Eines bringt der Gang in die Secession in drei verschiedene Ausstellungen auf jeden Fall: Das Denken über die Zeit ist zurück in der Kunst, dazu über handwerkliche Perfektion, konsequente Tagebucheinträge und die Conclusio beim Rückblick auf das vergangene Jahr mit Pandemieerfahrung: das leidige Lernen von Entschleunigung. Sie ist Hauptthema der Choreografie der aus Zypern stammenden in New York und Athen tätigen Künstlerin Maria Hassabi, die in Kooperation mit den Wiener Festwochen im Hauptraum der Secession "Here" inszeniert.

Zweimal am Tag, das heißt während der Öffnungszeiten für jeweils vier Stunden, wird von der Künstlerin selbst wie auch von einer Tänzergruppe in Zeitlupentempo performt. Die Grenzen zwischen Kunst und Tanz sind aufgehoben, die sechs Personen in farbstarken Overalls bewegen sich auf einem goldenen Laufsteg so langsam wie präzise, dass sie immer wieder als lebende Skulpturen ihre schwierigen Positionen des Verharrens vollziehen. Wobei einer sogar den Raum durch die hintere Tür zum Garten verlässt, um durch die unterirdischen Gänge des Hauses wieder zurückzukehren.

Filigraner Kunstabfall

Schon zu Beethovens Skulptur musste man 1902 hinaufsteigen, zudem ist das Setting formal und farblich an Zeiten des Ornaments angepasst, der Sound zu den lebenden Bildern hat aber mit der goldenen Periode Klimts und seiner Mitstreiter wenig zu tun: Eine Frauenstimme zählt die Sekunden.

Das Fortschreiten der Zeit und die Ambivalenz von Kunstwerken, die an sich dauerhaft angelegt sind, vor allem wenn sie den Regeln des Kunstmarkts Folge leisten, thematisiert im Grafischen Kabinett auf besonders poetische Weise der in New York lebende Japaner Yuji Agematsu, Jahrgang 1956. Seit Anfang der 1980er Jahre ist er Stadtflaneur und sammelt in Zellophanhüllen von Zigarettenpackungen, was an Abfall, Strandgut und verlorenen Kostbarkeiten vor seine Augen kommt. Diese "zips" aus New York - hier in der Secession handelt es sich um die aus dem Ausnahmejahr 2020 - sind ergänzt durch Notizbücher, in denen Datum, Fundort und Uhrzeit vermerkt wird.

Der filigrane Kunstabfall und die kalendarischen Vermerke in Form von persönlicher Kartografie werden durch eine minimalistische Präsentation in Wandboxen aus Plexiglas und einer Vitrine zu einem Archiv der Träume. Denn jede Mikroskulptur komponiert Natur und Kunst mit Harz zur Mikrokosmos-Assemblage. Daran angepasst ist auch das Künstlerbuch, das in philosophischer Ordnungsmacht strukturiert ist, die Agematsu mit dem "Klumpengeist" des Videospielerfinders Keita Takahashi als Person im kosmischen Kreislauf versteht. In der Galerie im Keller sind Schreine und Möbel aus schwerem Eichenholz und Steinzeug gefertigt, die insgesamt den rustikalen Eindruck eines Stalls vermitteln. Das vor allem auch dadurch, dass Fische, Schweine- und Rinderköpfe, aber auch menschliche Hände und Füße als Reliefs aus der dichten Holzmaserung hervorquellen und die Möbel trotz ihrer Erinnerung an Kommoden und Truhen nichts als skulpturale Kunstprodukte darstellen, auch wenn sie Funktionalität im bäuerlichen Umfeld vorgaukeln.

Die Steinzeug-Klomuscheln in Reihe sind Erben der Commodity-Sculpture der 1980er Jahre und Enkel der Readymades von Marcel Duchamp. Es verwundert nicht, dass das französisch-belgische Künstlerduo Daniel Dewar & Grégory Gicquel davor handwerkliche Techniken wie Webrahmen und holzbefeuerte Brennöfen sowie das Weben, Sticken und Keramik abhandelten. Die Verluste durch die technische Automatisierung und auch des körperhaft Materiellen gegenüber dem Immateriellen sind ihr Thema: Die körperliche Energie des Handwerkers, der Bruch mit Traditionen, führt zur Beachtung der Lebensadern von Holz und Stein. Da kehren surreale Fabelwesen wieder, die auch Hybride von Kunstströmungen sind, die sie wieder aufleben lassen.

Zitat als Zwitterwesen, hier die alte Dichotomie von Natur- und Kunstwerk neu beschwörend und so verstörend wie ehedem die beliebten barocken Trompe l’oeil-Bilder. Der Hase am Kastel ist zudem pastorale Metapher des Opfers am Ritualtisch. Zeit und Kunst, dividiert durch Denkmuster, ergibt fragmentierte Erkenntnisse.