Mit dem Slogan "How will we live together?" öffnet am Samstag die 17. Architekturbiennale in Venedig. Nach der coronabedingten Absage im Vorjahr setzt man heuer auf ein strenges Sicherheitskonzept, das auch den Andrang bei den Preview-Tagen drosselt, wie sich bei einem ersten Rundgang zeigt. Der österreichische Pavillon, der von den beiden Wissenschaftern Helge Mooshammer und Peter Mörtenböck kuratiert wird, steht im Zeichen des Plattform-Urbanismus.

Unter dem Titel "We Like. Platform Austria" widmen sie sich nicht nur der Frage des gegenwärtigen, sondern auch des künftigen Zusammenlebens, die der libanesisch-amerikanische Kurator Hashim Sarkis der aktuellen Biennale-Ausgabe als Thema vorangestellt hat. Plattform-Urbanismus ist mittlerweile ein Terminus, mit dem auch Nicht-Experten nach mehr als einem Jahr Pandemie nun etwas anfangen können: "Das ganze Leben wird zu einer Summe von Abos, ohne die ich auch am städtischen Alltag nicht mehr teilnehmen kann", sagen die beiden und verweisen auf Plattformen von AirBnB über Carsharing- und E-Roller-Dienste bis hin zu Co-Living-Spaces. "Ich muss mich um nichts mehr kümmern. Alles kommt im Paket. Dadurch verlieren wir die Kontrolle über unser Leben in der Stadt."

Und genau dieser Zugang steht auch im Zentrum des ersten von sieben Kapiteln, die die Schau im luftig bestückten, aber inhaltlich äußerst dichten Pavillon inhaltlich strukturieren. "Access is the new Capital" (Zugang ist das neue Kapital), steht auf großen Tafeln, die von der Decke baumeln. "Zugang ist durch Corona ja auch hier bis ins letzte Detail ein Thema", schmunzelt Peter Mörtenböck. Ursprünglich hätte der österreichische Pavillon in den Giardini ein Tummelplatz für 50 internationale Architekturblogger sein sollen, die im Wochentakt wechselnd den theoretischen Diskurs bestimmen hätten sollen. Da dem Duo bald klar wurde, dass auch 2021 nicht alles "normal" ablaufen würde können, entschieden sie sich, die "Residencies" vorab und dezentral durchzuführen. Die so entstandenen Texte der über 50 Blogger werden nun im Pavillon kompakt präsentiert.

Konstruktion aus Bildschirmen

Der Einstieg erfolgt über je ein Foto, das der oder die jeweilige Experte/in als Illustration für den eigenen Blogbeitrag gewählt hat. Darunter findet sich ein kurzer Text. Wer weiter in die Materie eintauchen will, dreht sich einfach um und findet eine Konstruktion aus mehreren Bildschirmen vor, auf denen die Beiträge in zwei Minuten dauernden Videos visualisiert wurden. Diese machen in ihrer radikalen Reduktion auf das Wesentliche Lust, noch einen Schritt weiterzugehen: Im von den Kuratoren herausgegebenen Reader kann man die einzelnen Positionen auf 470 Seiten nachlesen. Das mag nach intellektueller Überfrachtung klingen, wird durch den spielerischen Aufbau jedoch zu einem der "Rabbit Holes", in denen man selbst beim Surfen im Internet oft verschwindet.

Im linken Hauptflügel des nach den Plänen der Architekten Josef Hoffmann und Robert Kramreiter 1934 eröffneten Pavillons widmet man sich zunächst dem "Access" und der "City on Demand": Letztere erfordert - um ihre Services immer und überall bereitstellen zu können - auch die nötige Infrastruktur. So findet man hier etwa ein Foto eines niederländischen Fahrradwegs, der an einem architektonisch präsenten Datenzentrum vorbeiführt, während Asli Serbest und Mona Mahall "Homes of the Internet" zeigen: Technische Infrastrukturen, die in Kalifornien in gefakte Landschaften eingefügt werden, um möglichst wenig aufzufallen. Dazu passend widmet man sich in den beiden hinteren Flügeln in zwei riesigen Collagen der glänzenden Oberfläche künftiger Städte und dem dunklen Untergrund, der das Glänzen ermöglicht.

Theaterstück und Kontaktlosigkeit

"The Collapse of the Scale" nennt sich jenes Kapitel, das sich mit der Verzerrung von Maßstäben auseinandersetzt. "Hier geht es etwa um die Orte, an denen wir sein können, während wir zu Hause im Wohnzimmer sitzen", so Mooshammer beim APA-Rundgang. Ein ganzes Theaterstück hat das Kollektiv "Slutty Urbanism" geschrieben, in dem es sich im Kapitel "The Platform is my Boyfriend" wie auch ihre Kollegin Ofro Cnaani mit digitalen Plattformen als unsere digitalen, persönlichen Begleiter auseinandersetzt. Cnaani setzt die zahlreichen Informationen, mit denen wir diverse Apps füttern, in Relation zum Mangel an Berührung, der durch die neue Kontaktlosigkeit (nicht nur beim Bezahlen) entstanden ist.

Wie sehr das Ich Teil der Plattformen (und von Architekturen) geworden ist, thematisiert das Kapitel "Monuments of Circulation - 'I' is Everywhere". Hier setzt sich etwa Bernadette Krejs von der TU Wien mit temporären Behausungen wie AirBnB oder dem Phänomen des "Instagram Livings" auseinander. Wem eigentlich die (verbundenen) Daten gehören, die wir auf Plattformen hinterlassen, steht im Zentrum von "Data is a Relation, not a Property", in dem Maurilio Pirone die Plattform-Urbanisierung gar als "Schlachtfeld" bezeichnet. Ein Ende findet die Schau in einer Handlungsanweisung für die Zukunft: "The Future is public", heißt es da. Der Schlüssel ist laut den Kuratoren die aktive Auseinandersetzung mit den rasenden Veränderungen. Und die Bereitschaft, sich daran zu beteiligen.

Eröffnet wird die Architekturbiennale am Samstag, zu sehen sind die Hauptausstellungen in den Giardini und dem Arsenale sowie die Länder-Pavillons bis zum 21. November. (apa)