Der Mensch ist früher auf dem Mond gelandet als auf dem Grund des Meeres. (Lebend jedenfalls.) Und das, obwohl sich der Meeresboden immerhin auf seinem eigenen Planeten befindet. Hugo Canoilas, 1977 in Lissabon geboren, der Stadt am Atlantik, heute domiziliert und malt er in Wien, der Stadt an der Donau, ist mit seinem Pinsel zuerst in die Tiefsee abgetaucht und mit seiner Malerei nachher in die tiefsten Regionen der Galerie Martin Janda vorgedrungen, nämlich bis ins Souterrain. Und ist die finstere Tiefsee, in der es keine Lichtverschmutzung gibt, dafür Plastikmüll, und wo höchstens die Biolumineszenz als Nachtlicht brennt (oder in die ab und zu die Scheinwerfer eines Tauchroboters hineinleuchten und die "Aliens" aufschrecken), nicht so etwas wie der Keller der Ozeane?

Als Träger des Kapsch Contemporary Art Prize 2020 bespielt Canoilas gerade das Mumok mit dem begehbaren Seestück "On the extremes of good and evil", hat einen Raum mit einer installativen Marinemalerei geflutet. Den Boden, wohlgemerkt. Das Festland. Viel Blau mit gestrandetem Getier aus Glas und Wolle. In der Eschenbachgasse hingegen hängen seine süffigen Bilder von submarinen Spezies, bei denen es sich mitunter genauso gut um außerirdische Lebensformen handeln könnte, brav an den Wänden (okay, und auf einer Vorhangstange).

Das Weltall ist ins Meer geplumpst:Hugo Canoilas hat die Black Eye Galaxie unter Wasser entdeckt. 
 - © Courtesy: Galerie Martin Janda, Foto: kunst-dokumentation.com / Manuel
Das Weltall ist ins Meer geplumpst:Hugo Canoilas hat die Black Eye Galaxie unter Wasser entdeckt.

- © Courtesy: Galerie Martin Janda, Foto: kunst-dokumentation.com / Manuel

Stille Aquarelle sind tief, Acrylbilder noch tiefer

Wie Alice erkundet er sein Wunderland, freilich nicht jenes hinter den Spiegeln, sondern das unterm Meeresspiegel. Fertigt gefühl- und hingebungsvoll Naturstudien von den phantastischen Kreaturen an. Notgedrungen anhand der Aufnahmen von Tauchrobotern, die die unheimlichen Wesen aus einer fremden Biosphäre theatralisch anstrahlen und mit ihrem unwirklichen, grellen Licht aus der Nacht pflücken. Einem Nautilus begegnet man halt nicht beim Schnorcheln.

Liebling, ich habe die Plejaden geschrumpft! (Auf Chihuahua-Größe.) Und eigentlich nicht ich: Der Hugo Canoilas war's. 
 - © Courtesy: Galerie Martin Janda, Foto: kunst-dokumentation.com / Manuel
Liebling, ich habe die Plejaden geschrumpft! (Auf Chihuahua-Größe.) Und eigentlich nicht ich: Der Hugo Canoilas war's.

- © Courtesy: Galerie Martin Janda, Foto: kunst-dokumentation.com / Manuel

"Buoyant" ("schwimmfähig, schwimmend" und zugleich "lebhaft, beschwingt") heißt die Ausstellung, und die organischen Formen scheinen tatsächlich in der dünnflüssigen Acrylfarbe munter davonzuschwimmen, in abstraktere Gewässer abzudriften, zu beginnen, sich in pure malerische Schönheit aufzulösen, ohne dabei zu "verwässern". STILLE Aquarelle sind ja schon tief. Diese farbstarken Dramen in wasserlöslichem Blau, Orange, Pink, die von der nicht grundierten Leinwand gierig aufgesogen werden, sind allerdings bereits richtiggehende Aquarien.

Im Keller haben die Oktopusse (auf den Vorhang gemalt von Hugo Canoilas) ihren großen Auftritt. 
 - © Courtesy: Galerie Martin Janda, Foto: kunst-dokumentation.com / Manuel
Im Keller haben die Oktopusse (auf den Vorhang gemalt von Hugo Canoilas) ihren großen Auftritt.

- © Courtesy: Galerie Martin Janda, Foto: kunst-dokumentation.com / Manuel

Er holt uns die Galaxien vom Himmel

Eine Analogie zwischen den beiden unendlichen Weiten (denen unterm Blau der Ozeane und denen jenseits des Himmelblaus) stellt der Maler in seinen Bildtiteln her, indem er die Meeresbewohner nach Galaxien oder Sternenhaufen benennt. Nach der Black Eye Galaxie etwa, die wegen des dunklen Flecks nördlich des hellen Kerns, des "Augenlichts", ausschaut, als hätte sie ein Veilchen. (Das englische SCHWARZE Auge ist im Deutschen schließlich blau.) Auch bekannt als die "Sleeping Beauty Galaxy". Ach, Dornröschen wurde von der 13. Fee ausgeknockt? Nicht von einer vergifteten Spindel gestochen?

Das Gemeine Perlboot ("Pearly Nautilus") erklärt Canoilas trotzdem nicht zum Raumschiff. Abgesehen davon bewegt sich dieser Kopffüßer, der über bis zu 90 Fangarme und ein getigertes Gehäuse verfügt, bestimmt nicht mit Warpgeschwindigkeit fort. Nein, der zuckelt mit maximal zwei Zentimetern pro Sekunde schaukelnd durch den Pazifik. Lese ich da die Frage heraus, ob im All Leben existiert? Tut es logischerweise. Noch. Auf der Erde beispielsweise. Oder liegt die vielleicht NICHT im Universum?

Quallen bellen trotzdem nicht

Zwei Glasgeschöpfe (Glas: eine erstarrte Flüssigkeit) sind ebenfalls an Land gekrochen, aus ihrer Schmelze, und sinnlich erstarrt. Erzählen von der Zerbrechlichkeit des Lebens. "Pleiades" (nach dem "Siebengestirn" im Sternbild Stier): ein fragiles, blaues, qualliges Viecherl. Klein wie ein Chihuahua. Irgendwie niedlich. Man möcht’s direkt streicheln. Und "Andromeda" (wie der galaktische Nebel): ein weniger eleganter Organismus. Ein primitiver, blubbernder, gelber Fladen, der sich faul und schlapp der Schwerkraft hingibt.

Im Keller spielt es sich dann ab. Der Vorhang, der sich quer durch den Raum zieht, ist zu, die Aufführung dennoch in vollem Gange. Auf den Stoffwellen winden sich Oktopus-Tentakel, wühlen das opulente pittoreske Geschehen ästhetisch auf. Beschauliche Action. Die Sehnsucht des Malers nach einer unberührten Natur und nach ungestörter Romantik? Oder Umweltschutz durch eine besonders attraktive, zu Empathie animierende Darstellung eines gefährdeten Lebensraums? Jetzt ist die Malerei so oft DOCH nicht gestorben, wäre jammerschade, wenn nun ihre MOTIVE nicht überleben würden.