Es gibt Gefühle, die man verdrängen kann. Liebeskummer zählt nicht dazu. Mag der Orgasmus für Sekunden der kleine Tod sein, so ist Liebeskummer über Wochen oder Monate das große Sterben. Oft endet dieses Sterben nie und nachfolgende Beziehungen, neue Lieben, kriegen kaum Chancen, sich gegen die Schatten dieser einen vergangenen Liebe zu behaupten.

Die Platte von Purple Schulz ist die Erinnerung an das Mädchen aus Berlin. Auch der Autor hat seinen Beitrag geleistet: Einen iPod, drauf ein Lied: Die Geschichte seiner schönsten gescheiterten Liebe. - © Temporäres Museum des Scheiterns der Liebe
Die Platte von Purple Schulz ist die Erinnerung an das Mädchen aus Berlin. Auch der Autor hat seinen Beitrag geleistet: Einen iPod, drauf ein Lied: Die Geschichte seiner schönsten gescheiterten Liebe. - © Temporäres Museum des Scheiterns der Liebe
Gescheiterte Liebe: Sie ist seit Romeo & Julia oder dem jungen Werther eines der großen Themen der Kunst. Gescheiterte Liebe hat sowohl flämische Maler wie auch amerikanische Regisseure bedeutende Werke in die Welt setzten lassen. Gescheiterte Liebe: Sie verbindet alle Menschen mit diesem stechenden Gefühl, das jede und jedem oft bis an die Grenze in Denken und Tun lähmt. Denn es wurde im Schmerz geboren. Nun wird dieses große, dieses riesige Thema in Wien in einer ganz kleinen, fast intimen Ausstellung abgehandelt. Und die ausstellenden Künstler sind Menschen wie Sie und ich.

Andrea Wezdenka (47) und Christopf Manß (61) sind Kulturpersonal-Urgestein. Beide begleiteten Theaterproduktion über Monate hinweg als Regieassistenten - das sind jene Personen, die das Chaos abkriegen, das vor allem überbordend kreative Regisseure gemeinhin anrichten. Wezdenka und Manß, die sich seit Jahren gut kennen, aber kein Paar sind, erzählten sich in langen Abenden auch ihre vergangenen Liebeskummer und erzählten über die Artefakte, die geblieben sind und die erinnern. "Irgendwann", sagt Wezdenka", stelle sich jeder von uns die gleiche Frage: Wäre das nicht DAS Thema einer Ausstellung?" So entstand ihr Temporäres Museum vom Scheitern der Liebe, das nun ausschließlich Donnerstag, dem 10. Juni im "toZomia" im neuen Sonnwendviertel beim Hauptbahnhof zu sehen ist - Wohnblock "Gleis 21", Bloch-Bauer-Promenade 28. Geöffnet ist von 10h bis 22h.

Frauen reden darüber, Männer leiden für sich

Die Stoffschildkröte wurde über die Jahre in andere Leben und Lieben mitgenommen und erinnert - heute recht abgeschunden - an diese eine große Liebe. - © Temporäres Museum des Scheiterns der Liebe
Die Stoffschildkröte wurde über die Jahre in andere Leben und Lieben mitgenommen und erinnert - heute recht abgeschunden - an diese eine große Liebe. - © Temporäres Museum des Scheiterns der Liebe

Ausstellung über die Liebe in der Kunst, das wussten beide, die hat es bereits zur Genüge gegeben. Das Thema holen Kuratorinnen heute nun meistens nur mehr hervor, wenn ihnen kein anderes mehr einfällt. Wezdenka und Manß aber wollen keine Werke akademischer Künstler oder popkultureller Heroen zeigen, sondern Dinge, die beim jeweils Verlassenen, dem Trauerträger zurückblieben. Dazu eine Beschreibung, kurz oder auch ausführlich, die dem Besucher den Gegenstand erklärt. Oft erklärt er auch die Liebe, die da war. Und ein bisschen auch ihr Scheitern.

"Wir haben das Thema letzten Sommer im Freundeskreis zu streuen begonnen", berichtet Wezdenka, "und dieser Freundeskreis hat das Ganze dann über die Sozialen Medien in die Welt getragen, sodass wir am Donnerstag rund fünfzig Hinterlassenschaften diverser Liebesbeziehungen zeigen können." Im Freundeskreis gestreut? Besteht da nicht die Gefahr, dass alle Exponate aus einer sehr bildungsbürgerlichen Schicht kommen? Dass da nicht nur jene beitragen wollen und können, die über ausreichend Worte verfügen, ihren Liebeskummer auch zu artikulieren? "Es ist natürlich so", sagt Christoph Manß, "dass zuerst die schreiben wollen, die sich das auch zutrauen. Aber wir haben dafür gesorgt, dass nicht nur ein Milieu beisteuert. Wenn es weniger Worte gibt, sind die Artefakte dann umso gewaltiger."

Die Geschichte des Schlüssel aber ist dann doch eine ganz andere: Es ist der Schlüssel zur gemeinsamen Kassa, die eines Tages samt Inhalt verschwunden war. - © Temporäres Museum des Scheiterns der Liebe
Die Geschichte des Schlüssel aber ist dann doch eine ganz andere: Es ist der Schlüssel zur gemeinsamen Kassa, die eines Tages samt Inhalt verschwunden war. - © Temporäres Museum des Scheiterns der Liebe
"Rund zwei Drittel der Exponate" wirft Wezdenka ein", kommen von Frauen, "weil Frauen sich offenbar leichter tun, über ihre Trauer zu berichten. Liebeskummer, so stellt es sich immer noch dar, ist ein Gefühl, das Männer meist mit sich verhandeln. Darüber zu erzählen fällt vielen schwer." Eine Ausstellung also, die eher Frauen anspricht? "Nein", entgegnet Manß, "denn Männer werden sich gut in jenen Gegenständen erkennen, die Männer zur Ausstellung beigesteuert haben. Mir ist es auch wichtig zu sagen, dass es hier nicht um rein heterosexuelle Lieben geht. Und dass Liebe nicht mit Sexualität verschränkt sein muss. Wir zeigen beispielsweise auch das Beispiel einer Person, deren Zwilling im Mutterleib verstorben ist."

Rückwirkende Ratschläge und Tränen beim Lesen

Wie war die eigene Befindlichkeit beim Lesen der beigesteuerten Beschreibungen, die die oft banalen Gegenstände erst erklären? "Oft will man rückwirkend dann einen Ratschlag geben", sagt Manß, der auch Psychologie studiert hat, "denn man erkennt gewisse Muster, in die die oder der Betroffene wohl wieder hineinkippen wird. Aber das ist dann doch nicht unsere Aufgabe." "Bei manchen Briefen kamen mir schon die Tränen", erzählt Wezdenka, "weil man sich natürlich an eigenen Kummer erinnert. Aber es ist in der Ausstellung auch gut zu erkennen, wie sehr die Zeit dann doch das Leid geringer macht oder ganz verfliegen lässt. Das liest man vor allem in jenen Berichten, die von einem Scheitern erzählen, das schon einige Jahre zurückliegt. Die sind oft kurz und genau und erzählen auch von der Freude, dass diese Liebe da war."

Was sollen die Besucher aus dieser Ausstellung mitnehmen? "Vielleicht", sagt Manß, "dass sich auch aus persönlichen Gefühlen Kunst gießen lassen kann, dass wir alle Schaffende und soziale Skulpturen sind."