Zens. Einfach Zens. Kurz und bündig. Mit einem langgezogenen Z geschrieben, das mehr wie ein Siebener aussieht. (Dabei war er Künstler und kein Mathematiklehrer.) Einen Vornamen hatte der Zens beim Signieren halt nicht nötig (wie der Picasso), weil sein Werk sowieso unverwechselbar war und ist. (Dessen ungeachtet besaß er natürlich einen: Herwig.) Dass der im September 2019 nach langer, schwerer Krankheit verstorbene Zeichner, Radierer und Maler auch als Mensch ein Unikat gewesen ist, darum geht’s gerade in der Kleinen Galerie.

Die gar nicht so kleine Retrospektive (ungefähr 250 Arbeiten!), die überhaupt keine sein will, aber wohl trotzdem eine ist, begleitet nämlich ein druckfrisches Buch ("Zens persönlich. Ein Skizzenbuch", herausgegeben von Gerda Zens, Edition Sonnenaufgang), das wiederum nicht der KATALOG zur Ausstellung ist. Sonst würde doch das Buch die AUSSTELLUNG begleiten und nicht umgekehrt, oder? Wobei: Wer hier wen begleitet, lässt sich ohnehin nicht eindeutig klären (vermutlich begleiten beide einander).

Einer seiner Schüler ist jetzt lustig

In einer Mischung aus Fotoalbum, Bilderbuch, Materialsammlung (darunter ein Brief des höflichen Siebzehnjährigen an seine spätere Frau Gerda nach dem ersten Rendezvous: "Sehr verehrtes Fräulein Gerda!") und aus jeder Menge anekdotischen Geschichten, erzählt von Mit- und Zens-Schülern, Kollegen, Freunden, Weggefährten, Athos-Mitpilgern bis hin zu Bewunderern wie dem Wiener Bürgermeister Michael Ludwig, der ihm den Goldenen Rathausmann überreicht hat, wird in dem Ding zum Blättern jedenfalls ein farbenprächtiges Porträt vom Zens gemalt, der, 1943 in Himberg bei Wien geboren, eben nicht bloß der mit den Mumien und den Skeletten war. Sondern außerdem (nicht, dass das ein Widerspruch wäre) Pädagoge. Konkret: Zeichenlehrer am Gymnasium (unter anderem der vom Thomas Maurer, mittlerweile Kabarettist) und in weiterer Folge Professor an der Akademie, der sich um die nächste Generation der BE-Lehrer gekümmert hat.

So hat sich der Herwig Zens selber gesehen. Und radiert. Und was sieht der Betrachter? Dass der Zens einer der allerbesten Grafiker war. 
- © Kleine Galerie

So hat sich der Herwig Zens selber gesehen. Und radiert. Und was sieht der Betrachter? Dass der Zens einer der allerbesten Grafiker war.

- © Kleine Galerie

Und ein ausgezeichneter Autofahrer war er, ganz nebenbei bemerkt. Einmal bin ich beeindruckt auf dem Beifahrersitz gesessen, als er mich nach Baden mitgenommen hat, zu seiner Retrospektive im dortigen Frauenbad. Ich weiß noch, wie klein mir seine Füße vorgekommen sind und ich mir gedacht habe: "So klaane Fiaß und tritt so guat aufs Gaspedal." Irgendwann hab ich dann erfahren, dass der Zens in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Kletterer, Rock’n’Roll-Tänzer und – Rallyefahrer gewesen ist.

Anderes Wort für Verstopfung: Salonhängung!

Und was tut sich an den Wänden? Einiges. Besonders auf der "Petersburger Wand". Die hat regelrecht Verstopfung. Die ist quasi aus St. Petersburg importiert worden. Nicht die Wand. Die Verstopfung! Alternativ Salonhängung genannt. Wie in der Eremitage wird bis zur Decke alles draufgepackt, was nicht bei drei vom Nagel gesprungen ist. Lediglich um das zentrale "Selbstporträt in Grün" lässt der Horror vacui, die panische Angst vor der Leere, ein bissl Platz für die Aura. Zens total. Muss man sich als Betrachter und –in voll ins Zeug legen. Kniebeugen machen, in die Höhe springen. Meine Empfehlung: Turnschuhe anziehen. (Oder High Heels.) Und eventuell eine Leiter mitnehmen. Oder wenigstens einen Operngucker. Andererseits hat Galeristin Barbara Mithlinger ein überzeugendes Argument für die Überdosis: "Ich KONNTE nicht reduzieren. Sonst würde es seinem Leben nicht gerecht werden." Und das war nun einmal füllig.

Staunend steht man vor diesem überwältigenden Ausschnitt aus der Zens’schen Schaffenskraft. Der strawanzende Blick bleibt immer wieder hängen: an zwei spanischen Hofzwergen (zumal der Zens in regem Kontakt mit den Alten Meistern stand, sie dauernd paraphrasiert und zitiert hat, den Goya, "Las Meninas" von Velázquez . . .), an einem Stierkampf, einem Porträt von Arnold Schönberg. Jö, ein Stundenplan! Der Tod am Flügel, eine Haydnsonate spielend: Mit wenigen markanten Bleistiftstrichen ist da alles gesagt, ist die Szene präzise erfasst.

