Man isst ja angeblich auch mit den Augen. Doch keine Sorge, von Daniel Spoerris "gegenständlichen" Bildern nimmt man nicht zu. Die tischen einem zwar alles Mögliche auf (Technik: Objekte auf Holz, denn seine bewährte Methode, die Dingwelt festzuhalten, ist, diese kurzerhand anzupicken), anders als auf üppigen BAROCKEN Stillleben allerdings ist hier sowieso nix mehr zu futtern übrig (höchstens ein paar Erdnüsse oder eingetrocknete Saucen vielleicht), weil die Teller in der Regel schon leer und die Knochen abgenagt sind.

Außerdem: Nur weil der gebürtige und oft umgezogene Rumäne (Zürich, Paris, New York, die griechische Insel Symi, Düsseldorf . . . – und seit 2007 wohnt er in Wien, ist er ein Wiener mit rumänischen und Schweizer Wurzeln), nur weil er also der Begründer der Eat-Art ist, der Ess-Kunst, muss sich bei ihm schließlich nicht alles immer bloß ums Essen drehen. Eh nicht.

Wer findet die Fonduegabel in Daniel Spoerris Messersammlung (2020)? - © Arnau Oliveras Segui
Wer findet die Fonduegabel in Daniel Spoerris Messersammlung (2020)? - © Arnau Oliveras Segui

Die Welt ist alles, was runterfallen kann

In seiner sehr material- und umfangreichen Schau bei Krinzinger Schottenfeld (vormals die Krinzinger Projekte, die auf JUNGE Positionen fokussiert waren, während ab sofort arriviertere Kunstschaffende gleichermaßen präsentiert werden sollen, ohne dabei das Artist-in-Residence-Programm zu vernachlässigen), da hat kein einziges Opus eine postprandiale Depression (postprandial: "nach einer Mahlzeit"). Und das, obwohl der mittlerweile 91-Jährige, dem das Bank Austria Kunstforum grad eine NOCH ausführlichere Retrospektive widmet, berühmt ist für seine "Fallenbilder", die Tableaux-pièges (das erste entstand übrigens 1960), seine spezielle Form des Tafelbildes: die Tafel aufzuheben und an die Wand zu hängen (natürlich nicht ohne das ungewaschene Geschirr und die Essensrestln, zumindest die, die nicht faulen oder verderben, vorher absturzsicher fixiert zu haben).

He, hat nicht bereits Wittgensteins "Tractatus logico-philosophicus" begonnen mit dem Satz: "Die Welt ist alles, was runterfallen kann (sofern man es nicht rechtzeitig festklebt)."? Blödsinn, der hat selbstverständlich gelautet: "Die Welt ist alles, was der Fall ist." Und der erste Untersatz: "Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge." Beim Spoerri dürfte sie trotzdem die Gesamtheit der Dinge sein. Der STEHT nämlich offenbar auf alles, was runterfallen kann, wenn man es nicht rechtzeitig festklebt.

Bienen aus der Dose

1930 im rumänischen Galati als Daniel Feinstein geboren und nach der Ermordung seines Vaters, eines zum Protestantismus konvertierten Juden, bei einem Pogrom 1942 in die Schweiz emigriert (mit der Mutter und den fünf Geschwistern), war er vieles in seinem Leben, der Daniel Spoerri: Balletttänzer, Regieassistent, Mitunterzeichner des Gründungsmanifests des Nouveau Réalisme, konkreter Poet, Koch, der mit Meret Oppenheim ein Kochbuch verfasst hat, Lokalbesitzer und eben auch berüchtigter Fallensteller. Jedenfalls konnte man sich in seinem 1968 eröffneten Restaurant in Düsseldorf, in dem so exotische Speisen angeboten wurden wie Elefantenrüsselsteak, Seehundragout oder Bienen aus der Dose ("Ich wollte beweisen, dass alles essbar ist."), nach dem Bäuerchen den kompletten TISCH zum Mitnehmen einpacken lassen. Okay, abholen konnte man ihn sich erst Tage später. Nach dem Konservieren des Augenblicks.

Enthält theoretisch die komplette Weltliteratur: Setzkasten (1998) mit hölzernen Drucklettern. Lesestoff von Daniel Sporri. - © Arnau Oliveras Segui
Enthält theoretisch die komplette Weltliteratur: Setzkasten (1998) mit hölzernen Drucklettern. Lesestoff von Daniel Sporri. - © Arnau Oliveras Segui

Moment: Und die runde Mosaiktischplatte im letzten Raum rechts? Die mit der Weinflasche drauf und dem Schüsserl mit den Nüssen? Ist eine Fälschung. Ein echter Spoerri, aber ein falsches Fallenbild. Ein "FAUX Tableau-piège", wo dem Künstler 2011 nicht eine unverfälschte Realität in die Falle gegangen ist (in die Klebefalle), sondern der Zufall, die vermeintliche Erinnerung an einen Umtrunk, inszeniert ist.

