Was man hier sieht, das stammt alles von der dunklen Seite des Tages, also aus der Nacht. Und das ist bekanntlich jene magische Zeit, die Katzen in graue Mäuse verwandelt. Angeblich. Katzen oder Mäuse kommen in der aktuellen Ausstellung von Hans Op de Beeck trotzdem keine vor. (Dafür Fische, Karussellpferde, ein Schmetterling . . .)

 

Einen Namen gemacht hat sich der Landsmann von Hercule Poirot (freilich einer, der echt ist und keine literarische Figur) ja in erster Linie mit seinem Oeuvre in 3D. Skulpturales, ungemein detailreich und oft ins Installative ausufernd, zwischen Realität und Traumwirklichkeit. Und dass er sich dabei auf eine einzige Farbe beschränkt, noch dazu eine unbunte: Grau. Die vielleicht durchschnittlichste Farbe überhaupt. Extra-Extra-Grey sozusagen. Ein Kompromiss zwischen Hell und Dunkel.

Hans Op de Beeck hat Karussellpferde ausgewildert, aber eh nur im Traum ("Dreamscape"). 
- © Courtesy: Galerie Krinzinger und Hans Op de Beeck, Foto: Studio Hans Op de Beeck

Hans Op de Beeck hat Karussellpferde ausgewildert, aber eh nur im Traum ("Dreamscape").

- © Courtesy: Galerie Krinzinger und Hans Op de Beeck, Foto: Studio Hans Op de Beeck

 

Künstler setzt Modell im Wald aus

Welche Farbe der Tee hat, den sie sich eingießt, ist nicht bekannt. Das Aquarell von Hans Op de Beeck ist jedenfalls schwarzweiß. 
- © Courtesy: Galerie Krinzinger und Hans Op de Beeck, Foto: Studio Hans Op de Beeck

Welche Farbe der Tee hat, den sie sich eingießt, ist nicht bekannt. Das Aquarell von Hans Op de Beeck ist jedenfalls schwarzweiß.

- © Courtesy: Galerie Krinzinger und Hans Op de Beeck, Foto: Studio Hans Op de Beeck

 

Zweidimensionaler geht es jetzt in den Räumlichkeiten der Galerie Krinzinger zu: "Works on Paper." Doch auch in den Aquarellen, an denen allerdings lediglich das Papier flach ist, während die Malerei sogar die Tiefen des Weltalls erahnen lässt, kreischen keine Schreifarben herum. Diese geheimnisvollen Notturnos (meist im Atelier angefertigt, wenn es draußen schon finster war) träumen vielmehr in Schwarzweiß. Und Schwarz plus Weiß ergibt? In dem Fall aber mehr als bloß "ONE Shade of Grey". Womöglich FIFTY.

Vanitas-Stillleben (hier eins von Hans Op de Beeck) sind sowieso mehr oder weniger offene Todesdrohungen. 
- © Courtesy: Galerie Krinzinger und Hans Op de Beeck, Foto: Studio Hans Op de Beeck

Vanitas-Stillleben (hier eins von Hans Op de Beeck) sind sowieso mehr oder weniger offene Todesdrohungen.

- © Courtesy: Galerie Krinzinger und Hans Op de Beeck, Foto: Studio Hans Op de Beeck

 

Nuancenreiche Porträts, Landschaften, Stillleben in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen oder pur. Seine Modelle (unglaublich präsent, selbst wenn sie ein bissl abwesend wirken, introvertiert sind, in ihren Gedanken versunken – und mit den andern hat man sowieso intensiven Blickkontakt) setzt Op de Beeck (Jahrgang 1969) zum Beispiel kurzerhand in der Wildnis aus. Betonung auf setzen. Zumindest bietet er ihnen immer höflich einen Sitzplatz an. Einen Hocker oder Sessel. (Oder er tätowiert ihnen die Bäume gleich auf den Rücken. Zum Zeichen ihrer Naturverbundenheit.) Wobei der Wald bei allem Realismus durchaus was Kulissenhaftes hat. Na ja, der Universalkünstler dreht eben nicht nur außerdem Kunstfilme, er hat obendrein Bühnenerfahrung. Als Dramatiker, Theater- und Opernregisseur, Bühnen- und Kostümbildner. Der kennt sich aus mit dem Inszenieren.

