische Fotograf ein viel breiteres Spektrum abdeckt und wie stark er von der japanischen Tradition beeinflusst ist - eben auch bei den umstrittenen gefesselten Frauen, denn Kinbaku oder Shibari gilt in Japan auch als Kunst -, zeigt eine neue Ausstellung im Westlicht. Sie hätte bereits im Herbst des Vorjahres, in dem Araki seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, starten sollen. Wegen der Fülle des Werks gibt es eine Parallelausstellung im Ostlicht.

Im Westlicht kuratierten Fabian Kniriem und Michael Kollmann mit Arakis persönlicher Galeristin Hisako Motoo einen üppigen Leitfaden durch eine einerseits unbeachtet vielfältige, andererseits sehr konsequente Karriere. Zu sehen ist Arakis erste veröffentlichte Serie aus dem Jahr 1963, die Studie einer Kindergang. Araki arbeitete danach in der größten japanischen Werbeagentur und lernte dort das Handwerk der glatten visuellen Illusion. Gegen diese Optik begann er bald zu rebellieren. Unter anderem mit der Reihe "Sentimental Journey". In ihr dokumentiert er die Hochzeitsreise mit seiner Frau Yoko. Die Serie umfasst das Klischee-Hochzeitsfoto im Studio über Einblicke in Hotelzimmer und Straßenszenen - aber auch eine in einem Boot melancholisch wie hingegossen liegende Yoko und dieselbe, nackt im Bett, sein Schatten über ihr.

Trauerarbeit: Mit dem Foto seiner verstorbenen Frau Yoko, in deren Mantel und Schuhen. Aus der Serie "Colourscapes", 1991. - © Nobuyoshi Araki / Fotosammlung Ostlicht
Trauerarbeit: Mit dem Foto seiner verstorbenen Frau Yoko, in deren Mantel und Schuhen. Aus der Serie "Colourscapes", 1991. - © Nobuyoshi Araki / Fotosammlung Ostlicht

Arakis fotografisches Interesse an Sexualität tritt hier erstmals stärker hervor. Der Gegenpart, die Faszination am Vergänglichen, tut dies in der Fortsetzung dieser Serie von 1989: Da begleitet er seine Frau Yoko in den letzten sechs Monaten ihres gemeinsamen Lebens, bis sie an Krebs stirbt. Es sind sehr intime, berührende Einblicke, die seine Einsamkeit beim allerletzten Händedruck genauso bebildern wie er nicht davor zurückschreckt, Yoko in ihrem Sarg zu fotografieren.

Tod und pralles Leben

Markenzeichen gefesselte Nacktheit: aus der Serie "Tokyo Nouvelle", 1995. - © Nobuyoshi Araki / Fotosammlung Ostlicht
Markenzeichen gefesselte Nacktheit: aus der Serie "Tokyo Nouvelle", 1995. - © Nobuyoshi Araki / Fotosammlung Ostlicht

In einem Bild ist sein Schatten mit einem Magnolienzweig zu sehen - als Mitbringsel ins Spital. Es ist das erste Mal, das Blumen für ihn zum Motiv werden. Er wird sie später als verwelktes Vanitas-Motiv inszenieren und ihre obszöne Üppigkeit sexualisieren.

Aus Arakis erster veröffentlichter Serie: "Satchin and his brother Mabo", 1963. - © Nobuyoshi Araki / Fotosammlung Ostlicht
Aus Arakis erster veröffentlichter Serie: "Satchin and his brother Mabo", 1963. - © Nobuyoshi Araki / Fotosammlung Ostlicht

Eros und Thanatos führte er 1993 in der Serie "Erotos" zusammen, er vereinte dabei Abgestorbenes mit Ansichten aus dem Genitalbereich. Auch ein spezieller Humor ist ihm - der sich gern mit Hörnerfrisur als Teufel inszeniert - nicht fremd. So schleicht hier auch eine kleine Schnecke über eine erigierte Penisspitze. Ungefähr zu dieser Zeit kristallisierte sich auch Arakis Österreich-Connection heraus. 1992 brachte die Camera Austria seine erste Personale im Ausland, von da aus begann sich sein Ruhm in der Welt auszubreiten. 1997 zeigte die Secessions-Jubiläumsausstellung seine Verwandtschaft zu Klimt - der so wie Araki die bis vor das 16. Jahrhundert zurückreichenden japanischen Erotikdarstellungen der Shunga schätzte. Im Westlicht wird Arakis diesbezügliche Prägung ausführlich belegt.

Zungenspiel mit Haar: "Tongue" aus der Serie "Erotos", 1993. - © Nobuyoshi Araki / Courtesy Fotosammlung Ostlicht
Zungenspiel mit Haar: "Tongue" aus der Serie "Erotos", 1993. - © Nobuyoshi Araki / Courtesy Fotosammlung Ostlicht

Natürlich sind auch seine Fesselbilder vertreten - eines besonders raffiniert komponiert mit einer waagrecht-hängend drapierten Frau, Kimonostoff und Brustfleisch aus den Seilen quellend, links unten wacht eine Porzellankatze - und die pralle Optik seiner Blumenfotos, die mit toten Echsen verziert sind - die er gern auch Frauen auf den Busen setzt. Außerdem sind Arakis jüngste Arbeiten für die Ausstellung zu sehen: In ihnen rekapituliert er seine Karriere noch einmal: Er macht sich lustig über die Klischees, die seinen Bildern zugeschrieben werden, in dem er Fesselnippesfiguren in fleischige Lilien steckt.