Malroboter mit vier PS (Pinselstärken): Gebaut und benutzt von Niki Passath. 
- © Lukas Feichtner Galerie

Malroboter mit vier PS (Pinselstärken): Gebaut und benutzt von Niki Passath.

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Er hat denselben Vornamen wie der wahrscheinlich berühmteste Autofahrer Österreichs aller Zeiten (Niki), und passenderweise überfährt er jetzt dauernd die Malerei, die natürlich auch das nicht umbringen wird, besonders weil er es überaus künstlerisch und einfühlsam macht (und die Bilder dabei genau genommen erst entstehen), wobei seine selbstgebauten Fahrzeuge allerdings eher ausschauen, als wäre sein Vorname Viktor. Und sein Nachname Frankenstein.

Niki Passath ("Ich mag’s roh!") ist nämlich ein Konstrukteur von liebenswerten Malrobotern, die mit ihrer brutalen WYSIWYG-Ästhetik (What You See Is What You Get) ein bissl daherkommen wie Frankensteins Spielzeugautos. Überall hängen ihnen Drähte raus und die Innereien werden nicht gschamig unter einer verhüllenden Karosserie versteckt. (Was ist das hier für ein Bauteil? "Ein Mikrocontroller." Und die Räder? "Sind Räder." Nein, ich meinte: Woher SIND die? "Aus dem 3D-Drucker." Mit der Düse zeichnet er dann gleich wie mit einem Stift weiter. Den Pinselhalter zum Beispiel.)

Die neueste Generation hat der begnadete Bastler, der ein Fan der Unvollkommenheit und ein Improvisationstalent ist, gerade ein paarmal live vorgeführt. In der Lukas Feichtner Galerie. Inzwischen parken die kinetischen Objekte, die bis zu vier PS haben (Pinselstärken), friedlich auf Sockeln wie stinknormale Skulpturen, doch während Letztere in der Regel stubenrein sind, haben Erstere ihren Parkplatz "markiert".

Angst vor dem Paintinator?

Die Galerie vom Lukas Feichtner oder das Atelier vom Niki Passath? Beides. Zumindest bis das dritte telerobotische Gemälde fertig ist. 
- © Lukas Feichtner Galerie

Die Galerie vom Lukas Feichtner oder das Atelier vom Niki Passath? Beides. Zumindest bis das dritte telerobotische Gemälde fertig ist.

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Waren die Robocassos früher noch selbstfahrend und mit ihren Sensoren, einprogrammierten Handlungsanweisungen und Algorithmen mindestens so eigenständig wie Muh-, Tschuldigung: Mäh- und Saugroboter, quasi motorisierte Pinsel mit Einparkhilfe, nimmt ihr Schöpfer sie neuerdings wieder mehr an die Leine, indem er sie fernsteuert. Mit dem Smartphone. (Zumal sich auf jedem Gefährt eine Webseite befinden soll, deren Adresse er anwählen kann.)

Hat er womöglich kalte Füße gekriegt? Sind ihm die Maschinen zu selbständig geworden? Zu gut? Waren sie kurz davor, die menschlichen Maler und -innen arbeitslos zu machen, und er musste ihnen den Stecker ziehen? Hat der Grazer (Jahrgang 1977 und mit einer akademischen Ausbildung in Digitaler Kunst) Schiss davor gehabt, eine größenwahnsinnige KK, eine künstliche Kreativität mit Weltherrschaftsfantasien, zu erschaffen? Einen Paintinator, der den gesamten Kunstmarkt niedergemalt, mit seinen vier Pinseln niedergemetzelt hätte und den irgendwer in letzter Sekunde aus Notwehr in einer hydraulischen Presse "flunderisieren", also plattmachen hätte müssen?

