Am 6. 6. ist er 60 geworden, der Christian Stock. (Drei Sechser auf einmal! Das ist ja fast satanistisch!) Also alles Gute zum Runden! Stehen tut er trotzdem sichtlich mehr aufs Eckige, wie seine Geburtstagsschau im GPL contemporary mit jeder Menge Beweisstücken belegt. Schon der Titel der Ausstellung, die sein gesamtes Schaffen grob umreißt, ist ziemlich eckig: "Quadratische Sonne by Paintianer." Ist die Sonne nicht eigentlich rund? Eben. Und was, bitte, ist ein Paintianer? Ein malender In-dianer? So ähnlich. Auf dem Plakat outet sich der Jubilar zumindest als Eingeborener der Malerei. Bzw. als der Häuptling der Maler. (Und nicht als Satanist.) Mit Pinselkrone und Kriegsbemalung.

Okay, Bilder sind meistens eckig. Seine sind es allerdings besonders. Weil sie sogar acht Ecken haben. Freilich einen quadratischen Grundriss. Wie ein Würfel halt. Das liegt an der speziellen Technik. Nicht einfach Acryl auf Leinwand, nein, gleich 3000-mal Acryl auf Leinwand (oder noch öfter). Auf derselben Leinwand, wohlgemerkt. Stock: "Das ist vielleicht eine manische Sache, die ich da mach." Hm. Ist das eine Selbstdiagnose oder womöglich eine professionelle Meinung? Oder warum pickt am unteren Rand von besagtem Plakat diese rätselhafte Adresse (www.psychiatrische-gutachter.de)? Ach so, das ist die Homepage des Sponsors, der obendrein Sammler und Psychiater ist (und offenbar die Arbeiten eines Manikers zu schätzen weiß).

Ist das noch Malerei oder längst Architektur?

"Man will malen, malen, malen und hat keinen Platz", erinnert sich der "Paintianer" außerdem an seine Anfänge. "Was tut man dann mit 3000 Bildern? Drum hab ich begonnen, übereinander zu malen. Damit man die Welt nicht so vollhängt." Hängen können seine "Würfelbilder", die aus dieser exzessiven "Schichtenmalerei" resultieren, aber eh nimmer. Da wird die Farbe wie auf einem Tablett präsentiert, die Leinwand zum Wandregal. Man fragt sich sowieso: Ist das noch Malerei oder bereits Architektur?

Das Tageslicht ist drinnen natürlich schon viereckig. Weil es durch ein viereckiges Fenster hereinkommt. Aber eine "Quadratische Sonne"? (Malerei von Christian Stock.) 

- © Christian Stock

Das Tageslicht ist drinnen natürlich schon viereckig. Weil es durch ein viereckiges Fenster hereinkommt. Aber eine "Quadratische Sonne"? (Malerei von Christian Stock.)

- © Christian Stock

Regelrechte Bauwerke sind diese "3D-Bilder", die über die Jahre in die Höhe wachsen. (Spatenstich oder erster Pinselstrich beim allerersten seiner Art war im Dezember 1983.) Kleine Großprojekte quasi. Der rote Würfel zum Beispiel ist nach wie vor im Bau. Immerhin seit 1999! "In zwei, drei Jahren ist er fertig." Und nach einer gedankenstrichlangen Pause ergänzt der Tiroler relativierend: "Wenn ich mich dahinterklemm‘." Wie weiß er denn, wann ein Bild fertig ist? Wenn es gleich hoch wie lang und breit ist. Blöde Frage. "Würfelbild", hallo? Der malt schließlich nicht bis zum Himmel. Türmt die Farbe nicht babylonisch auf, bis sie das Übergewicht kriegt und von der Leinwand kippt. Dreieinhalb Zentimeter fehlen folglich noch auf die 25.

Apropos "bis zum Himmel" und "Turmbau zu Babel". Witzigerweise ist mir daheim grad ein Babylonischer Stapel aus circa 120 Kunstkatalogen, an dem ich locker seit fünf Jahren gearbeitet hatte, umgestürzt, weil ich leider (oder zum Glück) übersehen hatte, dass er bereits fertig war. (Ein Katalog geht noch – wusch!) Und der hat nun just den Katalog "Christian Stock – Cube Paintings" ausgespuckt, der andernfalls nie wieder aufgetaucht wäre. Und drinnen (Überraschung!): das "Würfelbild Rot". 2014 noch mit 2041 Schichten. Als Bauende ist "voraussichtlich 2017" angegeben.

