Erstmals war Lois Weinberger 2000 im ehemaligen "Zwanzigerhaus", dem modernen Museum des Belvedere, zu Gast. Die jetzige Schau "Basics" konzipierte er mit seiner Frau Franziska und dem Kurator Severin Dünser mit mehr als hundert Arbeiten im ersten Lockdown kurz vor seinem Tod. Sein "Wild Cube" (1991/2011), ein Käfig aus Rippentorstahl für eine sich darin aus zugeflogenen Samen üppig entwickelnde Flora, hat im Skulpturengarten zwei Ergänzungen, das "Hochhaus für Vögel" und seine tragbaren Gärten in PVC-Taschen, in denen Migranten ihre Habe transportieren. Nun wuchert zufliegendes Unkraut der Kultursteppe Wien darin.

Der "Green Man", ein Foto von 2004, zeigt den Künstler als Plakatmotiv groß in der Schau zwar selbst, grün geschminkt und mit einer zur Sichelmondform geschliffenen Muschel. Jedoch ist diese Figur mehr Alter Ego, ein paganer Waldgott, der in Persien, bei den Kelten und sogar in Japan als Doppelgänger der Natur figuriert, und auch in Form einer ganzen Serie grüner Wasserfarbenbilder als lebendiges Skelett auftritt.

Kunst und Philosoph vereint

Weinbergers auf den Poststrukturalismus konzentrierter kritischer Blick griff auf umfassende Recherchen über Natur und Kunst zurück, um den seit langem propagierten Gegensatz aufzulösen. Visionär gab er Themenkreise vor, die uns seit Jahrzehnten umtreiben: Umwelt-, Migrations- und Demokratiefragen. Er nahm so die künstlerische Forschung und die postkoloniale Betrachtungsweise vorweg. Im Gegensatz zu Joseph Beuys arbeitet Weinberger ohne Starkult und Hierarchie oft im Team, seit 1999 immer wieder mit seiner Frau Franziska, oft auch mit seinen Studierenden. 2018 entstanden die sieben "Basics - die Idee einer Ausdehnung", prometheische Lehmfiguren, die als lustvolle Schöpfung archaisch im Werden bleiben.

Lois Weinbergers grüner Mann ist ein heidnischer Waldgott, der in Aquarellen auch als menschliches Skelett auftritt. - © Belvedere, Wien / Johannes Stoll
Lois Weinbergers grüner Mann ist ein heidnischer Waldgott, der in Aquarellen auch als menschliches Skelett auftritt. - © Belvedere, Wien / Johannes Stoll

Dünser bezeichnet Weinberger zurecht als einen Weisen der Gegenwart, der schon seit 1977 Wissenschaften verknüpfte zur "Ökosophie", frei nach Félix Guattari, oder der Psycho-Ethnologie und soziologischen Archäologie. Dazu verhandelte er den Begriff der Plastik, des Fundstück-Objekts und der Installation völlig neu zu "Einhorn", "Bischof", "Fliegender Stein" oder einem pannonischen Zopf aus Gras. Als Bauernsohn aus Stams in Tirol kokettierte er zwar ironisch mit Schamanismus ("Home Voodoo I"), wurde aber stark von Land Art und Spurensicherung, neben der Konzeptkunst geprägt.

Für Catherine David, die Weinberger 1997 zur documenta X einlud, war er ein politischer Poet, denn auch aus Worten ließ er Gestrüpp werden, das über Zeilen-Ränder ausufert und wie Rhizome unterirdisch weiterwächst. Die Neophyten, die er am Geleise eines stillgelegten Bahnhofs in Kassel damals aussäte, verglich er mit ungeliebten Migranten, die nomadische Krebs- oder Eselsdistel und andere Ruderale wachsen durch seinen Kunsttransfer ohne Bewässerung selbst am Dachgarten des Watari-Museums in Tokyo oder über der Wiener Stadt- und Landesbibliothek im Rathaus.

Zulassen des Achtlosen

Zur documenta 14, 2017, zeigte der Künstler in Athen "Debris Field", Fundstücke, die er 2010/16 mit seiner Frau um und unter seinem Elternhaus neben dem Kloster Stams ausgegraben hatte. Dazu gehört das Foto mit mumifizierter Katze, die er neben Erde wie ein Kind am Arm trägt.

Mitgefühl mit der Natur und Zulassen des Achtlosen war sein Credo, die Randzonen der Städte, in Wien "Gstettn" genannt, seine Wunderkammern. Weinberger bezog neben dem männlichen Starkult immer wieder kritische Stellung zum Kunstmarkt. Er verschenkte, auch als er bereits anerkannt war, viele Arbeiten an seine Freunde. Als ausgebildeter Kunstschmied und Schlosser begann er 1976/77 mit Kunstprojekten wie "Baumfest" Rituale aus der Volkskunst aufzugreifen, er schmückte Bäume, schichtete Flusssteine auf, schuf kunstvolle (Wegrand-)Häuser für Hasen oder Vögel und neben den Käfigen für den Wildwuchs, seine "Gebiete" und Gartenarchive, sowie tragbare Gärten in Taschen und Kübeln.

1998 entstand sein Projekt für die Verwandlung eines riesigen Misthaufens in einen Freizeitpark in Israel: "Hiriya Dump" liegt über einem alten palästinensischen Dorf. In Berlin sieht man ihn nach 1989 den ehemaligen Todesstreifen bewässern. Neben filmischen Beiträgen, auch als Schauspieler, vertraten Lois und Franziska Weinberger Österreich auf der 53. Biennale in Venedig (2009) mit der "Laubreise".