Die Rebellion der Pinsel ist jedenfalls vorerst abgesagt, seine Malgeräte auf Rädern (aber nicht nur) spielt der Niki Passath im Moment lieber wie Musikinstrumente, betrachtet sie als Werkzeuge, "die Spuren hinterlassen und so eine Komposition in mehreren Akten erzeugen". (In Akten? Nicht in Sätzen?) Na ja, ist der Pinsel nicht ohnedies ein Streichinstrument? Darüber hinaus hat der ZWEIBEINIGE Künstler bereits als Kind ein anderes solches gelernt: das Cello.

Ein Haustier mit Fernbedienung braucht keinen Namen

Wenn sich Mensch und Maschine eine Leinwand teilen: Ein paar von Niki Passaths "Telerobotic Paintings". 
- © Lukas Feichtner Galerie

Wenn sich Mensch und Maschine eine Leinwand teilen: Ein paar von Niki Passaths "Telerobotic Paintings".

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Mit elf ist er an die Grazer Kunstuni gekommen, mit 17 ("Ich bin einer der wenigen Menschen, die gern von ihrem Versagen erzählen.") haben sie ihn aus der Meisterklasse rausgeschmissen. Warum? Was hat er angestellt? Eh nix. Im Gegenteil. Zu wenig. "Weil ich zu faul war." Was man von ihm in seinem ersten Coronajahr wiederum NICHT grad behaupten kann. Passath: "Das war ein sehr produktives Jahr. Ich würde sogar sagen: das produktivste." Wofür die vollen Galeriewände, die tapeziert sind mit "Quarantäne Sessions" und "kleinen Phantasien", der Beweis sind. (Und ein Kind hat er außerdem gezeugt.)

Den älteren Robotern hat er noch Namen gegeben. P-800? P-1000? Nein, humanere. "Wie Haustieren." (Äh, wer, bitte, nennt seinen Hund Volker? Okay, einen Deutschen Schäferhund eventuell.) Vom Kurt hat er sich gar tätowieren lassen, der hat ihn mehr oder weniger signiert. (Als Readymade.) Oder stigmatisiert. Und die AKTUELLEN Modelle? Wie ruft er DIE? Überhaupt nicht. "Ich sprech’s nicht mehr an." Klar, wozu denn? Schließlich hat er eine Fernbedienung. Nicht, dass nicht jedes "Instrument" seinen individuellen Charakter hätte. Und seine Eigenheiten. Eine Persönlichkeit wäre. Passath vergleicht es mit "Peter und der Wolf", diesem sinfonischen Märchen von Sergei Prokofjew, wo die Oboe eine Ente ist und quakt, die Querflöte vög-, hoppala, falsch: zwitschert wie ein Vogel und so weiter.

Robo-Astaire tut sich schwer (mit dem Walzer)

Und auf der flach ausgebreiteten Leinwand kurvt eben der Robobrush mit den vier Wasserpinseln gemütlicher herum, der mit lediglich ZWEI Wasserpinseln ist hektischer, surrt aufgeregt beim Pirouettendrehen (Wasserpinsel, das sind diese Aquarellpinsel für unterwegs, mit einem Wassertank, einem befüllbaren Griff), und der Mann am Steuer des E-Autos (oder E-PINSELS) lauscht aufmerksam dem Sound und wie der Motor schnurrt. ("Da bin ich ganz sensibel. Irgendwas stimmt nicht, wenn’s falsch klingt.") Fast wie beim Eiskunstlauf legt ein Roboter nach dem andern seine Kür hin, während sich die Farben und Formen zu einer immer komplexer werdenden Komposition vermischen. Als sich der Robo-Astaire mit den zwei BREITEN Pinseln beim Tanzen etwas schwertut, stottert, ruckelt, zittert, übernimmt die – Zweitbesetzung? Passath: "Ich weiß nicht, was das jetzt genau ist."

