Eigentlich hätte die 17. Architekturbiennale in Venedig vor einem Jahr stattfinden sollen, dann kam Corona. Anreise und Akkreditierung waren komplizierter als sonst, die Dichte an Vorab-Besichtigenden weniger hoch, einiges unfertig, viel ins Netz verlagert. Die Stimmung aber war so heiter und konzentriert wie nie. Endlich wieder Biennale, endlich wieder die Länderpavillons abklappern und den Marsch durch das Arsenale antreten. Es zahlt sich aus. Diese Biennale ist näher am Lebenden als am Gebauten, reflektierter, künstlerischer und stiller als bisher.

"Wie werden wir zusammen leben?" Diese Frage von Kurator Hashim Sarkis, Architekt und Theoretiker mit beeindruckender Hochschulkarriere ist von gesellschaftspolitischer Tragweite. "Wir brauchen eine neue räumliche Vereinbarung. Im Kontext wachsender politischer Spaltung und ökonomischer Ungleichheit rufen wir Architekturschaffende auf, sich Räume vorzustellen, in denen wir großzügig zusammen leben können." 112 Teilnehmende aus 46 Nationen, dazu 63 Länderpavillons befassen sich mit den Lebensbedingungen unterschiedlicher Organismen - Pflanzen, Tiere, Menschen - auf unserem Planeten. Städtebau, Soziologie, Ökologie, Biologie, Wissenschaft und Forschung spielen dabei eine große Rolle.

"Alasiri: Doors for Concealment or Revelation" von Peju Alatise im Nigeria-Pavillon. - © apa /afp / Bertorello
"Alasiri: Doors for Concealment or Revelation" von Peju Alatise im Nigeria-Pavillon. - © apa /afp / Bertorello

"Eine Person ist wie eine Tür: sie zu öffnen, heißt Teil ihres Geheimnisses zu werden", sagt ein Sprichwort der Yoruba. Die Ausstellung im Arsenal beginnt mit einer Installation des Nigerianers Peju Alatise vom Art Accent Studio. Ein Parcours durch menschliche Skulpturen - bemalt, geschmückt - und Türen, aus denen deren Umrisse ausgeschnitten sind. Es geht um Körper, Beziehung und ihre Transformation durch Technologie. "Grove 2021" des Kanadiers Philip Beesley schafft eine assoziative Versammlungsstätte, in der reale und mediale Welt ineinandergreifen. Farnartige, weiße Gebilde aus Kunststoff schweben wie eine Wolkendecke über den Besuchern, am Boden eine Mulde, über die Projektionen flirren Universum, akustisch eingehüllt in wandernden 4D-Sound.

Das ist Nachhaltigkeit

"How will we live together, Chileans and Mapuche ?" Chiles Beitrag von Alejandro Aravena, Gonzalo Arteaga, Victor Oddo, Diego Torres, Juan Cerda. - © apa /afp / Bertorello
"How will we live together, Chileans and Mapuche ?" Chiles Beitrag von Alejandro Aravena, Gonzalo Arteaga, Victor Oddo, Diego Torres, Juan Cerda. - © apa /afp / Bertorello

Leopold Banchini entführt mit Lukas Feireiss und Dylan Perrenoud in die 1970er zu einer Begegnung mit dem charismatischen Architekten Lloyd Kahn. Seine Bücher - Dome Book I (1970), Dome Book II (1971) und Shelter (1973) sind Anleitungen zum ressourcenschonenden Selbstbau und wurden diesbezüglich zu Bibeln. "Sie sollten keine Angst davor haben, mit den Händen zu arbeiten. Fangen Sie einfach an, Sie werden herausfinden, wie etwas zu tun ist," sagt Kahn im Film. Das ist Nachhaltigkeit. Materialökonomie steht auch hinter dem Prototypen eines hocheffizienten, leichten, demontablen Gehäuses aus Karbon- und Glasfasern. Es wurde von einem Forschungsteam um Achim Menges an mehreren Instituten der Universität Stuttgart entwickelt. Computerbasierte Entwurfsmethoden führten zu der Konstruktion, deren Bauteilgeometrie so beschaffen ist, dass sie von Robotern bespannt werden kann.