Zwischen die Katalogseiten wiederum war eine Exponatenliste gelegt von der Ausstellung "Red Cube Painting", die 2017 im GPL contemporary stattgefunden hat (damals noch in der Sonnenfelsgasse im ersten Bezirk und noch nicht in der Preßgasse im Vierten), und da (bei mittlerweile 2582 Schichten) wird als Fertigstellungsjahr 2021 prophezeit. Und das war noch immer nicht alles. Dem Plakat zur Präsentation ausgerechnet dieses Katalogs hat der Christian Stock Beine gemacht (aus Eisen) und es steht jetzt in der aktuellen Ausstellung als Tischerl herum. Der Kreis, Tschuldigung: das Quadrat, schließt sich.

Der Künstler malt sich in die Einzelzelle

Ja, der Burj Khalifa in Dubai besitzt mehr Zentimeter (exakt 82.778,5 mehr). Doch erstens ist das "Würfelbild Rot" noch nicht ausgewachsen (dann werden es lediglich noch 82.775 Zentimeter sein), und zweitens mag es zwar nicht das höchste Gebäude der Welt sein, aber dafür ist es das mit den meisten Etagen. (Derzeit 3000.) Und alle befinden sich noch dazu im selben Stockwerk. Oder Stock-Werk. In einem kompakten Opus des Herrn Stock. (Das "Stockwerk" ist übrigens nicht nach einem seiner Vorfahren benannt. Was war überhaupt die Leistung von diesem ominösen Herrn Einbahn, dem in Wien mehr Straßen gewidmet sind als jedem anderen? Ist der eventuell unentwegt in eine Richtung gegangen?)

Dieser Pinselstrich ist nicht fett wegen Corona. Sondern wegen dem Christian Stock. Der hat ihn gemästet. 

- © Georg Peithner-Lichtenfels

Dieser Pinselstrich ist nicht fett wegen Corona. Sondern wegen dem Christian Stock. Der hat ihn gemästet.

- © Georg Peithner-Lichtenfels

2041, 2582, 3000 – hier zählt anscheinend jemand mit. Richtig. Und wenn er sich einmal ver-zählen sollte? Kann er jederzeit noninvasiv nachzählen. Weil er nach jeder Schicht ein loses Blatt Papier in derselben Farbe anstreicht. Echos (oder Porträts, freie Kopien, nachträgliche Skizzen?) des jeweiligen monochromen Einzelbildes. Eine raffinierte analoge Zählmethode. Und manchmal tapeziert er einen Galerieraum mit den 1000en Quadraten aus. Dokumentiert den 3D-Würfel mit einem flachen Pixelbild.

Oder er macht eine Stricherlliste als "Gefangener des Konzepts". Wie ein Insasse in einer Strafvollzugsanstalt, der die Tage seiner Haft in die Zellenwand ritzt. Der Künstler als Häfenbruder, und sein origineller konzeptueller "Kubismus" (Kubus: anderes Wort für Würfel) ist sein Gefängnis, in das er sich jeden Tag mitunter mehrmals hineinpinselt? ("Normaler" Kubismus: nicht die Abart des Sozialismus auf Kuba, sondern irgendwas mit Picasso.) Ob es von konzeptuellem Humor zeugt, wenn er absichtlich danebenmalt und gelbe Farbe zwischen zwei nackte Leinwände klemmt?

Das Quadrat ist ein viereckiger Kreis

Abstrakt ist diese Kunst nicht zwangsläufig. Ihr Schöpfer besteht jedenfalls darauf, dass das "ein realistisch gemalter Würfel" ist. "Ich bin ein realistischer Maler sozusagen." Und das imposante gelbe Quadrat (drei mal drei Meter!), bei dem er sich mit dem Zählen leichttut (eins!), nennt er "Quadratische Sonne". Wenigstens der Teil mit der Sonne ist unleugbar wirklichkeitsnah, geradezu naturgetreu. Und was ist ein Quadrat anderes als ein viereckiger Kreis? Umgekehrt ist ein Kreis ein rundes Quadrat respektive ein Polygon mit unendlich vielen Ecken. (Kurz: Ein Achteck ist kreisförmiger als ein Sechseck.)

  
Im Hintergrund huldigt Christian Stock dem Josef Albers, vorne hat er aus Plakaten und Zeitschriften Möbel gebastelt. 

- © Georg Peithner-Lichtenfels

 

Im Hintergrund huldigt Christian Stock dem Josef Albers, vorne hat er aus Plakaten und Zeitschriften Möbel gebastelt.

