Die typischen Rahmen des 19. Jahrhunderts passen eigentlich nicht mehr zu Lovis Corinth (1858-1925), seine Malerei ist eindeutig ein Aufbruch in die Moderne und sein expressiver Pinselstrich weist aus dem Zeitalter des Impressionismus weit in die Zukunft.

Corinths Umgang mit Malmaterie wirkt bis in die Gegenwart der neuen wilden Malerei der 1980er Jahre: Georg Baselitz‘ müde Helden haben große Ähnlichkeit mit dem "Tanzenden Derwisch" des Malers von 1904. Auch die ironische Haltung gegenüber dem prüden Bürgertum ist eine Parallele zu Baselitz‘ Anfängen 1960. Kein Wunder, dass die Nationalsozialisten Corinths Werke mit seinem Schlaganfall 1911 in Bezug brachten, als krank abgeschrieben zeigten sie ihn in der Propagandaschau "Entartete Kunst" neben Oskar Kokoschka. Diese radikale Absage an die Moderne hat der 1925 verstorbene Künstler zum Glück nicht mehr erlebt.

Georg Baselitz‘ müde Helden haben große Ähnlichkeit mit dem "Tanzenden Derwisch" des Malers von 1904 (Abb.). - © Nikolaus Steglich, Starnberg
Georg Baselitz‘ müde Helden haben große Ähnlichkeit mit dem "Tanzenden Derwisch" des Malers von 1904 (Abb.). - © Nikolaus Steglich, Starnberg

Antike Grenzgänge

Vor einem Selbstbildnis wie jenem als Halbakt mit rotem Kopftuch kann man die unbändige Wildheit des mit Vorliebe Feste feiernden Corinth spüren, er wirkt bedrohlich, blickt herausfordernd auf uns. Sinnlichkeit des Fleisches, auf der Brust sprießende Haare und stechender Blick bringen ihn mit Satyrn in Zusammenhang, die in einer großen Mythen-Themengruppe das Zentrum dieser Schau bilden.

Neben antiken Grenzgängen mit Venus und Bacchus zeigt er sich auch nachdenklich an der Staffelei, als neuer Rembrandt im Pelz. Es ist eher seine Gattin, Charlotte Berend, die er in Ballkleidern und maskiert, aber auch oft als Akt in die festliche Richtung rückt. Die Ausstellung beginnt mit jenen Gemälden, die Berend als seine erste Schülerin einer Malschule in Berlin zeigen wie auch als sein wichtigstes Modell. Im Ballkleid, nackt, mit Kindern und sogar schwanger - hier ist Corinth als frühes Vorbild von Herbert Boeckl, Anton Kolig oder Anton Faistauer sichtbar.

Er war vier Jahre jünger als Gustav Klimt, stilistisch aber ein Gegenpol. Wie im Barock ist bei ihm Leben und r Tod eng aneinandergerückt. Es gibt Blumenbuketts, in denen der Totenkopf lauert, es gibt Schlachthausbilder, in denen das Blut als Lebenssaft, das essbare Fleisch genauso wie das Leiden durch die bewegte Maloberfläche in den Sinn kommen.

Vorbilder für diese Gegensätze sind Rembrandt van Rijn, Frans Hals, Peter Paul Rubens und Chaim Soutine. Die Eingliederung in die Kunstgeschichte war ihm als Schüler der Pariser Salonmalerei wichtig, er betrieb mit seiner Frau sogar so etwas wie ein Marketingkonzept, zu dem möglicherweise auch die Änderung des Vornamens von Louis in Lovis gehörte. In drei Secessionen wirkte Corinth, zuerst jener in München, aus der er als Gründungsmitglied 1892 im Streit wieder ausschied, um in Berlin Mitglied zu werden, und jene in Wien, wo er einflussgebend war.

Hier hielt er sich 1909 zur Internationalen Kunstschau und einer Galerieausstellung auf. Er hat zweifellos die psychologisierende Richtung eines Richard Gerstl und Kokoschka beeinflusst, aber auch den Umgang mit der Farbmaterie, dem offenen Pinselstrich. Die Stillleben und Landschaften, vor allem jene bekannte Serie am Walchensee aus seinem Spätwerk verraten, dass er wie die Impressionisten mit Klapprahmen vor dem Motiv gemalt hat. Ein früher Film macht klar, in welcher rasenden Geschwindigkeit er die Pinselhiebe auf die Leinwand setzte, an nur einem Morgen ein Werk vollendete.

Feste und familiäres Leben konnte er durch seine Porträts finanzieren, da blieb er moderat modern, sein später "Herbert Eulenberg" von 1924 galt der konservativen Kunstkritik als "überzeichnet" in der Charakteristik. Die lang geplante Schau über den expressiven Maler vor dem Expressionismus ist eine Kooperation mit dem Saarlandmuseum.