"Eco to Eco: Learning from Nature" von Sinus Lynge und Tue Hesselberg Foged im Pavillon Dänemarks. - © apa /afp / Bertorello
"Eco to Eco: Learning from Nature" von Sinus Lynge und Tue Hesselberg Foged im Pavillon Dänemarks. - © apa /afp / Bertorello

Auch in der Gegenwart liegen Lösungen. Elisa Silva vom Büro Enlace Arquitectura in Venezuela begegnet den Barrios - informelle Armenviertel - in Caracas mit beobachtender Wertschätzung. Rund die Hälfte der Menschen von Caracas lebt in solchen Quartieren, die nicht als Stadtteile anerkannt sind. Den Barrio La Paloma durchzieht ein Netz von Wegen, Stiegen, Treppen, Plätzen und Gärten, das 1,7 Hektar umfasst. Die dortigen Pflanzen werden gegessen, als Heilkräuter und Abwehr von Insekten verwendet. Ein Modell dieses Geflechts aus Wegen, Gärten und Treppen hängt nun von der Decke, dahinter ist auf Papierbahnen das ,Ethnobotanical Dictionary of Plants from the Garden of La Palomera‘ dargestellt. Die Seele des Barrios wird spürbar. Die Antithese dazu liefert das große amerikanische Büro Skidmore, Owings & Merrill in Kooperation mit der European Space Agency (ESA): Raumkapseln für eine menschliche Besiedlung des Mondes.

Der US-Beitrag von Paul Andersen und Paul Preissner. - © apa /afp / Bertorello
Der US-Beitrag von Paul Andersen und Paul Preissner. - © apa /afp / Bertorello

Der Umgang mit der Erde und ihren Ressourcen, diverse Behausungs- und gemeinschaftliche Lebensformen, Materialforschung, grüne Technologien und virtuelle Realität werden in den Länderpavillons verhandelt.

,Access Is The New Capital‘: mit diesem Slogan stellen die Kuratoren des österreichischen Pavillons, Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer, das Phänomen Plattform-Urbanismus zur Diskussion. Ein brennendes Thema. ,Plattform Austria‘ untersucht den Einfluss von Internetgiganten wie Airbnb, Uber, Amazon auf unser Verhalten, unsere Emotionen, unsere Umwelt und unsere Städte. Plattformen bestimmen den Zugang zu Arbeit, Gesundheitsdienst, Lieferservice, sammeln Daten, registrieren unser Verhalten, vermitteln Freundschaften. Das wirkt sich massiv auf das Zusammenleben aus. "Plattformen sind Medien. Es geht um den Mediencharakter von Architektur."

Die hässliche Kehrseite

Sie erzeugt schöne Bilder, hat aber auch eine hässliche Kehrseite: Verteilungszentren, Container, Lagerhallen, Computerfarmen. Diese zwei Welten werden in den Seitenflügeln - Onstage und Offstage - zu je einer Collage aus über 3.500 überlagerten Bildern gebündelt. In der Mitte: Blogger und Bloggerinnen auf Großmonitoren. Sie tun sich schwer im physischen Raum.

Der deutsche Pavillon - kuratiert von Arno Brandlhuber, Olaf Grawert, Nikolaus Hirsch, Christopher Roth - treibt die Ko-Existenz von digitalem und physischem Raum konsequent an die Spitze. Der Pavillon ist leer - QR-Codes an den Wänden entführen in die fiktive Zukunft des Jahres 2038, von der aus Wissenschaftler, Experten, Studierende und andere darüber erzählen, wie die Corona-Krise des Jahres 2020 überwunden wurde. Das kommt allen entgegen, die in Zeiten der Pandemie auf Venedig-Reisen verzichten wollen.

Israels Kuratoren Michael Gov und Arad Turgeman thematisieren in ,Land. Milk. Honey‘ den Umgang mit Kühen, Ziegen, Honigbienen, Wasserbüffeln und Fledermäusen bei der Besiedelung des gelobten Landes. Der natürliche Lebensraum wurde massiv umgebaut, die Tiere genetisch verändert und zu Produktionsmaschinen von Nahrung optimiert. Erschütternd.

Der dänische Pavillon (Kuratorin Marianne Krogh) tröstet. "Connectedness" ist ein Referenzbeispiel für ein Leben im Kreislauf der Natur. Der Regen, der in Venedig fällt, verändert auch den Pavillon: Die Vertiefung im Boden, die ihn als künstlicher Flusslauf durchzieht, führt Wasser - oder ist trocken. Verdunstung erzeugt Nebel, überschüssiges Wasser bewässert Kräuter, aus denen für durstige Besucher von liebenswürdigen jungen Menschen Tee aufgebrüht wird. Jeder darf sich von den vielen Second-Hand-Tassen aus Dänemark sein Lieblingsstück aussuchen. Es tut gut, in die Vorstellung einer besseren Zukunft einzutauchen.