- © Georg Peithner-Lichtenfels

Das Quadrat ist definitiv seine Leidenschaft. (Oder Passionsgeschichte? Sein Martyrium?) Sonst hätte der Sohn eines Madonnenschnitzers wohl kaum mehr Stück davon gemalt als dieser Malewitsch, der damit angefangen hat. 1915. Mit einem schwarzen Exemplar. Dieser Ikone der Moderne, dem Nullpunkt der Malerei, wird genauso gehuldigt (durch obsessive Wiederholung in sämtlichen Primär- und unbunten Farben) wie dem andern größten Fan des Quadrats: dem Josef Albers. Dessen Hommagen an das Ding mit den vier Ecken lösen sich expressiv auf. Dasselbe macht Stock mit der kontemplativen, "intellektuellen" Farbfeldmalerei eines Barnett Newman ("Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue"), wenn er die sauber getrennten Grundfarben der Vorlage (diese koloristische Apartheid) in eine promiskuitive Orgie ohne jegliche Berührungsängste verstrickt, wo die Säfte hemmungslos fließen.

Ist das Kunst oder darf man sich draufsetzen?

Sachlich nüchtern, sprich mathematisch streng, sind die Würfel ja auch nicht. Eine lebendige, individuelle Geometrie. Vor allem an den Seiten. Und der "fette Pinselstrich"? Im Prinzip das Gleiche. Bloß ohne Ecken. Eine spontane Geste wird durch ständiges Repetieren mit Farbe gemästet. Ein Andachtsbild der sogenannten Künstlerhand?

Das Drumherum der Kunst, die Texte über sie, den Altpapier gewordenen Diskurs, die PR, verarbeitet Stock ebenfalls fleißig, macht daraus "gegenständliche" Kunst. Oder sind Möbel etwa keine Gegenstände? Plakate recycelt er zu Tischplatten, Kunstmagazine zu einem Würfelhocker, einem "Art Block". Die Aufgabe, rechteckige Zeitschriften so zu stapeln, dass am Ende ein Würfel herauskommt, löst er durchaus elegant. Und ohne Zuhilfenahme von Schneidwerkzeugen. Die "Invitation Box" hat dagegen keinen erkennbaren Gebrauchswert. Diese vollgestopfte Schachtel, ein Massengrab für Einladungskarten, löst allerdings nostalgische Gefühle aus, zumal die Einladungen aus Papier grad dabei sind auszusterben, von Newslettern gekillt zu werden. Ein Mausoleum. Die Lebendigkeit der Kunstszene, mit Harz konserviert wie die Mücke im Bernsteintropfen.

So feucht sind Aquarelle also auch wieder nicht

Erinnerungen an die Kindheit im "kleinen Bergdorf" (Tux), in dem man sparsam mit den Ressourcen umgegangen ist, nix leichtfertig weggeschmissen hat: die Designerseifen vom Land. Die "Soap-Operas" (2013). Alte verbrauchte Seifen auf neuen Seifen. Wie Pralinen mit Mandeln drauf. Erschreckend aktuell durch den verordneten Waschzwang, die virophobe Händehygiene, wo die Seifen so schnell schrumpfen wie noch nie in der Geschichte der Menschheit.

So sehen Seifenopern am Land aus: Christian Stocks "Soap-Opera"-Kollektion. 

- © Christian Stock

So sehen Seifenopern am Land aus: Christian Stocks "Soap-Opera"-Kollektion.

- © Christian Stock

Tux bringt sich in seine Kunst ein und die Kunst bringt der in Wien wohnende Tuxer zurück ins Dorf. Mit seinen "Aquarellhappenings". Klingt nach Action. Nach "Auf da Alm, da gibt’s ka Kunstsünd‘". Zudem sind Aquarelle Feuchtgebiete. Und was passiert da? "Man wandert und macht ein bissl Kunst." Naturstudien beispielsweise. Doch nicht bedingungslos. Was die Teilnehmer machen, "muss am Gasthaustisch präsentierbar sein". Na ja, ist nicht per se ein Widerspruch zu "Action".

Ein bemerkenswert konsequentes Oeuvre. Und wenn die lebende Stolperfalle Dolly, das hyperaktive Hundi des Galeristen (Georg Peithner-Lichtenfels), verbissen mit dem weich ausgestopften Eckigen kämpft (einem Polster), bekommt man sogar Aktionismus geboten.