Vom Alten Spanier hat der Lehrer selbst immer was gelernt: "Goyavariationen" von Herwig Zens. 
- © Kleine Galerie

Vom Alten Spanier hat der Lehrer selbst immer was gelernt: "Goyavariationen" von Herwig Zens.

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Die Linie gerinnt zum Essenziellen

Das konnte er ja fulminant, der Zens. Sparsam sein, ohne dass einem was fehlt. Prägnant andeuten. Rasch aufs Papier gebrachte Tusche zum Essenziellen gerinnen lassen. Ein versierter "Kritzler". (Was nicht bedeutet, seine oft dichteren, ausführlicheren Radierungen wären weniger einprägsam, in ihrer Wirkung weniger nachhaltig.) Und selbst als Maler war er mehr ein Zeichner, der seine Leinwände nur leider manchmal so angefüllt hat, zugepinselt, als wäre er – ein Maler.

79-mal Zens auf einer einzigen Wand, das ist dennoch nicht sein Weltrekord. Ebenso wenig die Häufigkeit seiner Besuche in der orthodoxen Mönchsrepublik auf dem Berg Athos. (Auf "etwa 60-mal" schätzt sie ein im "Skizzenbuch" erwähntes Gerücht.) Nein, sein radiertes Tagebuch (seit 1977 hat er seine Tage resümierend in Kupferplatten im schlanken Format 5 mal 40 Zentimeter geätzt), DAS ist rekordverdächtig, weil im Laufe der Jahre zur längsten Radierung der Welt herangewachsen.

Der Tod war sein Spezi: "Freund Hein", von Herwig Zens markant in Tusche porträtiert. 
- © Kleine Galerie

Der Tod war sein Spezi: "Freund Hein", von Herwig Zens markant in Tusche porträtiert.

- © Kleine Galerie

Was an dieser einen Wand wie in der U-Bahn während der Rushhour zusammengepfercht ist (von frühen Zeichnungen bis zu den letzten, Existenzielles zwischen Eros und Thanatos), splittet sich im Rest der Schau publikumsfreundlicher und auf Augenhöhe in die diversen Vorlieben, Interessen und Motive auf. Landschaften: städtisch, gern mit Kathedrale. Musik: sein dramatischer Schubert-Zyklus zur "Winterreise". Denn neben der Welt-LITERATUR (Don Quixote) hatte der Zens ein unleugbares Faible für die Welt-MUSIK. Und für die Notenblätter seiner Frau, einer Pianistin und Musikprofessorin. "Tempo steigern – wild hervorbrechen" ist auf einem notiert, das er übermalt oder über-zeichnet hat mit einem schmissigen Konterfei. Zwischendurch Mythologisches: "Der Minotaurus als Vergewaltiger." Und, no na, "das" Thema seines Lebens: der Tod.

Der Tod will beim Tanzen immer führen

Bekanntlich ist das Leben an sich ja schon tödlich, den Zens hat sein Herz freilich bereits sehr früh an die Vergänglichkeit gemahnt. Das war sozusagen sein Memento mori in der Brust. Nichtsdestoweniger ist der skelettierte Gevatter, der Bánane, bei ihm ein fröhlicher Fiedler, sein Freund Hein, ein Lüstling ("Der Tod und das Mädchen" – das klassische Vanitas-Pärchen) und ein begnadeter Tänzer. Der Sensenmann walzt mit jedem, ob arm, ob reich, allegorisch ins Jenseits oder wohin auch immer, "draht" sie alle gleichermaßen "haam". Diese Bildidee aus dem Spätmittelalter aufgreifend, hat der Zens einige makabre Tänze realisiert (den Basler Totentanz, den Lübecker) oder die Aufbahrungshalle in Brunn am Gebirge ausgestaltet.

Ein neues Zens-Buch ist da: "Zens persönlich. Ein Skizzenbuch" (Edition Sonnenaufgang). Anekdoten über den Meister. 
- © Gerda Zens/Archiv Zens

Ein neues Zens-Buch ist da: "Zens persönlich. Ein Skizzenbuch" (Edition Sonnenaufgang). Anekdoten über den Meister.

- © Gerda Zens/Archiv Zens

Auf einer Vernissage hat er mir "g’steckt": "Ich musste nie von meiner Kunst leben, daher kann ich tanzende Gerippe radieren, so viel ich will." Die Fähigkeit zur Selbstironie kann man ihm wahrlich nicht absprechen. Als ich ihn einst in einer Kunstkritik wegen seiner Busenfreundschaft mit den Bewohnern der Katakomben von Palermo kurzerhand zur Ehrenmumie ernannt habe, zur Mumie honoris causa, hat ihn der Heinrich Heuer prompt in einem Brief als "Mum. h. c." angeredet und der Zens hat ihn daraufhin immer noch für den besten Radierer im Lande gehalten.

Und wenn man sich lange genug in den heißen Galerieräumen aufhält, glaubt man den Zens plötzlich überall zu erkennen. Sogar im Saturn, der à la Goya seine Kinder verschlingt. Na ja, die kolorierte Radierung ist zu den PORTRÄTS dazugehängt worden. Genauso wie ein Stierkopf. Ebenfalls ein Selbstbildnis? Ein visionäres? "Wenn ich nochmals zur Welt komme, möchte ich ein Kampfstier werden!" Also sprach Zens. Auch wenn das eher ein Vegetarier einem Torero wünschen würde.