Nachdem das Künstlertrio Steinbrener/Dempf & Huber in Tirol mit der Planung scheiterten, ihre Touristeninformationsbüro-Attrappe "Cliffhanger" in eine Felswand zu hängen, versuchten sie, in Niederösterreich einen neuen Hotspot in der Natur zu finden, an dem mit Vorliebe Selfies von Wanderern gemacht werden. Sie wurden fündig an den Mirafällen in den Ötschergräben, konnten den Amtsschimmel zähmen und "Cliffhanger" an der wirkungsstarken Destination für Social-Media-Postings montieren.

Von September 2020 bis Oktober 2021 hängt das rote Geschäftsportal in der Felswand neben dem malerischen Wasserfall, erreichbar nur für Kletterer, und es wird darüber diskutiert. Die Liaison der Niederösterreichwerbung und der Initiative von Kunst im öffentlichen Raum des Bundeslandes vereint sonstige Gegenspieler.

Immer und überall ist die rechte Zeit und der rechte Ort für ein Selfie. - © Steinbrener/Dempf & Huber
Immer und überall ist die rechte Zeit und der rechte Ort für ein Selfie. - © Steinbrener/Dempf & Huber

Generation Selfie

Nach der Planung entstand durch die Corona-Pandemie eine völlig veränderte Situation, denn "Overtourism" war auf einmal kein Thema, Kultur und Natur indessen umso mehr. Die Ambivalenz von Kritik reiner Naturliebhaber an Kunst im öffentlichen Raum bis hin zur Identitätsstiftung für eine selbstbestimmte Selfie-Generation, die nicht nur als Narzissten durch die Landschaft laufen, ist bestens geeignet als Vermittler zur dazugehörigen Ausstellung in der Landesgalerie in Krems.

"We are Everywhere. The Cliffhanger Collection" ist ein vom Direktor der Landesgalerie, Christian Bauer, kuratiertes Projekt, das neben bekannten Interventionen des Trios in Wien oder Hamburg auch auf fiktive Kombinationen aus Paris und Bagdad, Indien und Ägypten verweist, sowie den Objekten, Modellen und Bildmontagen des Trios Raum bietet.

In Hamburg bekam Bismarck einen Steinbock auf seinen Denkmalhelm gestellt, in die Jesuitenkirche wurde ein riesiger Stein eingehängt, den Geschäften der Neubaugasse wurde ihre Beschriftung vorübergehend entzogen und im Kunstraum am Nestroyplatz erzielte der Wanderer über den Wassern statt des Nebelmeers einen "Fitzcarraldo-Effekt".

Von diesem Überraschungsmoment spricht Bauer, da das Trio immer das scheinbar Unmögliche umsetzt, was nicht nur aus den vier Professionen, Architektur, Bildhauerei, Grafik und Fotografie, geschöpft wird, auch die künstlerische Forschung und das Kämpfen mit den Institutionen um Verwirklichung spielt eine große Rolle: Seit vor mehr als zehn Jahren der Architekt Martin Huber zu Christoph Steinbrener und Rainer Dempf stieß, haben sie so manche Fehlentwicklung in der Gesellschaft aufs Korn genommen.

Das Trio tritt nun beinahe in die Rolle der Tourismusmanager, die vor Unfällen und Toten warnen, die der Selfieboom der Generation Z mit angestrebten Likes vor sensationellen, aber nur halsbrecherisch erreichbaren Orten begleitet. Zu sehr gehypte Destinationen wurden auch zu Opfern ihres Instagram-Erfolges.

Das Taj Mahal in Gmunden

All dem, und auch der Frage, ob nun Kreuzfahrtschiffe in Venedig ihre Berechtigung haben oder nicht, kann man entgehen in der Schau, die jede Menge Fotomotive für das Publikum bereithält - in Form von großen Plakatwänden, die uns nach Paris/Bagdad oder die Akropolis in Athen führen und sogar zu Großwildjägern in Afrika machen: mit der Aufschrift "wild and free" neben abhängendem ausgeblutetem Löwen. Hier kann man sich zudem an den Strand legen mit anderen, ein Gefängnis besuchen in vier verschiedenen Hauptstädten oder an einem Perchtenlauf teilnehmen.

Besonders poetisch sind die Modelle und Fotocollagen, egal ob die Sphinx in Gizeh oder ein Zeppelin. Das Taj Mahal wird mit den grünen Streifen der Gmundner Keramik ironisch heimatlich gemacht. Geschäfte von Hugo Boss und Cartier stecken in historischen Gemäuern wie der Hamburger Speicherstadt oder dem Wiener Stephansdom. Daneben wehrt sich die Natur, und es fahren Spechte mit ihren Schnäbeln in Musikinstrumente ein, stecken aber auch senkrecht kopfüber im Sandstrand von Jesolo fest. Paradiese mit Ablaufdatum oder im Teich ober dem Belvedere ein versinkender Gemeindebau. Wir tanzen zu unserem fröhlichen Selfie-Tod.