Tafelbilder sind flach und drücken sich an den Wänden herum, Möbel sind dreidimensional und stehen im Raum. Ganz einfach. (Wobei Letzterer wiederum das ist, was sich zwischen jenen Wänden aufhält, in die die Nägel für besagte Bilder eingeschlagen werden.) So leicht macht es uns der Robert Steng allerdings nicht. Schließlich ist der gelernte Tischler, der in Stuttgart und Berlin lebt, werkt und musiziert (denn Musiker ist er obendrein), ein freischaffender Künstler. Und nicht von ungefähr trägt seine Schau in der Galerie Hrobsky den paradoxen Titel "Flat Space" (flacher Raum).

Noch dazu ist der 1972 geborene Deutsche nicht IRGENDEIN Künstler, sondern ein begnadeter Illusionist, ein Sinnestäuscher. Ein Meister der Irritation. Sein Kunststück: so etwas wie die zersägte schwebende Jungfrau. Nur dass das Holz, das bei ihm abhebt, mehr als läppische zwei Teile hat und bestimmt nimmer jungfräulich ist.

Das Chaos ist eine Präzisionsarbeit

Wie einen Parkettboden puzzelt er gebrauchte Holzstücke zum ultimativen 3D-Effekt zusammen, kombiniert gekonnt Maserungen, natürliche und künstliche Färbungen. Bringt gestapelte Kisten oder aus dem Zusammenhang (nämlich aus der Kommode) gerissene leere Schubladen, lose aneinandergereihte Bretter und streng geometrisch geordnete Quader zum Levitieren. Der Trick dabei: Magie? I wo: Perspektive! Und der richtige Betrachterstandpunkt. Und dass es sich sogar bei der Schlamperei, beim Chaos, selbstverständlich um eine absolute Präzisionsarbeit handelt. Bei den wie zufällig auf einen Haufen geworfene Balken zum Beispiel.

Schwerelos: Robert Steng bringt in der Galerie Hrobsky dasHolz zum Schweben. 
- © Galerie Hrobsky

Schwerelos: Robert Steng bringt in der Galerie Hrobsky dasHolz zum Schweben.

- © Galerie Hrobsky

Was eigentlich brettleben ist wie eine Tischplatte, doch nicht viereckig ist und durchaus ein unregelmäßiges 30-Eck sein kann, hat plötzlich eine enorme, unfassbare Tiefe. Hängt nicht mehr AN den Wänden, hängt vielmehr schwerelos IN deren Weiß, das sich in den diffusen Illusionsraum entgrenzt. Und selbst wenn man sich mit den Fingern persönlich davon überzeugt, dass die Wände eh noch massiv sind und das Holz maximal zwei bis drei Zentimeter dick ist, wenn man sich also vom Schein ins Sein zurücktastet, bleibt man ein ungläubiger Thomas. Weil das vorgegaukelte 3D schlichtweg stärker ist als das reale 2D und man die dritte Dimension beim besten Willen nicht übersehen kann.

Erinnerungen mit Hornhaut

Die Zaubershow unterbricht Leena Naumanen mit einer Kapelle der Stille, die sie mit ihren ruhigen Arbeiten einrichtet, die nicht auf eine schnelle, offensichtliche Wirkung zielen, aufs Wow, nein, die geben ihre Finessen nicht sofort preis (und schon gar nicht aus der Ferne), die muss man sich erst kontemplativ erschauen. Aus intimer Nähe.

Holz ist auch das Material der vor Jahrzehnten als Studentin nach Wien gekommenen Finnin und dessen malerisches Potenzial ihr Thema (wie die Zeit und das, was diese am besten kann: vergehen). Ihren eigenen Wurzeln spürt sie nach, indem sie alte Schindeln integriert, die "zwei, drei Generationen lang" auf finnischen Dächern verwittert und von den Elementen und Naturgewalten des rauen, hohen Nordens bearbeitet worden sind, von Sonne, Wind, Regen, Schnee.

Mittendrin hat Leena Naumanen einen Kontemplationsraumeingerichtet. Mit finnischen  Schindeln und japanischer Tusche. 
- © Galerie Hrobsky

Mittendrin hat Leena Naumanen einen Kontemplationsraumeingerichtet. Mit finnischen  Schindeln und japanischer Tusche.

- © Galerie Hrobsky

In schmale Streifen geschnitten, werden die schroffen, spröden Zeugen des Klimas jenseits des Polarkreises, "wo es drei Monate durchgehend hell ist", auf einen gewölbten, konvexen Untergrund aus Lindenholz geleimt, behutsam zu borkigen Landschaften zusammenfügt, zu pittoresken abstrakten Erinnerungen mit Hornhaut, die von Existenziellem erzählen, von Kultur und Natur, der Vergänglichkeit, und sich zugleich selbstgenügsam der Struktur, der Bewegung, dem Rhythmus hingeben. (Naumanen: "Ich kenne natürlich die Geschichten, aber wenn ich anfange zu arbeiten, lasse ich das alles los.")

Auf Papier und Karton verdichten sich derweil feinste japanische Tuschestriche zur Geruhsamkeit (allein oder als Hintergrundrauschen mit aufgeklebten Holzstreifen vorne). Und die knapp zehn Jahre alten "Markierungshölzer"? (Halbierte Gupfe, der Abstand zwischen den Hälften ist variabel.) Sind auf einmal wieder hochaktuell. (Stichwort: Social Distancing.) Beziehungsgeschichten. Nähe und Distanz. Die Spannung wird folglich im Dazwischen erzeugt. Sollte sich ein Babyelefant in den Spalt zwängen, fällt die schöne Ruhe freilich vom Sockel. Plumps.