Ich kann wirklich nicht behaupten, ich hätte alles verstanden (Betonung auf "alles", nein, Tschuldigung: auf "verstanden"), obwohl mir Ingrid Cogne geduldig besagtes Alles erklärt und dabei gleich einmal klargestellt hat, dass das hier keine Unterhaltung wäre, kein Gespräch, sondern ein Interview. (Da unterscheidet sie streng.) Oder behaupten könnte ich es natürlich schon, aber es wäre schlichtweg gelogen.

Wahr ist allerdings: Man kann erstens auch von etwas fasziniert sein, bei dem man NICHT ganz durchblickt (von der Relativitätstheorie, den Verordnungen des Gesundheitsministeriums . . .), und zweitens verschränkt die in Wien lebende und forschende Französin ihre komplexe Gedankenwelt durchaus raffiniert mit dem Sinnlichen (oder mit dem Unsichtbaren, Immateriellen). Jedenfalls schafft sie es, die Spannung aufrechtzuerhalten. Dass man nicht sofort die Flucht ergreift. (Weil man glaubt, man wäre eh zu blöd.) Außerdem habe ich Wittgensteins "Tractatus logico-philosophicus", aus dem ich noch weniger schlau geworden bin, doch ebenfalls zu Ende gelesen, bis zum letzten Satz, und den hab ich schließlich begriffen: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."

Betreten auf eigene Gefahr: Ingrid Cogne hat in den Salon Real eine Stolperfalle eingebaut ("Rond de Jambes"). 
 - © Copyright: Ingrid Cogne/galerie michaela stock
Betreten auf eigene Gefahr: Ingrid Cogne hat in den Salon Real eine Stolperfalle eingebaut ("Rond de Jambes").

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Immer nach unten schauen!

Passend zu Michaela Stocks hybrider Galerie (physisch betretbare Räumlichkeiten in der Schleifmühlgasse und virtuelle im Internet), wo ständig zwischen den Realitäten hin- und hergeswitcht wird, ist Cogne selbst eine multiple Persönlichkeit, nämlich Künstlerin und Forscherin. Eine, die nicht unbedingt fertige Lösungen anbietet. Eine, die die Leute eher anstößt, sich als "Activator" sieht. (Bequem zurücklehnen kann man sich demnach nicht.) Und obendrein ist sie noch Dramaturgin, Choreografin, hat früher getanzt und Volleyball gespielt, und was sie besonders sympathisch macht: "Ich bin ein Kind, ich bin verspielt." Zweideutigkeiten mag sie sowieso. Wie nicht zuletzt der Ausstellungstitel beweist: "Causer" – das französische Verb lässt sich übersetzen mit "verursachen" oder "plaudern". Also WAS jetzt? Beides.

Das mysteriöse "Object of communication": Die graue Schachtel von Ingrid Cogne macht es spannend, zeigt hier bei der Peepshow nicht zu viel her. 
 - © Copyright: Ingrid Cogne/galerie michaela stock
Das mysteriöse "Object of communication": Die graue Schachtel von Ingrid Cogne macht es spannend, zeigt hier bei der Peepshow nicht zu viel her.

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Achtung: Im Salon Real, diesem voll funktionstüchtigen Wohnzimmer im Art-déco-Look, hat das Multitalent, das gern die Wahrnehmung durch subtile Eingriffe verändert, zwischenmenschliche oder zwischendingliche Beziehungen diskret sichtbar macht, eine Stolperfalle installiert. Transparentes, farbloses Acrylglas voller Löcher schlängelt sich unauffällig durch die zentrale Sitzgruppe, kurvt hinterhältig als über dem Boden schwebendes S, das mit den Rundungen des Couchtisches korrespondiert, zwischen den Tisch-, Sofa- und Sesselbeinen herum, wobei sich der eine oder andere Holzhaxen, der wie beim Ballett gespitzt ist, "einlocht" (und tatsächlich ist die Arbeit nach einer klassischen Tanzbewegung benannt, bei der das Bein schwungvoll einen Kreis beschreibt: "Rond de Jambes"). Ein spielerischer konzeptueller Konstruktivismus, der sich in die Welt der Gegenstände einschleicht.

