"Als Schmuckstück und Prachtpalast ist das Gebäude sehr prägend. Wir müssen erst herausfinden, wie wir uns dazu verhalten werden", sagt Johan F. Hartle. Fast ein wenig staunend und ehrfürchtig führt der Rektor der Akademie der bildenden Künste Wien durch das frisch renovierte Hauptgebäude am Schillerplatz. In der zweiten Augustwoche wird er selbst hierher übersiedeln können. Sein Amt musste er im Herbst 2019 noch im Ausweichquartier in der ehemaligen WU antreten.

Die prachtvolle Aula mit den Deckengemälden von Anselm Feuerbach soll künftig Zentrum des Gebäudes und auch wieder für Veranstaltungen zugelassen sein. Dass "Der Titanensturz" Teil eines herrschaftsverherrlichenden Architektur- und Bildprogramms war, ist für eine freie Universität heute ebenso problematisch wie die Tatsache, dass ein hier angebrachtes Heldendenkmal ausgerechnet von Josef Müller (1879-1968) stammt, der neben dem "Siegfriedskopf" in der Wiener Hauptuni und dem Luegerdenkmal am Ring auch Hitler-Büsten geschaffen hat. Wie man damit umgehen werde, müsse sich nach der Rückbesiedelung erst allmählich herauskristallisieren, meint Hartle beim Baustellenrundgang mit der APA.

Die Aula der Akademie der bildenden Künste Wien. Das Gebäude der Akademie am Schillerplatz in Wien wurde renoviert und modernisuert.  - © APA/ROLAND SCHLAGER
Die Aula der Akademie der bildenden Künste Wien. Das Gebäude der Akademie am Schillerplatz in Wien wurde renoviert und modernisuert.  - © APA/ROLAND SCHLAGER

Räume zum Schreiten

Mehr Sorgen als die Aula bereitet ihm die Aura, die das durch die "Renovierung allerhöchster Güte" herausgeputzte Gebäude ausstrahlt. "Die Räume neigen dazu, einen zum Schreiten zu zwingen", sagt der Rektor und zitiert den kursierenden "Running Gag" unter den Akademieangehörigen, man werde hier künftig in Filzpatschen zum Unterricht erscheinen müssen. Tatsächlich sind auch die Deckenmalereien in den Gängen mit größter Sorgfalt wiederhergestellt worden und wirkt die Bibliothek mit ihren originalen Möbeln von Theophil Hansen mehr Ehrfurcht einflößend denn zum Gebrauch einladend.

"Das ganze Gebäude ist ein Meisterwerk des Trompe-l'œil", begeistert sich Hartle und verweist auf aufgemalte Lüftungsgitter, hinter denen sich keine entsprechenden Schächte befinden, auf aufwendige Deckenintarsien, die in Wahrheit jedoch gemalt sind, und per Hand aufgetragene Scheinmaserungen bei Holzverkleidungen und Türen. "Es heißt schon, bei uns sei jede Türe ein 'Maserati'", scherzt der Unichef, der es nicht erwarten kann, dass sich in den wunderschönen Bibliotheksräumen der nun dominierende Geruch von Leinöl und Bohnerwachs endlich mit Bücherstaub vermischt. 200.000 Bücher der Akademiebibliothek warten auf ihre Heimkehr. Die Bibliothek wird schon aus Platzgründen als Arbeitsraum, nicht als Ausstellungs- oder Repräsentationsraum genutzt werden.

Raumeroberung

Schon vor eineinhalb Jahren musste Hartle bekanntgeben, es bedürfe "einer neuen Raumeroberung", da nach der Rückübersiedlung ein zwischen 2.000 und 3.000 Quadratmetern großer Raummangel herrschen werde. Diesbezüglich befinde man sich in guten, finalen Gesprächen mit der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), zu denen man aber noch nichts Konkretes sagen wolle. Neuen Raum bekam die Akademie im Hauptgebäude nur unter dem Innenhof: Hier wurde ein unterirdisches Depot für das Kupferstichkabinett mit seinen 100.000 Druckgrafiken, 40.000 Zeichnungen und 22.000 Fotografien samt angeschlossenem, 520 Quadratmeter großem Studiensaal errichtet - die umfassendste bauliche Maßnahme bei dem 70 Mio. Euro brutto teuren Renovierungsprojekt, bei dem die spannendsten Momente jene waren, "bei denen festgestellt wurde, dass die alten Baupläne nicht in allen Details mit der Wirklichkeit übereinstimmten".

Der Anatomiesaal im neuen Farbton: Bei der Renovierung wurde unter den weißen Wänden die originale Farbgebung entdeckt und wiederhergestellt.  - © APA/ROLAND SCHLAGER
Der Anatomiesaal im neuen Farbton: Bei der Renovierung wurde unter den weißen Wänden die originale Farbgebung entdeckt und wiederhergestellt. 
- © APA/ROLAND SCHLAGER

Während die noch bis 22. August ins Theatermuseum ausgelagerte Gemäldegalerie, deren künftige Leitung bis Herbst feststehen soll, bereits vor einige Jahren instand gesetzt wurde und am 8. Oktober mit der vom Kurator_innentrio Raqs Media Collective gestalteten Ausstellung "Hungry for Time" ihren Wiedereinzug feiert, bietet der Anatomiesaal einen wohl schon Jahrzehnte nicht mehr da gewesenen Anblick: Bei der Renovierung wurde unter den weißen Wänden die originale Farbgebung entdeckt und wiederhergestellt. Der nun "eine klar mediterrane Suggestion" (Hartle) ausstrahlende Raum, der künftig für Vorträge genützt werden wird, bekam von den Bauarbeitern einen profanen Beinamen verpasst: Pizzeria.

Neue Energie nach Winterschlaf

5.300 Quadratmeter Wand- und Deckenflächen, 8.200 Quadratmeter Holzböden, 500 Quadratmeter Terrazzoboden und mehr als 600 Fenster wurden in enger Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt saniert. Am 30. Juni wird das 17.800 Quadratmeter Nettoraumfläche umfassende Gebäude nach dreieinhalb Jahren Sanierung wieder an die Akademie übergeben. "Wir sind ein wenig aufgeregt. Endlich manifestieren sich viele getroffene Entscheidungen nun konkret. Und endlich kann unser Gebäude in der Verlängerung der Achse von Museumsquartier und Secession seine wahre Rolle spielen", sagt Hartle. "Für uns als Universität bringt diese Rückkehr an den alten Standort nach dem langen, durch den Umbau und durch Corona bedingten Winterschlaf ein großes Stück Energie zurück." Bis 2027 sollte er zumindest anhalten. Dann steht nämlich der 150. Jahrestag der Eröffnung des Gebäudes an. (apa)