Wer nicht mit sehr gemischten Gefühlen vor den seltsamen Mischwesen der australischen Künstlerin Patricia Piccinini steht, ist sicher Fan seltsamer Wunderkammern und Labore für Klone, auf jeden Fall aber mit einer hohen Toleranzschwelle für Ekel an Fleischlichem ausgestattet. Abjekte Kunst ist seit Jahrzehnten wichtiges Thema in der Diskussion um schwindende Stile, auch in der Kunstphilosophie, seit der Begriff durch Georges Bataille und die Strukturalisten in künstlerische Tendenzen des späten Surrealismus einfloss. Adolf Frohners fleischliche alte Frauen waren danach ein umstrittener Fall am Rande einer Begeisterung für die Art Brut, heute sind die Monsterwesen Piccininis nicht nur zwischen Tier und Mensch angesiedelt, sie sind teilweise behaarte posthumanistische Schöpfungen, haben aber auch Hautfalten statt Haaren, leben als kopflose Rumpfgestalten, umarmen sich, sind niedlich agierende Abzweigungen scheinbar verunglückter Fortpflanzung oder Züchtung. Allein ihre Krallen und Schneidezähne wirken wehrhaft, allerdings kommen sie als empathische Aliens daher, scheinen für niemanden bedrohlich. Sie leben mit an Duane Hanson oder Walter de Andrea erinnernden künstlichen Menschen, meist Kindern, lächelnd in Symbiose.

Gewaltiger Shitstorm

Bei der pandemiebedingten Schließung der Kunsthalle am Beginn von Piccininis Schau "Embracing the Future" ging von diesen ekligen Geschöpfen einer möglichen technologischen Verwandlung im Zeitalter der Klone sofort im Netz ein Shitstorm gegen die Künstlerin los, so gewaltig, dass Kunsthallendirektor Florian Steininger erklärend eingreifen musste. Ob die Aufregung eine Werbung für die rosafleischlichen Kunstwesen war oder nicht, die Frage ist eher, warum dieses Kunst-Highlight der Biennale in Venedig 2003 im australischen Pavillon unseren heutigen Kunstbegriff noch derart strapaziert. Soziale Kunst sind diese Mischwesen, denn sie mahnen, wie grässlich der Mensch für Außerirdische erscheinen mag, wie seltsam unsere Vorstellungen und Kategorien und wie weit fortgeschritten bereits unsere biologisch-medizinischen Eingriffe in die Natur sind. Stört uns der liebevolle Taumel friedlicher Begegnungen mit dem Fremden, oder die Grundidee einer zu wörtlich genommenen "sozialen Plastik" nach Joseph Beuys?

Mutter und Kind? "The Bond, 2016" von Patricia Piccinini. - © Patricia Piccinini
Mutter und Kind? "The Bond, 2016" von Patricia Piccinini. - © Patricia Piccinini

Wenn wir "The Comforter" von 2010 genauerer Betrachtung unterziehen, kommt zum futuristisch-biologischen Aspekt ein viel stärkerer historischer: Piccinini kennt augenscheinlich die barocke Haarfamilie aus Schloss Ambras und andere Abweichungen von der Norm, die früher in die Wunderkammern der Fürsten verbannt und in Praterbuden zur Belustigung vorgeführt wurden und keine Kunst waren. Das mütterliche Mädchen mit ihrer schweinchenrosa Missgeburt am Schoß, deren Mündchen aus dem Brustbereich ragt und die statt einem Kopf Fingerfortsätze austreibt, ist dicht behaart. Natürlich erinnern solche Wesen an David Lynchs Film "Der Elefantenmensch", von dem bereits der Aufruf zu höherer Toleranz ausging.

Uroma aus Willendorf

In Zeiten hitziger Diskussionen zu Rassismus, Gender und Designerbabys in Fruchtbarkeitskliniken können diese Kunstwesen als sich umarmende Paare, stillende Mütterwesen, aber auch männliche Eierträger, Kinder, die jene Aliens willkommen heißen und sogar ein ganzes Feld aus Fleischpflanzerl, in uns das neue "Unbehagen in der Kultur" auslösen. Freud hat die westliche Diskriminierung monströser Körper kaum gestreift. In Krems muss auch der Vergleich gemacht werden mit der fleischlichen Uroma, der prähistorischen "Venus von Willendorf". Ein Kunstwerk, das bis heute im Naturhistorischen Museum steht, zeigt uns, dass vor allem unsere Ordnungen fraglich.

In was für Kunst-Schubladen verfrachten wir diese "animalamorphen" Hybride? Da uns das veraltete Schema der Kunstgeschichte nur das außerkünstlerische Vokabular der Moderne vorgibt, von dem Werner Hofmann als wichtiger Anregungsquelle gesprochen hat, könnten wir von Karikaturen sprechen. Das wäre für diese hyperrealistischen Kunstklone aber falsch, doch das Naturhafte und die sexuelle Komponente - egal ob Phallussymbole oder Eierstockformen und ihre Mischungen - hat in unserer Ästhetik neben den alten Monstern immer noch keinen festen Stand.