Präparierte Viecher, ein Hundeskelett, Schautafeln, eine Vitrine – da geht’s ja zu wie in einem Naturkundemuseum. Nein, Mark Dion hat den Dachs, die Schildkröte oder den Hai nicht selber erlegt. Er ist schließlich mehr ein Sammler als ein Jäger. (Beute macht er höchstens auf dem Flohmarkt.) Und offenbar ist der Amerikaner, der am 28. August runde 60 werden wird, äußerst ordnungsliebend. Dauernd muss er alles sortieren, es kategorisieren, und als interdisziplinär arbeitender Konzeptkünstler mit Hang zur Feldforschung steht er sichtlich auf museale Präsentationsformen, auf die institutionalisierte Ästhetik.

Schon der Titel der fülligen Ausstellung ("The Flea Market and Other Object Lessons") macht deutlich: Hier kann man was lernen. Besonders wegen dem Teil mit den "Lessons" (Lektionen, Unterricht). Wenn man freilich genauer hinsieht, wird einem bald klar, dass es sich gar nicht um beinharte Wissenschaft HANDELT (oder nicht NUR), sondern um Kunst. No na, Georg Kargl Fine Arts ist immer noch eine Kunstgalerie und keine Dependance des Naturhistorischen Museums. Anatomisch stimmt zum Beispiel eh alles mit diesem Vogel auf einer Tuschezeichnung, dafür ist das Kleingedruckte völlig "falsch", die Beschriftung der Knochen.

Schautafeln mit eigenwilliger Beschriftung: Mark Dion benennt die Knochen um. 
- © Georg Kargl Fine Arts, Foto: kunst-dokumentation.com

Schautafeln mit eigenwilliger Beschriftung: Mark Dion benennt die Knochen um.

- © Georg Kargl Fine Arts, Foto: kunst-dokumentation.com

Wie heißt das Schienbein eines Vogels? Walter!

Sollten die nicht irgendwelche LATEINISCHEN Namen haben? Stattdessen sind diese nämlich englisch, französisch, deutsch wie Malcolm X (ein Halswirbel), Michel Foucault, Jean-Paul Sartre, Hannah Arendt, Rosa Luxemburg, Walter Benjamin (der Philosoph und Kulturkritiker, seit dessen Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" man darüber diskutiert, ob die Bilder in den Kunstmuseen massenhaft ihre Aura verlieren, nachdem man sie so oft in Büchern und Zeitschriften hergezeigt hat) oder Theodor W. Adorno. Lauter Denker und Weltverbesserer. Definitiv also keine Vogelverbesserer. ("To Build a Better Bird.")

Auf der hübschen Tapete von Mark Dion sind alle nicht nur tot, sondern sogar ausgestorben. 
- © Georg Kargl Fine Arts, Foto: kunst-dokumentation.com

Auf der hübschen Tapete von Mark Dion sind alle nicht nur tot, sondern sogar ausgestorben.

- © Georg Kargl Fine Arts, Foto: kunst-dokumentation.com

Und die Kunst der Moderne gehört anscheinend überhaupt bereits in den Jurassic Park. Jedenfalls ist das Skelett eines Stegosaurus aus dem Oberjura ziemlich kunstaffin. Die Knochenplatten auf dem Rücken benennt Dion eigenmächtig in Abstrakter Expressionismus, Konstruktivismus oder Purismus um, ein Schwanzstachel ist der Surrealismus, ein Beckenknochen (das Sitzbein) Dada. Die geometrische Abstraktion ist zwar lediglich eine Zehe, aber ohne Zehen kann man nicht gehen, oder? Geht nix weiter. Und van Gogh kriegt seltsamerweise kein Gehörknöchelchen, sondern die Schulter. (Wenigstens die linke. Er hat sich ja Teile des LINKEN Ohrs abgeschnitten.) Die Kultur verliert sich in der Na-tur.

Sammlerin, porträtiert von Mark Dion. (Erkennt sich da vielleicht jemand?) 
  
