Eine Galerie braucht bekanntlich Wände. Und den Raum dazwischen natürlich ebenso. Weil die Kunst entweder an Ersteren hängt oder in Letzterem herumsteht. In der Galerie nächst St. Stephan schwebt sie freilich über den Köpfen der Leute, muss man zu ihr emporblicken. Die Farben sind nämlich fast so bodenscheu wie jene auf Deckengemälden. Eigentlich geht’s in "Owning Awning" ("Owning": besitzen, "Awning": Markise) ja um Raum und Zeit. Aber nicht um irgendeinen Raum, sondern um den urbanen. Und darum, wem er gehört und für wie lange. Wer ihn besetzt und besitzt.

 

In ihren mysteriösen Gebilden zwischen Skulp-tur und Architek-tur (knallige geometrische Abstraktion auf Stelzen) zitiert Sonia Leimer (die grad mit ihren "Platzhaltern" auf der Architekturbiennale in Venedig vertreten ist) die für New York so typischen Vordächer, die auf den Gehsteig hinausragen, ins Revier der Fußgänger, und den Bereich darunter in eine öffentlich-private Grauzone verwandeln, in ein Mittelding zwischen dem Drinnen und dem Draußen, der Hektik und der Ruhe. Nur dass sie jetzt kein Appendix eines Gebäudes mehr sind, nicht signalisieren: "Hallo, hier ist der Eingang!"

 

Was macht man unterm Baldachin? Stehen!

Und weil sie von unten auch spannend sind: noch ein "Awning" von Sonia Leimer. 
- © Markus Woergoetter/Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Und weil sie von unten auch spannend sind: noch ein "Awning" von Sonia Leimer.

- © Markus Woergoetter/Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

 

Indem die Südtirolerin, 1977 in Meran geboren, die Architektur studiert hat (in Wien, wo sie auch lebt), diese temporären Bauten aus ihrem Kontext herauslöst und als architektonische Versatzstücke nach drinnen verschleppt, ihre Formensprache analysiert und das Runde und Eckige zu komplexeren Konstrukten aus Acrylstoff und PVC synthetisiert, markieren diese plötzlich ihr EIGENES Territorium, stellen sie EIGENE Gebietsansprüche, werden sie zu Raumfragmenten, zu fünf einladenden, überdachten Stehplätzen, die erst vollständig sind, wenn sich jemand drunterstellt und die formal verspielten, sinnlichen Konglomerate aus Gewölbtem und Spitzem, glänzenden und matten Oberflächen vorübergehend in Besitz nimmt.

 

Und was MACHT man unter dem jeweiligen Baldachin, nun, wo die Dinger nimmer als Regen- oder Sonnenschutz fungieren? Sich als Teil des Werks fühlen. Die Geborgenheit genießen. Pausieren. Oder man denkt darüber nach, warum jeder "Unterstand" exakt drei Farben hat. He, der eine ist schwarz-rot-gelb! Wie die Fahne von Deutschland! Und Schwarz-Rot-Grün? Afghanistan? Welche Flagge ist allerdings türkis, dunkelblau und gelb? Vielleicht DOCH keine Länderbaldachine.

 

Welche Farbe hat das Vergessen? Grau!

 

Ein Video ("Sharpen") begibt sich dann auf Spurensuche. Eugenia Lai, eine Freundin der Künstlerin, erzählt darin von einem Mr. Chung, einem Messerschleifer und Schuster, der auf einer grauen Wand in Chinatown seine kolorierten Zeichnungen feilgeboten hat (für 20 Dollar das Stück), farbenprächtige Kopien von Zeitungsfotos, bis sein prekärer Arbeitsplatz eines Tages von einer Farbwalze ausgelöscht worden ist, mit einer neuen Schicht grauer Farbe zum Verschwinden gebracht, mit grauem Vergessen.

 

Berührend unsentimental erinnert sich die frisch gestrichene Wand an ihre bunte Vergangenheit, blendet der Film mit seiner minimalistischen Bildsprache die Drachen und Tiger und den Mount Rushmore collageartig ein (oder den Mann, der mit einem Festnetztelefon auf dem Rücken eines Schafs herumturnt). Ein einziges Blatt soll Mr. Chang signiert haben und so hat die Erzählerin seinen Namen erfahren.

Die graue Wand der Erinnerung (oder des Vergessens?): Aquarelle von Sonia Leimer und der Kurzfilm "Sharpen" (mit Eugenia Lai). 
- © Markus Woergoetter/Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Die graue Wand der Erinnerung (oder des Vergessens?): Aquarelle von Sonia Leimer und der Kurzfilm "Sharpen" (mit Eugenia Lai).

- © Markus Woergoetter/Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

 

Den Monitor montiert Leimer nun ihrerseits an einer grauen Wand und ihre eigenen Aquarelle direkt daneben. Zufällige Zusammenkünfte von banalen Objekten auf der Straße, Alltagsrestln (ein angelehntes Bügelbrett, ein Verkehrskegel, ein Vordach wird auf einem Pick-up transportiert), die sie bei ihrem Aufenthalt im Big Apple beiläufig aufgeschnappt hat. Und jeder Fundort wird penibel verzeichnet ("Union Square", "Broadway", "West 34th St / Hudson Boulevard" . . .).

 

Eine Archäologin des Flüchtigen. Und da es sich bei DIESEM Grau um Magnetfarbe handelt, lässt sich die Kunst, die mit kleinen Magneten daran haftet wie auf einer Pinnwand, am Ende der Schau ohne Rückstände entfernen. Als wäre nichts gewesen. Konsequent. Und poetisch. Der Raum spielt auf Zeit und die vergeht.