Nicht, dass seine aktuellen Materialbilder (2020/21) völlig unkulinarisch wären. Kochlöffel, Nudelwalker, Besteck (und andere mehr oder weniger banale Werkzeuge und Alltagsgegenstände) in nimmer haushaltsüblichen Mengen und in flächendeckender All-over-Ästhetik. Eigentlich Suchbilder. In die Messerkollektion hat sich eine Fonduegabel reingeschummelt, bei den Orden (als dadaistische Pointe?) ein historisches Bügeleisen eingeschlichen. Ein Jäger und Sammler halt, dessen Jagdrevier der Flohmarkt ist (in Wien hat er sich "zufällig" ganz in der Nähe von einem einquartiert: am Naschmarkt) und der zweifellos eine Abscheu vor der Leere hat, an einem Horror vacui leidet, seine Beute gern zu einem kreativen Chaos ordnet, Geschichten erzählt. Vor zwei präparierten Piranhas hat er geschredderte Banknoten ausgestreut. Das Bargeld ist ohnedies bald Fischfutter.

Widder reimt sich fast auf Buddha

Unter dem sprachwitzigen Titel "Weißt Du, schwarzt Du?" erstreckt sich die Ausstellung über sieben Räume und die vergangenen drei Jahrzehnte im Schaffen des ungebrochen verspielten Rahmensprengers. (Sauber eingerahmt wird dennoch nicht selten. Die "Eintagskästchen", intime, konzentrierte Collagen aus Fundstücken, quasi plastische Tagebucheinträge, haben sogar ein Passepartout, das freilich von den Federn und Dreadlocks beinhart ignoriert wird.) Immer wieder grinst im expandierenden Spoerriversum aus der lebendigen Fülle der Tod heraus, posieren blanke Knochen mit heimeligen Spitzendeckerln oder findet ein Kuhschädel posthum Erleuchtung. Oder Be-leuchtung. (Weil der Spoerri ja manchmal stimmungsvolle Lamperln einbaut.) Gliedmaßen von verstümmelten Puppen und Augäpfel fallen streumusterartig ins dekorative Massengrab. Eros und Thanatos: Zwei Totenköpfe, mit lustigen Konfetti aus Euro-Schnipseln beworfen, kuscheln sich in einer Vitrine verliebt aneinander (unter dem gestickten Sinnspruch: "Doch sag‘ nur sterbend ja zur lieben Frau"), und unweit davon: ein makabrer Cello-Sarg mit archaischer Menschenfresserfratze (der Bronzeguss einer unheimlichen Assemblage).

Aus Daniel Spoerris Wunderkammer: ein Korallenhirn (2011). - © Arnau Oliveras Segui
Aus Daniel Spoerris Wunderkammer: ein Korallenhirn (2011). - © Arnau Oliveras Segui

Dann und wann öffnet sich ein diskreter Spalt, lockt den voyeuristischen Blick tiefer ins Unbewusste hinein, ins Abgründige. Weckt die Neugier. (Jö, unterm dezent gelüfteten Deckel des Miniaturgeigenkastens ist ein skelettierter Fuß!) Ständig haben diese kumulierten Staubfänger eine Überraschung für einen parat, muss man sich verrenken, zumal nicht jedes Detail offensichtlich ist. Ein Betstuhl als Ablage für einen Widderkopf (und man beachte die neckische kleine Buddha-Statuette): eine sakrilegische Mischung aus Trophäe und Tabernakel. Zur stillen Andacht für Katholiken, die zu einem buddhistischen Satanskult übergetreten sind? (Widderhörner: beliebte Imponierorgane in der Teufelsikonografie.)

Der Hai ist eine Rotzpipen

Die barocke Wunderkammer lässt herzlich grüßen. Mit einem Korallenhirn und einem fossilen Haifischzahn, zur unartigen Zunge mutiert, die dem naturkundlichen Ernst frech gezeigt wird. Tatsächlich waren die kuriosen Artefakte 2012 im Naturhistorischen Museum. Und als besondere Sensation: das Skelett eines Tatzelwurms, noch mit der letzten Mahlzeit im Gebiss (einem Vogel). Der Yeti der Alpen (weil ihn ja ebenfalls dauernd irgendwer gesehen haben will). Frankensteinisch zusammengebastelt wie die "Fadenscheinigen Orakel" (2014) im hintersten Raum, wo sich der Spoerri literarisch austobt, nämlich die gestickten Sprüche auf Ziertüchern umgedichtet, aus den Wörtern neue Weisheiten zusammennähen hat lassen. Im Drohbrieflook.

"Gut, gepaart mit besser ist sicher am Gutesten; denn gütlich allein ist wohl schlicht nur eine gepflegte Zierde." Nicht wirklich ein Trost (egal, wo sich dieses "Dort" befinden mag): "Wenn dort auch mit so viel Herzlichkeit immer weiter brav und liebevoll zu Tode vernichtet wird, ist der größte Schmerz geheilt." Dafür ist sein pronomenstarkes Liebesgedicht geradezu lyrikbandtauglich: "Fröhlich / ich / ich / ich / mich / mir / Dir / Dich / Sich / Du! Doch ich dein!"

Gestickter Drohbrief? "Fadenscheiniges Orakel" (2014) von Daniel Spoerri. - © Arnau Oliveras Segui
Gestickter Drohbrief? "Fadenscheiniges Orakel" (2014) von Daniel Spoerri. - © Arnau Oliveras Segui

Ob er Künstler geworden sei, weil ihm das Spaß mache, wird er in der Doku "Herr Spoerri zieht nach Wien" gefragt, die nebst zwei weiteren Filmen von Felix Breisach zur Vertiefung im Kinosaal laufen. Die Antwort: "Nein, aus Verzweiflung. Spaß macht’s mir JETZT." Und den hat sein Publikum beim Schauen definitiv genauso, den Spaß.