- © Georg Kargl Fine Arts, Foto: kunst-dokumentation.com

Sammlerin, porträtiert von Mark Dion. (Erkennt sich da vielleicht jemand?)

 

- © Georg Kargl Fine Arts, Foto: kunst-dokumentation.com

Umweltbewusst ist er sowieso, der Mark Dion. Demonstriert es sehr direkt und unmissverständlich oder subtiler, allerdings fast immer mit seinem ganz speziellen Humor. Galgenhumor. (Tatsächlich hat er an diesem Ort einmal geteerte Vögel an einer Baumleiche aufgehängt.) Manchmal geradezu ein apokalyptischer Weltuntergangshumor.

Zum Mitraten: Bezieht sich dieses Stillleben auf das Wasser, die Luft, das Feuer oder auf - die Erde? Aus Mark Dions vierteiliger Installation "Flea Market (Homage to Georg Kargl)". 
- © Georg Kargl Fine Arts, Foto: kunst-dokumentation.com

Zum Mitraten: Bezieht sich dieses Stillleben auf das Wasser, die Luft, das Feuer oder auf - die Erde? Aus Mark Dions vierteiliger Installation "Flea Market (Homage to Georg Kargl)".

- © Georg Kargl Fine Arts, Foto: kunst-dokumentation.com

Der Baum wurde von einem Tisch umgebracht

Sein Schnitt durch einen Sequoia hat zumindest eine deprimierende Schlusspointe. Wie die Zuordnung von weltbewegenden Ereignissen zu den Jahresringen suggeriert (beginnend mit Cäsars Ermordung, und das war immerhin in den Iden des März 44 v. Chr.), hat der Mammutbaum über 2000 Jahre durchgehalten. Die Eroberung Konstantinopels durch die Ottomanen hat ihn nicht erschüttert, genauso wenig dass ein gewisser Duchamp ein Urinal als Kunstwerk auf einen Sockel gestellt hat, doch dann hat plötzlich jemand unbedingt einen Tisch gebraucht. Der letzte Eintrag im Jahresringekalender: "This tree cut for picnic table construction." Na bumm. Oder wumm. Oder welches Geräusch auch immer ein Baumriese beim Umfallen macht. Tragikomisch: die alltäglichen Plagen ("Some Everyday Plagues"), die Dion auflistet und mit hybriden Monstern illustriert. Neben dem Aktienmarkt und der Meeresverschmutzung: der Lieblingssender von Donald Trump (Fox News) und – Sport.

Im Grafikkabinett, in dem Schlagwörter auftauchen wie "Biodiversity", "Ocean Plastics", "Global Warming", "Invasive Species" oder "Overfishing" und wo eine Heuschrecke "Capitalism" heißt, während Qualle, Fisch, Seestern und Co. die Namen von Tankern und Bohrinseln tragen, die ihnen den Lebensraum mit Öl "mariniert" haben (Exxon Valdez, Deepwater Horizon, Atlantic Empress . . .), mahnt im Hintergrund eine dekorative Tapete mit ausgestorbenen Arten.

Mit Mammut, Tasmanischem Tiger (das letzte bekannte Exemplar ist übrigens 1936 in einem Zoo verendet und mittlerweile, ausgestopft, in einem Museum), Dodo (nicht zu verwechseln mit Dada), der beschaulich ohne Fressfeinde auf Mauritius gelebt hat und dem nach der Landung diverser Seeleute auf seiner Insel seine Zutraulichkeit bei gleichzeitigem Fehlen von jeglichem Flucht- und Verteidigungsverhalten zum Verhängnis wurde, und Riesenalk. Diesem Pinguin der Nordhalbkugel, den hungrige Matrosen verspeist und Siedler wegen seiner Daunen gerupft haben, haben ausgerechnet die Ornithologen den Rest gegeben, weil bevor es zu spät und keiner dieser flugunfähigen Seevögel mehr zu haben wäre, zumal ein Weibchen maximal ein Ei pro Jahr legte, wollte jeder noch g’schwind einen für sich ergattern.

