Noch in den 2000ern konnte man ihn bei Ausstellungseröffnungen antreffen. Immer mit der Kamera um den Hals, immer hochkonzentriert. Da war Franz Hubmann schon an die 90 und immer noch interessiert am österreichischen Kunstleben. Kein Wunder, hat er es doch seit einem halben Jahrhundert begleitet und dokumentiert. In der Albertina ist nun eine Auswahl der Porträts zu sehen, die er von den Protagonisten der österreichischen Kunstszene seit den 1950ern gemacht hat. Aber nicht nur hierzulande war er umtriebig, auch internationale Kunstgrößen hat Hubmann vor seine Kamera bekommen. Mit der nötigen Frechheit und auch Geduld gelang es ihm, Größen wie Georges Braque und Pablo Picasso vor die Linse zu locken.

Oskar Kokoschka, 1955. 
- © picturedesk / Imagno / Franz Hubmann

Oskar Kokoschka, 1955.

- © picturedesk / Imagno / Franz Hubmann

Hubmann war in der Fotografie ein Spätberufener - zumindest was das professionelle Ausüben angeht. Er war schon 32 Jahre alt, als er nach dem Zweiten Weltkrieg eine Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt machte. In seiner jahrzehntelangen Laufbahn bildete er Österreich in den verschiedensten Facetten ab: Er war ein Chronist des manchmal skurrilen Alltagslebens (legendär etwa eine Frau, die einen Gummibaum im umgewidmeten 50er-Jahre-Kinderwagen transportiert), der kargen niederösterreichischen Landschaft und der Wiener Kunstszene. 1954 gründete er gemeinsam mit Karl Pawek das Magazin "magnum", das eine moderne Layout- und Bildsprache erarbeiten wollte. Mit Ausgaben dieses Magazins fuhr Hubmann dann ab 1951 nach Paris. Er hatte die Mission, Künstler und Künstlerinnen, die die Jahrhundertwende geprägt haben, abzulichten. Er läutete einfach bei deren Atelier an. In den meisten Fällen bekam er, was er wollte. Marc Chagall zum Beispiel nahm sich viel Zeit für Hubmann, einmal schaut er im Palmengarten versonnen aus einem halbverschatteten, faltensprechenden Gesicht, dann wieder zeichnet er an einem Tisch, ohne auf das Papier zu sehen. Maurice de Vlaminck hat Hubmann aus dem Krankenbett geklingelt, dementsprechend grantig ist sein Blick mit Malerpalette in seinem vor Kunst und Antiquitäten strotzenden Atelier. Recht überfüllt ist es auch bei Germaine Richier, hier gelang Hubmann ein Foto, bei dem die Künstlerin mit ihrer Kunst verschmilzt - fast ein Suchbild, weil Richier dieselbe Pose wie ihre Skulptur einnimmt. Am schwersten hatte es Hubmann, wie er immer erzählte, mit Pablo Picasso. Der gewährte ihm zwar Zutritt zu seinem Anwesen in Cannes, aber Spontaneität, die der Fotograf normalerweise am liebsten einfing, war vom Meister der Inszenierung nicht zu haben. Nur im Gespräch mit seinem Galeristen - beide Männer entspannt im Schaukelstuhl - lässt Picasso die Maske ein wenig fallen. Dass auch in der Inszenierung Impulsivität stecken kann, beweist wiederum Hans Arp, der sich, ganz Dada, für Hubmanns Porträt zwei Brillen übereinander aufgesetzt hat.

Germaine Richier. - © picturedesk / Imagno / Franz Hubmann
Germaine Richier. - © picturedesk / Imagno / Franz Hubmann

Lebendiges Lexikon

Eine der berühmtesten Serien Hubmanns stammt von der Eröffnung von Oskar Kokoschkas erster Ausstellung in Wien nach dem Krieg. Die Bilder zeigen den Künstler angeregt mit der Hand wachelnd im Gespräch mit Josef Hoffmann und bei einer Rede - durch die Komposition des Bildes kann sich der Betrachter direkt in die lauschende Menge von damals versetzt fühlen. Das war 1955 und es sollte nur der Beginn einer gemeinsamen Reise Hubmanns mit den bildenden Künstlern Österreichs sein. In dieser Schau, die sich aus der jüngsten Schenkung an die Albertina von Galerist Helmut Klewan speist, sieht man auch Arnulf Rainer, wie er sich perfekt perspektivisch zwischen den Reihen seiner Bilder positioniert, Fritz Wotruba beim Meißeln, Otto Muehl beim Dreckwerfen und Fesseln, Maria Lassnig keck mit dem Pinsel, Friedensreich Hundertwasser mit einem Köfferchen und Hermann Nitsch ohne Bart, aber mit Weinflasche leger zwischen Daumen und Zeigefinger. Franz Ringel hat Hubmann im Café Hawelka festgehalten - ein Brückenschlag zu seinem restlichen Oeuvre: dem Künstlerhort, seinen Besuchern und den Institutionen Leopold und Josefine Hawelka hat Hubmann auch ein fotografisches Denkmal gesetzt.

Es ist, als würde man durch ein lebendiges Lexikon der österreichischen Kunst gehen. So etwas schaffen nur wirklich große Fotografen.