 

Selbst die Laute ist leise

 

Einer, ein gewisser Romeo, schwebt mit seinem Ledersofa in den Wolken, Timo spielt, Tschuldigung: HÄLT ein Zupfinstrument (denn sogar die Laute ist leise, erzeugt das leiseste aller Geräusche, macht es förmlich sichtbar: die Stille), oder ein altes, historisches Karussell mit weißen Pferdln wird ohne Reiter und Musik in die Einsamkeit entrückt (auf eine entlegene Wiese – "Dreamscape"). Und fast über allem und jedem (folglich über dem traurigen Clown genauso) öffnet sich der Himmel zum Universum, zum großen Ganzen, strahlen unzählige Sterne.

 

Das Licht, ob von den kosmischen Sonnen oder irdischen Lustern, wird übrigens nicht mit Deckweiß "betrieben", sondern mit Papier. Das leuchtet durch die diffus zerrinnende Finsternis. Witzigerweise passt der Plafond der Galerie perfekt dazu. Zwischen den Nackerten, die sich dort droben scheinbar schwerelos im Stuck materialisieren und deren Rundungen kokett aus der Decke herausschwellen, simulieren immerhin viele kleine Lamperln einen Sternenhimmel.

 

Aquarelle sind hängende Gewässer

 

Und die Nachtstücke an den Wänden? Schwarze Romantik. Wie aus der REM-Phase. Märchenhaft. Oder unheimlich. Oder beides. Mit einer eigentümlich unwirklichen Stimmung jedenfalls. Ein Boot gleitet beschaulich über einen See, ein Riesenrad taucht im Gebirge neben schneebedeckten Fichten aus einer dichten Nebeldecke auf. Und der Künstler zählt Fische statt Schäfchen (okay, er will sich beim Malen wahrscheinlich nicht einschläfern): "One Fish", "Two Fish" . . . – bis drei ist er offenbar nicht gekommen. Da schwimmen die Fische (oder eigentlich schweben sie) im Aquarell, das plötzlich zum Aquarium wird. Aquarelle SIND nun einmal Gewässer. Zuerst fließende und sobald sie getrocknet sind: stehende. (Nein, falsch: hängende.)

 

Die Zeit ist ebenfalls stehengeblieben, zum surrealen Moment geronnen. In einem besonders eindringlichen gemahnt ein Totenkopf an die Sterblichkeit. Ein Vanitas-Stillleben. Und ein solches ist generell eine unterschwellige Todesdrohung. (Wie das Ende von "Wandrers Nachtlied", von diesem Goethe-Gedicht, das sich als harmlose Naturlyrik tarnt: "Über allen Gipfeln / Ist Ruh, / In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch; / Die Vögelein schweigen im Walde. / Warte nur, balde / Ruhest du auch." Nämlich in Frieden. R. I. P.) Der Schmetterling ist auf der blanken Glatze gelandet wie die Hoffnung höchstpersönlich, die fragil ist wie dieser Falter selbst, den man wiederum als klassisches christliches Symbol für das Leben nach dem Tod deuten kann. Für die Seele, die den diesseitigen Körper zurücklässt wie einen leeren Kokon.

 

Fest, flüssig, gasförmig und unendlich

 

Über allen Gipfeln ist Ruh – und überall ist die Lust am Malen unübersehbar und korrespondiert unweigerlich mit der Lust am Schauen aufseiten des Publikums. Sämtliche Aggregatzustände werden in ihrer Stofflichkeit mit sensiblem Pinsel eingefangen: die tätowierte Haut (Tattoos werden zu Zeichnungen innerhalb der Malerei, zu Bildern im Bild), die spiegelnde Wasseroberfläche, der dekorativ dampfende Tee (der auf das duftige Gewölk vorm Fenster antwortet), die Unendlichkeit. Unendlich ist neben fest, flüssig und gasförmig der vierte Aggregatzustand? – Nicht direkt.

 

"Ich hoffe, dass meine Werke wie eine tröstende Hand auf der Schulter, eine warme Umarmung und eine mentale Oase der Ruhe sind", wird Op de Beeck im Pressetext zitiert. Seine sinnlichen Aquarelle stehen seinem raumgreifenden Grau definitiv in nichts nach. Intimes in imposanter Größe. Und so ein Landschaftspanorama kann locker drei Meter lang sein. Nicht, dass es auf die Länge ANKÄME. Bei einem Panoramabild höchstens insofern, als es tunlichst länger sein sollte als hoch.