Die vierte Ausgabe der Vienna Biennale for Change 2021 heißt "Planet Love. Klimafürsorge im digitalen Zeitalter" und findet, ausgehend vom MAK, in der Kunsthalle, im Kunst Haus Wien, im Architekturzentrum, an der Angewandten und im öffentlichen Raum statt. Zentrum ist das MAK mit einem Parcours von vier Ausstellungen (eine fünfte folgt dann im Juni im Kunstblättersaal), von denen drei Marlies Wirth kuratiert hat.

Die Angewandte wird auch eine interaktive Medienskulptur am Karlsplatz mit Überschwemmungsszenario bieten, und es wird derzeit am Stubenring vor dem Haus mit "Eat Love. Essenräume von morgen" vor einen mobilen Studio-Thinktank zur Teilnahme eingeladen. Vier weitere Standorte wie der Viktor-Adler-Markt folgen. Man darf dabei auf veganen Kaviar aus der Donau gespannt sein, den der Initiator der Biennale, Christoph Thun-Hohenstein gemeinsam mit Hubert Klumpner, einem Schüler Hans Holleins und Lehrenden an der ETHZ Zürich, ankündigt.

Ines Doujak stellt natürliche Materialien auf ein Bord und benennt sie nach Frauen, die sich gegen den Landraub zur Wehr setzen. - © Kunst Haus Wien / Rudolf Strobl
Ines Doujak stellt natürliche Materialien auf ein Bord und benennt sie nach Frauen, die sich gegen den Landraub zur Wehr setzen. - © Kunst Haus Wien / Rudolf Strobl

Kunstprojekte an Schnittstellen zur Wissenschaft

Viele Projekte sind an den Schnittstellen zwischen Architektur, Design, Wissenschaft und Kunst angesiedelt, wobei die Kunst natürlich meist den emotionalen Part übernimmt, außer vielleicht in dem großen zentralen alternativen Land-Art-Projekt "Invocation for Hope",
einer neuen Raumarbeit von Superflex. Eine weitere haben sie für die Architekturbiennale in Venedig erstellt.

400 verbrannte Bäume eines Waldbrands nahe Neunkirchen zeigen den Kreislauf durch die Fruchtbarkeit der Asche: In der Mitte wird eine grüne moosige Oase aus Sträuchern und einem Teich davon genährt. Zudem wird aber auf die Probleme feuergefährdeter Monokulturen hingewiesen.

Als Urahn kann der österreichische Architekt und Maler Max Peintner gelten mit seiner utopischen Zeichnung, die im Stadion von Klagenfurt 2019 zur leider zeitbegrenzten Pflanzung "For Forest" 2019 führte.

Peintners Achtsamkeit der 1970er Jahre taucht am Horizont vieler Projekte wieder auf. Allerdings fehlt dabei der kritische Aspekt des Club-of- Rome-Berichts zu "Die Grenzen des Wachstums", der im Jahr 1972 eine heftige Diskussion über die Überbevölkerung unseres Planeten auslöste. Leider trauen sich weder Wissenschaft noch Kunst, diese Problematik heute radikal und neu zu diskutieren.

Kunstwerke sind in allen Ausstellungen der Vienna Biennale for Change zu finden, von Thomas Bayrles Musterporträt der Umweltaktivistin Greta Thunberg aus Anhäufungen roter Blutplättchen über Johanna Kandls konzeptuelle Bilder sozial-kritischer Beobachtungen bis zu den Resultaten der Feldarbeit der Gruppe "Foster" um Laura Ghisetti und Roman Pfeffer.

Spannend auch, dass Susanne Wenger im Innovation Lab der Angewandten im Postsparkassengebäude mit ihrer nach 1950 begonnenen künstlerischen Wiederbelebung der alten Yoruba-Kultstätten im nigerianischen Oshogbo als ökologische Vorreiterin gefeiert wird. Der Ort ist seit dem Jahr 2005 Unesco-Weltkulturerbe. Die Dystopien rufen in der Galerie im Keller des MAK mit "Climate Pandemics" Künstlerinnen wie Kerstin von Gabain als Horrorfiction auf den Plan. Hier werden dann die Folgen menschlicher Ökophagie sichtbar.

Frauennamen ersetzen botanische Bezeichnungen

Im Kontext steht im Hof und der Garage des Kunst Hauses an der Weißgerberlände die kritische Gartenarbeit von Ines Doujak, die seit der documenta 12 bekannt ist, mit dem Kunstprojekt "Landschaftsmalerei". Das geerbte Archiv aus Samen, Pilzen, Sand, Holz und anderen Naturstoffen eines verstorbenen Freundes, der als Gärtner eine unsystematische Sammlung anlegte, inszeniert sie in drei Variationen in der Garage. Sie füllt das Material in Dosen für Farbpigmente auf einem Bord und benennt es neu, womit sie sich gegen die eurozentristische Wissenschaftsordnung eines Carl von Linné stemmt. So ersetzen die Namen revolutionärer Frauen, die sich etwa in Brasilien dem Landraub entgegenstellen, die alte Systematik. Die Biografien der Frauen sind in einem Buch ebenso wie wie über den QR-Code abrufbar.

Doujak beschreibt ihre Vorgangsweise im Text "Indessen fallen die Vögel vom Himmel". Dazu ist eine fragile Bodenskulptur aus geschwärzten Kürbishälften mit Samen darin integriert, die im Licht einer Bodenleuchte einen unheimlichen Charakter entfalten.

Ines Doujaks neue Kunstgeschichtsschreibung gegen die Tradition der Landschaftsmalerei als subjektives Genre, das sich parallel zur kolonialen Inbesitznahme in Europa entwickelte, wird auch mit der zweiten Installation, "Landraub", an Bäumen im Hof und vor dem Kunsthaus auf Tafeln sichtbar. Sie zeigen alte Apfelsorten und beklagen damit nicht nur das Ende der Artenvielfalt: Kombiniert mit Zitaten zum weltweiten Landraub, prangern sie die Aneignung ländlicher Gebiete durch Konzerne des globalen Nordens, aber auch durch staatliche Institutionen an. So entpuppen sich die netten alten Apfelbildchen letzten Endes lediglich als ein einseitiges Wunschdenken.