Unter dem Titel "How will we live together?" öffnet am Samstag die 17. Architekturbiennale in Venedig. Nach der coronabedingten Absage im Vorjahr setzt man heuer auf ein strenges Sicherheitskonzept.

Die Schau bietet manch eine Überraschung: Etwa, einen vollkommen leeren deutschen Pavillon, in dem man einen Blick aus der Zukunft zurück in die Gegenwart werfen kann oder ein als Green-Screen fungierender kanadischer Pavillon, der erst auf Instagram seine Wirkung entfaltet: Die Mischung aus digitalen Möglichkeiten und pandemischen Beschränkungen bietet auf der 17. Architekturbiennale einige spannende Zugänge in den mehr als 60 Länderpavillons.

So entführt Deutschland in das Jahr 2038, das allerdings nur via QR-Codes zugänglich ist. Sie sind überall: Auf dem Boden, auf den Wänden. Richtet man die Handy-Kamera darauf, wird man zu verschiedenen Videos auf der Website 2038.xyz geführt, die ein internationales Team von Architekten, Künstlern, Ökologen, Ökonomen und Schriftstellern kreiert hat, um die Geschichte der Zukunft zu erzählen. Freilich ist es hier von Vorteil, als Besucher Kopfhörer dabei zu haben - oder aber den Pavillon später zu Hause auf der Couch zu besuchen. Mittels Virtual Reality kann man sich dann auf dem Handy-Bildschirm im Pavillon bewegen und mit anderen Besuchern interagieren. In den Videobeiträgen finden sich spielerisch inszenierte Statements rund um nachhaltige Architektur, das Zusammenleben von Menschen mit Tieren und Pflanzen sowie den Umgang mit Krisen.

Der Rückzug ins Private ist eine Eigenheit, der man in Großbritannien nicht erst auf der Architekturbiennale 2021 begegnet. - © APA / AFP / Marco BERTORELLO
Der Rückzug ins Private ist eine Eigenheit, der man in Großbritannien nicht erst auf der Architekturbiennale 2021 begegnet. - © APA / AFP / Marco BERTORELLO

Ohne Smartphone kommt man nicht weiter

Auch im kanadischen Pavillon ums Ecks ist man ohne Smartphone aufgeschmissen. So wurde der gesamte Bau in knallgrünes Tuch gehüllt. Via QR-Code gerät man zu einer speziell entwickelten Skin auf Instagram, durch die man plötzlich kanadische Bauwerke sieht, die in den vergangenen Jahren als Kulissen für Action-Filme dienten. Mit einem Klick hat man ein Foto gemacht, das man dann sogleich auf der sozialen Plattform teilen kann. Laut den Kuratoren ist "Impostor City" (etwa "Betrüger-Stadt") eine "spielerische Kritik kultureller Selbst-Präsentation".

Südkorea bricht im "Micro-Urbanism" die Hochhaus-Strukturen auf. - © APA / AFP / Marco BERTORELLO
Südkorea bricht im "Micro-Urbanism" die Hochhaus-Strukturen auf. - © APA / AFP / Marco BERTORELLO

Ironisch-kritisch präsentiert sich auch Großbritannien mit "The Garden of Privatised Delights". Wer schon einmal in London war, kennt das Bild: abgesperrte private kleine Parks und Gärten mitten in der Stadt. Dieses Bild nehmen die Kuratoren im Eingangsbereich auf. Durch Hecken und Pflanzen versucht man, einen Blick auf die dahinterliegende Skulptur zu erhaschen. Doch um sie wirklich zu sehen, muss man erst einen Parcours durchlaufen. Der startet in einem britischen Pub, der einer der vielen Locations nachempfunden wurde, die aufgrund der Corona-Pandemie dauerhaft schließen mussten. Dazu stellen die Kuratoren die Frage: "Könnte ein Pub etwas anderes sein als ein Ort zum Trinken und stattdessen ein vielfältiges Zentrum für ziviles Handeln werden?" Weitere Stationen sind ein "Ministerium für gesammelte Daten", das den Besucher beim Eintritt scannt und die daraus gewonnenen Vermutungen aufbereitet, eine alternative "High Street" jenseits des Shopping-Wahns und schließlich das "Ministerium für gemeinsames Land", das Alternativen zur Privatisierung von Raum aufzeigt. Im letzten Raum findet man sich plötzlich hinter dem Zaun und steht im zuvor privaten Garten.

Südkoreas "Schule von morgen"

Die USA spielen auf ihre früheren Baustile an und beziehen Strukturen der indigenen Ur-Bevölkerung mit ein. - © APA / AFP / Marco BERTORELLO
Die USA spielen auf ihre früheren Baustile an und beziehen Strukturen der indigenen Ur-Bevölkerung mit ein. - © APA / AFP / Marco BERTORELLO

Aber auch weniger theoretische Beiträge finden sich in den Länderpavillons in den Giardini: Südkorea setzt sich in mehreren Beiträgen mit der "Schule von morgen" auseinander und verbindet gemütliches, nachhaltiges Mobiliar mit Distance-Learning via Bildschirm. Der japanische Pavillon untersucht die Geschichte von Aus- und Umbauten eines typischen Holzhauses, das die Jahrzehnte überdauert hat und nun fein säuberlich in seine Einzelteile zerlegt den Boden der Ausstellung bedeckt und die vielen leer stehenden Häuser einer Nation, die mit Bevölkerungsschwund kämpft, repräsentiert. Mit Holz als Baumaterial beschäftigt sich auch der amerikanische Pavillon, der die so oft verwendete Struktur in Modellen abstrahiert und so neue Ästhetiken schafft.

Urbanismus-Botschaft aus Österreich

Das aus hölzernen Hockern aufgebaute "We Like" vor dem österreichischen Pavillon in Venedig ist weithin sichtbar. Die Kuratoren Helge Mooshammer und Peter Mörtenböck Einblicke haben ihr Konzept, das auf Beiträgen von 50 Bloggern basiert, die sich Gedanken zum Thema Plattform-Urbanismus gemacht haben.

Für Mooshammer fungiert der Pavillon selbst als Plattform - sowohl für die nun vorab eingereichten Beiträge der Blogger als auch für die Auseinandersetzung des Publikums. Ab dem Spätsommer soll es - wenn die Corona-Situation es zulässt - auch Diskussionsveranstaltungen im Hof des Pavillons geben. (apa)