Diesmal hängt auch an den Außenwänden vom Salon Virtual was. Und Ingrid Cogne spricht zu uns und sich selbst. 
 - © Copyright: Ingrid Cogne/galerie michaela stock
Diesmal hängt auch an den Außenwänden vom Salon Virtual was. Und Ingrid Cogne spricht zu uns und sich selbst.

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Würfel können mehr, als bis sechs zählen (bis sieben?)

Kommunikation: "der" zentrale Begriff im Werk der forschenden Künstlerin (wie die Idee einer Zirkulation des Wissens: "Wissen muss in Bewegung bleiben!"). Und was sind Stühle anderes als Platzhalter für (potenziell gesprächsbereite) Menschen? Entsprechend kann man sich vor dem Elektrokamin mit Cogne gemütlich zusammensetzen, ein – kostenpflichtiges – Gespräch mit ihr buchen (na ja, eine Gesprächstherapie ist doch auch nicht umsonst). Ich bin übrigens gestanden. Gratis.

Zwei Sessel in einem bunten Dialog (Foto einer von Ingrid Cogne handgemachten Montage). 
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Zwei Sessel in einem bunten Dialog (Foto einer von Ingrid Cogne handgemachten Montage).

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Der Sessel beim Schreibtisch drüben ist zwar für einen allein, dafür hat Cogne dort einen zweiseitigen Brief für den Besucher hinterlegt, eine Mischung aus Einladung und Danksagung. Einen Brief schreiben: eine ANDERE Form der Kontaktaufnahme. (Anders als was? Als die Stolperfallenmethode?) Und wozu ist der Schreibblock da? Für den Antwortbrief? Oder falls man sich beim Lesen von Cognes Dissertation (gleich daneben) Notizen machen will?

Das kryptischste Opus lauert freilich auf der Kommode: eine unscheinbare graue Schachtel, die ein ominöses "Object of Communication" enthalten soll. Für ein Handy ist sie definitiv zu groß. Ein bissl was hat sie ja von einem Überraschungsei. Bloß dass sie MEHR als drei Dinge auf einmal zu bieten hat (was Spannendes, was zum Spielen und Schokolade) und man nix davon essen kann. Gut, es gibt zwei verschluckbare Kleinteile. Und was ist nun drin? Sechs bizarre "Bauklötze" aus dem 3D-Drucker, die sich durch drei bunte Acrylglasscheiben (die "Filter") schieben, zwei Würfel (einer mit den extravaganten Grundrissen der Klötze drauf, auf den Seiten des andern die Wörter "Context", "Content", "Format", "Situation", "In-Between" und "How" – zum Reden BRAUCHT man eben Wörter) und eine Art Spielanleitung. Ein Gesellschaftsspiel? Ein Puzzle?

Viel mehr. Bzw. in den Worten seiner Schöpferin: "Es ist ein sexy Objekt. Aber es ist mehr als sexy." SUPER sexy? (Und super süß?) Super KOMPLIZIERT! Noch dazu ist die Schachtel nicht lediglich die Verpackung, sondern Teil des Spiels, lässt sich weiter entfalten, aufklappen in allerlei Begriffe und Aussagen. ("Re/Search is analyzing the doing while being in the doing", zum Beispiel. Hm. Forschen bedeutet, das Tun während des Tuns zu analysieren? Klingt ziemlich meta-. . . irgendwas.) Okay, diese multiple Box (Kunstwerk, Buch, Spiel- und Werkzeug, elaborierter Spickzettel und Stichwortgeber in Workshops, ein Souffleurkasten quasi, und ein Wissenszirkulator . . .) ist das Ergebnis jahrelanger Forschung. (Cogne: "Es wurde nicht in einer Woche gemacht.") Frage: Wie benutzt man eigentlich die zwei Würfel? Antwort: "Du nimmst sie einfach und wirfst sie."