Entscheidungen sind sowieso unentwegt Thema in Passaths Kunst, die philosophische Fragen aufwirft wie die nach dem freien Willen, der Autorschaft oder dem "Wunder" des Lebens. Was ist Intelligenz? Was ist Kunst? Was Kreativität? Und zwischendurch lässt der Performer obendrein gescheite Sätze auf sein Publikum los wie: "Die kleinen Entscheidungen, die wir täglich treffen müssen, führen dazu, dass große Entscheidungen vertagt werden." Wie wahr. Irgendwann darf der Stotterer übrigens wieder mitmachen. "Inklusion" heißt das wohl.

Zwei "Telerobotic Paintings" sind mittlerweile schon im Laufe der Ausstellung vor Zuschauern entstanden. Bzw. zweieinhalb. Der Polargraph, der vor dem ersten baumelt (ein Vertikalplotter; die Gewichte an den Schnur-Enden sind gelbes Plastilin), der hat längst angehalten, hängt bloß so rum. Das dritte Bild hat dafür noch immer nicht genug, wartet im ersten Raum, der zum provisorischen Atelier mutiert ist, nach wie vor sehnsüchtig auf seine Vollendung. Seinem Beginn hab ich fasziniert beigewohnt.

Der Babyelefant trampelt durchs Bild

Ist das "Tele" ("fern" wie in Fernsteuerung) eigentlich eine Anspielung aufs Social Distancing? Trampelt also ständig ein imaginärer Babyelefant (oder robbt ein unsichtbarer Faßmann) durchs Bild? Das Volltanken (mit bunter Tusche oder Grundierfarbe aus großen Spritzen) funktioniert trotzdem nicht mit Ein- oder Zwei-Meter-Abstand zum Malgerät. Und die "Prothese" (ein rotierender Doppelpinsel mit Ein- und Ausschalter) greift der Passath sogar an. Ohne Handschuh. Wie einen Stabmixer. Und mixt damit Schwarz und Weiß. Oder fabriziert saugstarke schwarze Löcher, die sämtliche Blicke der näheren Umgebung in sich hineinziehen.

Das Ergebnis einer "Quarantäne Session": Eine"Pandemische Landschaft". Gemeinschaftsarbeit von Niki Passath und seinen Robotern. 
- © Lukas Feichtner Galerie

Das Ergebnis einer "Quarantäne Session": Eine"Pandemische Landschaft". Gemeinschaftsarbeit von Niki Passath und seinen Robotern.

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Zugegeben, in der Pause bin ich gegangen. Freilich nicht, weil die Darbietung fad gewesen wäre (das war sie definitiv nicht), sondern weil besagte Pause eine Stunde gedauert hätte. Bis nämlich der erste Teil getrocknet wäre. Keine Feuchtgebiete mehr sind die Arbeiten im hinteren Bereich der von Penesta Dika kuratierten Schau. Lauter Koproduktionen. Spannende Mensch-Maschine-Symbiosen. Im weiß grundierten leeren Universum oder vor einem klassisch aufgetragenen Schönwetterblau bäumen sich Cumuluswolken auf, wächst Rundes mit Eckigem, Organisches mit technischem Zeichnen zusammen. Eigenhändige und ferngesteuerte Gesten und die "choreografierten" Linien eines kreuzförmigen Plotters, der penibel schraffierte Grundrisse sauber ausführt (Architektur hat Niki Passath ja ebenfalls studiert), vermehren und verdichten sich wuchernd zur "Pandemischen Landschaft". Oder zur geballten abstrakten Maschinenromantik: "Ein Sommernachtstraum." Zahnräder? Coronaviren? Und dazwischen zerfließen das Orangegelb von Mango-Eis und das Rosa von Himbeer-Eis zu einem kitschig dahinschmelzenden Sonnenuntergangs-Duett.

Da passt nun eine andere von Passaths Weisheiten dazu: "Es gibt keine Natur mehr auf dem Planeten." Nicht? Und das Grüne, in das die Städter jedes Wochenende einen Ausflug machen? "Das ist alles Kultur." Fazit: Ein Gemälde ist keine verkehrsberuhigte Zone.