Was ist bunt, hängt an der Wand, und wenn es runterfällt, war es zu schwer? Nein, das ist keine Scherzfrage. Völlig im Ernst heißt die farbintensive Ausstellung bei Suppan Fine Arts "Das Gewicht der Farbe". Michael Ornauer war freilich intelligent genug, nur jene Bilder aufzuhängen, die NICHT zu schwer sind (und die deshalb mit ziemlicher Sicherheit NICHT abstürzen werden). Doch sogar bei denen muss er die Farbe erst einmal sacken lassen, damit sie später droben bleibt. Schon allein auf der Lein-Wand. ("Die liegen wochenlang, bevor ich sie hängen kann.")

Hat er die wirklich abgewogen? Oder nimmt er das mit dem Gewicht eh nicht so genau? Ornauer, auf ein mittleres Format (100 mal 80 Zentimeter) zeigend: "Die Farbe wiegt FÜNF Kilo, das Ganze um die 15 bis 20 Kilo." Also mitsamt dem Rahmen und der Holzverstärkung. Und ein Zwei-mal-drei-Meter-Prachtexemplar kommt überhaupt auf 50 Kilo. Na ja, da VERDÜNNT einer die Ölfarbe halt nicht.

Kratzer machen die Schönheit noch - schöner. Besonders wenn sie so sexy skriptural sind wie die vom Michael Ornauer. 
  
- © Copyright: Michael Ornauer, Courtesy: Suppan Fine Arts

Kratzer machen die Schönheit noch - schöner. Besonders wenn sie so sexy skriptural sind wie die vom Michael Ornauer.

 

- © Copyright: Michael Ornauer, Courtesy: Suppan Fine Arts

Eine Me-Myself-and-I-Gruppenschau

Inzwischen ist der Wiener (Jahrgang 1979), der an der Akademie Meisterschüler von Hubert Schmalix und Amelie von Wulffen gewesen ist, vom Figurativen zur Abstraktion konvertiert. Nicht, dass die Gemälde nichts darstellen würden. Das tun sie durchaus. Und was, bitte? Am ehesten die Malerei selbst. Die Sinnlichkeit des Farbauftrags. Das Haptische.

Monochrom und trotzdem nicht eintönig: Die Buntheit versteckt sich nur. "Schwarzes" Bild von Michael Ornauer. 
  
- © Copyright: Michael Ornauer, Courtesy: Suppan Fine Arts

Monochrom und trotzdem nicht eintönig: Die Buntheit versteckt sich nur. "Schwarzes" Bild von Michael Ornauer.

 

- © Copyright: Michael Ornauer, Courtesy: Suppan Fine Arts

Wobei der Maler dem klassischen Werkzeug gegenüber, ohne komplett darauf zu verzichten, gewisse Vorbehalte hat. ("Ein Pinsel verleitet zu sehr zum . . . Malen.") Lieber arbeitet er jedenfalls "mit allem". Mit der Rakel, der Maurerkelle, dem Skalpell, mit den bloßen Fingern. (Angaben ohne Gewähr auf Vollständigkeit.) Die Staffelei ist für ihn sowieso "ein Unding". (Manche würden jetzt einwenden: Aber ein PRAKTISCHES Unding.)

Gerahmte Restlverwertung: Michael Ornauer hat einen "Farbkuchen" gebacken. 
  
- © Copyright: Michael Ornauer, Courtesy: Suppan Fine Arts

Gerahmte Restlverwertung: Michael Ornauer hat einen "Farbkuchen" gebacken.

 

- © Copyright: Michael Ornauer, Courtesy: Suppan Fine Arts

Und welche von den gezeigten Serien stammt nun von ihm? Alle drei tun das. Sind die dann vielleicht aus unterschiedlichen stilistischen Phasen? Nein. Sind parallel entstanden. 2020 und heuer. Quasi eine Me-Myself-and-I-Gruppenschau. Eigentlich kein Wunder bei der Musik, die er im Atelier hört. Nämlich "was der Algorithmus vorschlägt". Und er mag die atmosphärische Melancholie des Elekronik-Duos HVOB (Her Voice Over Boys). "Oder Gangsta-Rap." Bei näherer Betrachtung werden die Unterschiede allerdings ohnedies kleiner. Überwiegen die Gemeinsamkeiten. Zwischen Sphärenklängen und Gangsta-Rap? So ungefähr. Zwischen den "Stripes", dem "Organisch-Abstrakten" und den "Monochromes".

Das Chaos ist ein Ordnungsprinzip

Die "Stripes": Fast kitschig romantische Gefilde. Unscharfe Streifen, sanfte Farbverläufe. Und immer wieder reißt das vielschichtige Kolorit reizvoll auf. "Organisch-Abstrakt" macht das Chaos zum Ordnungsprinzip. Ein wildes, dichtes All-over aus Klecksen und Gesten. Und bei den "Monochromes" spielt die Buntheit lediglich Verstecken, lugt aus den Schürf- und Schnittwunden hervor, die der Künstler dem blickdichten Schwarz oder Weiß zugefügt hat. Das eine weiße Opus wollte er bereits entsorgen, hat’s vom Keilrahmen abgenommen und zerknüllt, und plötzlich haben die Bruchlinien es für ihn wieder interessant gemacht. Wert, aus dem Müll gerettet und ein zweites Mal aufgespannt zu werden.

Er hält es eben mit dem japanischen Wabi-Sabi. Das ist keine würzige grüne Paste (das wäre der Wasabi), sondern ein ästhetisches Konzept. Schönheit mit Patina, mit Lebenserfahrung. Entsprechend hinterlässt Ornauer seine Spuren, kratzt, schneidet, schabt ("um die Schönheit zu ertragen"). Was nicht bedeutet, die Verletzung selbst könne nicht ihrerseits hübsch sein. Die Anmut des Kratzers.

Farben sind für ihn Lebensmittel

Malerei im Spannungsfeld zwischen Aufbau und Zerstörung. ("Irgendwann ist das Bild entweder kaputt oder fertig.") Und wenn ihm Farbe übrig bleibt, schmeißt er sie nicht weg ("Das schaff ich nicht. Farben sind für mich wie Lebensmittel."), er macht "Farbkuchen". Er streicht sie aufs Backblech und schiebt sie ins Rohr? Nicht direkt. Er patzt die Farbteigrestln in die "Kuchenform" hinein (in den Rahmen), bis diese voll ist, und hängt das Bild nachher – nicht auf. Weil sich die Malerei letztendlich doch noch von der Wand emanzipiert hat. (Oder weil sie schlichtweg noch nicht durch, innen noch roh ist und man sie aus konservatorischen Gründen besser vorher ein paar Jährchen trocknen lässt, ehe man sie SENKRECHT dem Risiko der Schwerkraft aussetzt.)

Mit attraktiven Farben kann man möglicherweise keine hässlichen Bilder malen.