In der dritten Ausstellung der Albertina modern kommt nach Kunst in Österreich ab 1945 ("The Beginning") und einem ersten Blick auf Highlights der Sammlung Essl nun mit "Wonderland" eine Sicht-Erweiterung auf die Fülle an Dauerleihgaben und Schenkungen aus mehreren privaten Sammlungen bis zum Herbst. Im Oktober wird der konzentrierte Blick auf die 1980er Jahre (auch mit einigen internationalen Leihgaben) folgen. Direktor Klaus Albrecht Schröder und Chefkuratorin Angela Stief haben nun aus der Fülle wieder zumeist Malerei mit einigen Skulpturen kombiniert - es gibt keine thematischen Vorgaben, außer, dass das Gemälde der Künstlerin Fiona Rae "Wonderland" von 2004, das mit dem Trompe l’oeil-Effekt glitzernder wie bunter Federn, die aber Pinselstriche sind, überrascht, den Titel für die ganze Ausstellung gibt.

Konfrontationen mit Warhol und Baselitz

Die zu den Young British Artists der 1990er Jahre zählende, in Hongkong gebürtige Rae wird aber - und das passiert auch daneben mit Franz West und der Künstlergruppe Gelatin mit einem älteren Künstler konfrontiert - es ist kein geringerer als Andy Warhol und zur Leichtigkeit der Ornamente wurde seine Auto-Serie gewählt, die wie die "Flowers" einen Gegensatz zu schwermütigen Themen des Stars der Pop Art bildet. Wests Skulpturen und die "Guernica"-Plastilin-Reliefs von Gelatin halten da zwar in der Buntheit und durch die ungewöhnlichen Materialien mit, aber ihr anarchischer Unterton gegen die vorige Bildhauer-Generation lässt neben Ironie auch die Kehrseite der geistigen Reise in die Fantasie, frei nach der klassischen Alice von Lewis Caroll anklingen: Melancholie. Dazu passend auch das am Plakat werbende Künstlerpaar Muntean & Rosenblum mit ihren modischen Jugendlichen ohne Titel.

Federn aus Pinselstrichen: das titelgebende Bild "Wonderland" von Fiona Tae, 2004. 
- © Bildrecht 2021 / Buchmann Galerie, Köln

Federn aus Pinselstrichen: das titelgebende Bild "Wonderland" von Fiona Tae, 2004.

- © Bildrecht 2021 / Buchmann Galerie, Köln

Bei allen Gegensätzen, die in der Schau weiter bewusst erzeugt werden, ist die wohl interessanteste Konfrontation die des deutschen wilden Superstars Georg Baselitz mit Österreichs bekanntester Malerin nach 1945, Maria Lassnig. Seine späten Wiederholungen der frühen Heldenserie und die weiblichen Körperreflexionen Lassnigs haben tatsächlich Gemeinsames, mehr als Vertreter des abstrakten Expressionismus wie Ad Reinhardt, Sam Francis oder Morris Louis und die figürlichen Pop Art mit Roy Lichtenstein, Tom Wesselmann. Alex Katz beweist hier mit einer flachen Skulptur aus bemaltem Metall, einer Badendenden, inhaltlich Harmlosigkeit gegenüber Marc Quinns kopulierenden Metall-Skeletten "The Selfish Gene". Auf Pierre Soulages oder später Markus Lüpertz, Anselm Kiefer, Albert Oehlen und Tim Eitel folgen Österreicher wie Roland Goeschl, Franz Zadrazil und Gottfried Helnwein.

Im Untergeschoß lässt Kurator Walter Moser den heuer 81-jährigen Nobuyoshi Araki mit einigen früher Fotoserien eine sehr persönliche Geschichte seines Lebens erzählen. Von den bekannten Akt- und Fesselungsaufnahmen, die im Westlicht die Jubiläumsschau bestimmten, ist hier wenig zu sehen.

Ein ungewohnter Nobuyoshi Araki

Dafür hat Araki seine frühe "Ich-Fotografie" der 1960er Jahre zum Teil mit extra Abzügen bereichert, die Serien stammen aus der Sammlung von Rafael Jablonka, der früher Arakis Galerist, aber auch jahrelanger Begleiter war, und seine wertvollen Bestände 2019 an die Albertina gegeben hat. Nach dem Studium an Tokios Kunstuniversität bis 1963 arbeitete Araki als kommerzieller Fotograf für eine Werbeagentur, doch befreite er sich bald davon, um Reportage in einen subjektiven Blick zu wandeln und das Medium selbst zu hinterfragen. Es ist auch hier eine "Sentimental Journey" durch bestimmte Viertel Tokios mit zwei männlichen Jugendlichen, was an den Neorealismus in Italien erinnert, birgt aber neben Sozialkritik eine Menge Alltagstheatralik und Witz.

Statt offiziellen Darstellungen Tokios ist hier ein kritischer wie genau komponierender Blick auf die Konsumkultur zu finden und auch in vielen Fotobüchern hat Araki seine neuen Alltagsszenen ab 1973 publiziert, später werden die Fotos "Pseudo-Tagebuch", in dem er die Geschichte seiner Ehe mit drei sentimentalen Reisen in sehr private Zyklen verpackt. Mit nur 42 Jahren ist seine Frau Yoko an Krebs verstorben, er folgt ihr und in einem Nachtrag zum Begräbnis auch 20 Jahre später dem langsamen Tod ihrer Katze, beide Serien enden auf seiner leeren Terrasse, aber auch in traurigen Blicken auf ein leeres Boot, ein leeres Bett. So und mit seinen Liebeserklärungen an Tokio hat man Araki noch nicht gesehen: es zahlt sich aus, ihm auch auf die Reisen in den Tod zu folgen.