Eigentlich ist das mit dem Malen doch eh ganz simpel: Man nehme Farbe, und am Ende kommt ein Bild heraus. Gut, jeder hat seinen eigenen Stil, seine persönlichen Vorlieben, mag’s gegenständlich oder abstrakter, hat womöglich sogar eine Lieblingsfarbe. Die drei abstrakten Positionen, die in der Galerie Artecont aufeinandertreffen, sind zwar ebenfalls sehr verschieden, letztlich freilich intime Auseinandersetzungen mit genau demselben: der Malerei selbst. Mit ihren Möglichkeiten. Mit Struktur, Farbe, Wahrnehmung.

Und sie sind äußerst bekömmlich. Also nicht hässlich (um das verpönte Wort "schön" zu vermeiden). Der, der sie aufgehängt hat, Galerist Herwig Dunzendorfer, erwartet sich jedenfalls "ein gewisses minimales Entgegenkommen vom Kunstwerk". Eine sinnliche Erfahrung übers intellektuelle Vergnügen hinaus.

Schön frisiert: Jakob Gasteiger kämmt die Acrylfarbe. 
- © Jakob Gasteiger
Schön frisiert: Jakob Gasteiger kämmt die Acrylfarbe.

- © Jakob Gasteiger

Die Felder post-radikal pflügen

Anderes Wort für Maler, 14 Buchstaben. Lösung: FLACHKUENSTLER. Nicht, dass danach jemals in einem Kreuzworträtsel gefragt würde. Und sooo flach sind die Gemälde hier auch wieder nicht. Die vom Jakob Gasteiger zum Beispiel, dessen "Post-radikale Malerei" grad in der Albertina ihren Auftritt hat. (Außerdem hat "Gasteiger" NEUN Buchstaben.) Ein Meister der sparsamen Geste mit großer Wirkung. Jede Linie hat bei ihm Substanz. Im haptischsten Sinne des Wortes. Weil er die pastose Farbmasse "kämmt" (mit seinen selbstgebastelten Zahnrakeln). Einer, der seine Farbfelder lustvoll pflügt. Mit subjektiver Strenge.

Kräftige, mitunter grelle, schrille Farben unterhalten sich über die Dimensionen hinweg. Führen intensive Dialoge, bis alles vibriert und flimmert. Zwischen poppigen, extrempinken Graten blitzt das Blau des Hintergrunds hervor, zwischen knallgelben ein Rot. Auf einer runden MDF-Platte reißen schwungvolle Rillen ein kühles Tannengrün, in dem ein warmes Feuer aufflackert, ziemlich malerisch mit. Und ein Opus aus dem Jahr 2015 überrascht mit wilden, pechschwarzen Öl-Klecksen. Geradezu ein Action-Painting. Eher untypisch.

Auch er mag's vielschichtig: Michael Kravagna. 
- © Michael Kravagna

Auch er mag's vielschichtig: Michael Kravagna.

- © Michael Kravagna

Malen ist natürlich

Beim Michael Kravagna (ein Klagenfurter in Belgien), der angeblich keine Farbe bevorzugt, keinen dezidierten Liebling auf der Palette hat ("aber es gibt Farben, die mich faszinieren"), erheben sich die Farben gleichermaßen zum Relief. Lagern sich ab und erodieren wieder. Im fleckigen All-over konzentrieren sich Raum und Zeit. Ein ständiges Geben und Nehmen (wobei Ersteres definitiv nicht seliger ist als das Zweitere). Vorgängen in der Natur nicht unähnlich.

Ein einziger Durchgang reicht dem Robert Schaberl genauso wenig. Der hat oft erst nach mehr als 70 Schichten genug. Dabei lässt sich diese Vielschichtigkeit bestenfalls erahnen, dermaßen lasierend ist sein disziplinierter, präziser Farbauftrag. "Mit Licht und mit Farbe" malt er, wie er sagt. Mischt nämlich spezielle Pigmente zu den herkömmlichen dazu. Photonen? Lichtteilchen? So ungefähr. Interferenzpigmente! Mit Flip-Flop-Effekt. Je nach Blickwinkel ändert sich das Kolorit. Wie ein DJ legt Schaberl quasi seine Scheiben auf, seine Kreise, die sich auf der eckigen Leinwand, die zum regelrechten Plattenspieler wird, scheinbar zu drehen beginnen und ihre Töne abspielen, ihre Farbtöne, sobald man sich an ihnen vorbeibewegt. Farben, die unentwegt miteinander tanzen, sich nicht fassen lassen, nicht festlegen, zwiespältig bleiben. Und das Zentrum hebt in die dritte Dimension ab, wächst als Kegelspitze in den Raum. (Ein ANDERER Effekt. Eine optische Täuschung.)

Zum Schluss ein Schwarzes Loch, erzeugt von Robert Schaberl. (Sicherheitshalber Abstand halten!) 
- © Robert Schaberl

Zum Schluss ein Schwarzes Loch, erzeugt von Robert Schaberl. (Sicherheitshalber Abstand halten!)

- © Robert Schaberl

Den Finger nicht ins Schwarze Loch stecken!

Wie "weltfremd" und selbstgenügsam die hypnotisierenden "Zentralformen" des gebürtigen Steirers auch wirken mögen, einen entfernten Bezug zur Realität haben sie dennoch. Der Künstler schwärmt zumindest vom inspirierenden täglichen Drama am Morgen, wenn die Dämmerung allmählich die Buntheit gebiert.

In der Nacht sind ja bekanntlich alle Farben grau (oder noch finstrer). So gesehen herrscht im hintersten Raum strikte Nachtruhe, macht das Auge da eine Entschlackungskur. Auf Gasteigers gefurchtes Asphaltgrau geht ein Nieselregen aus Glitzerpartikeln nieder, Kravagna lässt daneben Schwarz und Weiß nicht als Schachbrettmuster enden, verarbeitet Hell und Dunkel stattdessen zu komplexen Schecken. Und was könnte ein perfekterer Schlusspunkt sein als ein Schwarzes Loch? (Erzeugt vom Robert Schaberl.) Moment. Hätte mein Finger beim Hinzeigen (Jö, ein Schwarzes Loch!) nicht von diesem Schwarz ohne Saugkraftverlust, von seiner unermesslichen Gravitation, "spaghettisiert" werden müssen?