Ach ja, den Elfenbeinspecht hab ich ebenfalls erkannt, der seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts futsch ist und trotzdem in seiner Heimat Nordamerika immer wieder gesichtet wird. Wie Elvis. Drum wird der Rotschopf auf einem andern Blatt zum "Ghost Bird". (Nicht zum "ZOMBIE Bird"?)

Hühner stehen auf Modeschmuck

Viel zum Lesen, Schauen und zum Nachdenken. "The Anatomy of Climate Change" geht einem gar unter die Haut, muss man praktisch persönlich nehmen. Das schlechte Gewissen könnte einem glatt in die Knochen kriechen angesichts dieses menschlichen Skeletts, das einen anzuklagen scheint und nicht weniger als 19 Folgen des mutmaßlich menschengemachten Klimawandels aufzählt.

Über die ganze Ausstellung sind "Porträts" von Sammlern locker verteilt. Den Anfang macht der kolonialistische Typ ("The Colonial Collector"), der seine abgelegte Arbeitskleidung (Tropenhelm, Jagdjacke) auf einem möglicherweise selbstgeschlägerten Kleiderständer (einem kahlen Bäumchen) zurückgelassen hat. Nebst seinen Werkzeugen (Feldstecher, Spaten, Axt, Patronengürtel, Pflanzenpresse, Schmetterlingsnetz, Kübel für die Fische . . .), die ihn als JAGENDEN Sammler ausweisen, der seine Exponate erst killen muss. Ironischerweise hat er SELBER eine Zielscheibe auf dem Rücken, hinten auf der Jacke. Eine gefährliche Drohung? Heute würde so jemanden, der bewaffnet durch die Natur trampelt, ja eindeutig ein Shitstorm niederstrecken.

Die übrigen Sammler und –innen sind ausgestopft (okay, der Pinguin NICHT, der ist aus Keramik, aber das Huhn und die Ente) und hocken in ihren Nestern, auf ihren angehäuften Schätzen, auf ihren bis oben hin mit Graffl (Modeschmuck, Dominosteine, alte Schlüssel . . .) gefüllten Zylinderhüten und Kübeln. Wie Allegorien des schlechten Geschmacks. Böse.

Ordnung ist das halbe Stillleben

Die sind sozusagen die Vorhut. Für das Werk des NICHT ausgestopften, weil noch lebenden Sammlers, fürs imposante Finale: ein Flohmarkt, liebevoll installiert und nach den Elementen geordnet. Nein, nicht nach sämtlichen des Periodensystems, bloß nach den klassischen vieren: Erde, Wasser, Luft, Feuer. Eine Hommage an Georg Kargl, den 2018 verstorbenen Gründer der Galerie, der den Künstler dereinst in Wien in das Soziotop "Flohmarkt" eingeführt hat, und ein Großteil der sortierten Gebrauchtwaren stammt nun von ebendort, vom Flohmarkt beim Naschmarkt.

Die Standln wecken die Schaulust wie barocke Stillleben. Nur dass sie aufgeräumter sind, die Üppigkeit intellektueller arrangiert ist. "Geerdete" Objekte auf einem Teppich. Man kann es förmlich fühlen, wie die Schwerkraft an den Gewichten für die Waage und an der Bowlingkugel zieht. Originell: die Golfschläger. Mit denen versucht man bekanntlich, einen kleinen Ball in einem Loch im Boden zu versenken. Wasser: Jö, ein Hai! Und Eislaufschuhe! Schwimmflossen! Ein Regenschirm! Und was macht ein Foto vom Freud bei der "Luft"? Weil man im luftleeren Raum vielleicht auf der Couch liegen, freilich nicht reden kann? He, das "Feuer" ist mit Tabascosauce gewürzt! Ein Suchbild. Wer findet das Flascherl bei den Bunsenbrennern, Glühbirnen und Handgranaten?

Eine eindrucksvolle Schau, die den Blick nicht allein mit Chili schärft. Abgeprüft wird man hinterher aber natürlich nicht. Ob man genug gelernt hat. (Oder genug ver-lernt?)