Wo Stühle Sit-ups machen

He, der Salon Virtual (https://artspaces.kunstmatrix.com/en/exhibition/2861719/salon-real-virtual-8-ingrid-cogne-causer), der virtuelle Teil, in den man von überall einsteigen kann (von der eigenen Couch mit dem Handy in der Hand oder dem Laptop auf dem Schoß – oder man macht vom Salon Real einen Abstecher nach nebenan, in den kahlen White Cube, weil da der Bildschirm größer ist, und benutzt die handliche Fernbedienung), der ist ja genauso eine graue Schachtel! Gewissermaßen. Ohne Deckel steht er in den unendlichen Weiten des virtuellen Weltraums rum, in der weißen Leere. Das an sich minimalistische Innenleben ist farblich dagegen maximalistisch. Knallgelb. Und höchst vital. Cogne hat hier fruchtbar mit der Virtual-Reality-Künstlerin Line Finderup Jensen zusammengearbeitet.

Und Galeristin Stock hat sich sogar extra einen neuen Computer besorgen müssen, weil der alte die Datenmengen nimmer derpackt hat. (Kein Wunder, dass mein antikes Notebook daheim total heißgelaufen ist, den Hitzekoller gekriegt hat.) Denn unentwegt machen "Ghost Chairs" (Geistersessel) Gymnastik, regelrechte Sit-ups. Bewegen sich in Raum und Zeit. Tauchen plötzlich aus dem Gelb auf, und bevor sie wieder komplett darin versinken, gruppieren sie sich noch zu zweit, zu dritt oder zu sechst um eine bunte "Stolperfalle" (ähnlich jener aus dem Salon Real), tunken ein Beinchen ein. Fußfesseln für Stühle? Kerzengerade wie ein Lineal oder geknickt wie ein Zollstock (oder kreisrund), sind die ins Virtuelle übersiedelten Plexistaberln und -scheiben aus der Serie "SETTING – SEATING – SITTING" weniger Instrumente zur Längenbestimmung als Beziehungsmesser. Deren Titel wiederum sind Wortspiele, sind verspielt wie die forsche(nde) Künstlerin. "Causeuse": "kleines Sofa", nämlich eins für zwei Personen, und "gesprächige Frau". "Indiscret": der "Neugierige" und ein "schwatzhafter Mensch". Und der dritte "tänzelt" erneut im Ballettjargon: "Grand jeté" (das "große Werfen", der Sprung von einem Bein aufs andere).

Mit sich selber um die Wette plappern

Oh, die Wände sind in der Werkliste verzeichnet, sind gleichfalls ein Werk. Weil sie vorher noch nicht dagewesen sind, in die "Kunstmatrix" erst hineinprogrammiert werden mussten. Und warum sind sie gelb? "Hast du ein PROBLEM mit Gelb?" Nein, wieso? Geradezu eine Leitfarbe, die sozusagen einen Fuß in beiden Realitäten hat. (Wie das Grau.) Dieselbe Farbe hat das Briefpapier! Und die winzige MUSICBOX ist gelb, das Schachterl mit dem USB-Stick drinnen, auf den der Sound gespeichert ist, der losgeht, sobald man aus der VIRTUELLEN grauen Schachtel heraustritt und an einer der Außenwände, die mit warholbunten Stühlen in diversen Gesprächssituationen aufgepeppt worden sind (farbstarke Fotos von handgemachten Montagen), den Schriftzug "à manipuler WITH CARE" entdeckt. ("IC-MG" – so wie AC/DC? Falsch. Wie Ingrid Cogne und Milena Georgieva. Auch Kollaboration benötigt Kommunikation.)

Zu irgendwie unruhig machenden Klängen doziert und plappert Cogne sechs Minuten lang auf Englisch und Französisch, manchmal mit sich selbst um die Wette, fällt sich selber ins Wort, bekennt sich zu ihrem Glauben ("I believe in manipulation, in destruction as well": Ich glaube an Manipulation, an Zerstörung ebenso) oder fragt sich und ihr Publikum: "If I’m crazy? No. If I’m silly? A bit." (Ob ich verrückt bin? Nein. Ob ich albern bin? Ein bisschen.)

Zeit für meinen letzten Satz: Worüber man im Grunde nicht sprechen kann, weil man sich zu wenig auskennt oder fast nur Bahnhof verstanden hat, obwohl niemand "Bahnhof" GESAGT hat, darüber muss man schreiben (was ich hiermit getan habe).